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Der Israelit · 1899-05-29 · Heft 42 (29.5.1899) · p. Seite 803

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 42 (29.5.1899)
Date
1899-05-29
Page
Seite 803 (sequence 9)
Language
German
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XL. Jahrgang. Beilage ju M 42 4es ^Israelit". Leitender Artikel. Antisemiten unter sich. München, im Mai. Die Kardinaltugend eines deutschen Mannes besteht einzig und allein in seiner Zugehörigkeit zum Antisemitismus. Hervorragende Gaben des Geistes, glänzende Charaktereigenschaften, gediegene Bildung, bedeutende Leistungen auf dem Gebiete von Wissenschaft und Kunst, all diese Dinge sind nichtig und gleich einer tauben Nuß, wenn derjenige, dem sie eigen sind, nicht gleichzeitig als glänzenden Schmuck und höchstes Verdienst den Nachweis erbringen kann, waschechter Antisemit zu sein. Zwar gibt es noch Naive, die in ihrer Unerfahrenheit glauben, die christliche Religion, als deren Hüter und Schirmer sich gewisse „Deutsche" so gern aufspielen, bedinge als wichtigste Glaubenssätze nicht blos die Nächstenliebe, sondern sogar den Feinden Gutes zu erweisen. Allein die antisemitischen Apostel von heute haben es in ihrer beispiellosen Weisheit längst herausgeklügelt, daß die Liebe und das Mitgefühl für die göttlichen Geschöpfe erst bei derjenigen Kategorie zu beginnen habe, welche mit Horn und Schweif bedacht worden ist. Zwar gibt es nebenher noch ungezählte Arten von Menschenquälereien, die jedoch diese Ehrenmänner ebenso kühl lasten, wie die jahraus, jahrein massenhaft stattftndenden Pferderennen, gelegentlich welcher die Thiere in geradezu jämmerlicher Weise gemartert werden, von den unendlich vielen Jagden, Schnitzeljagden, Parforce-Jagden u. s. w. ganz zu schweigen. Die Liebe und das Erbarmen für die von Gott gebilveteten Wesen hat sich einzig und allein zu concentriren auf die Sorge, daß die Ochsen auf echt arische, rein germanische Weise ihren Geist ausgeben; das ist ein Ziel, des Schweißes der Edlen und Besten werth und so lautet das Evangelium, auf welches alle Gläubigen vom Antisemitismus zu schwören haben. Sollte man nun nicht glauben, daß Brüder, die durch solche Bindemittel aneinandergereiht sind, stets Hand in Hand gehen, und daß in ihrem Lager allezeit „holder Friede, süße Eintracht" herrschen müßten? Trotzdem ist eS — wenigstens in ihrem hiesigen Lager — nicht ganz genau so. Hiesür nur ein ganz kleines Pröbchen. Im Herbst 1897 sprach hier im Münchener Kindl-Keller der Tugendbold Ahlwardt. Im Verlaufe des Abends erklärte ein Redner, er sei überzeugter und gesinnungstreuer Antisemit, es könne jedoch den Antisemiten Bayerns unmöglich zugemuthet werden, unter Führung eines Wenng weiter zu kämpfen. Das gab Genanntem Anlaß, heftig vom Leder zu ziehen, ein Donnerwetter gegen verschiedene Meuterer innerhalb seiner Truppe loSzulaffen und besonders scharf auszufallen gegen zwei Herren, deren Lob er lange Zeit in allen Tonarten in seinem Blatte gesungen hatte, den Rechtsanwalt Schilein und den Postexpeditor Scheidler, welche er direkt der Verleumdung zieh. Seit dieser Zeit scheint es innerhalb der Partei zu schäumen und zu brodeln, wie in einem Hexenkestel, was verschiedene seither stattgefundene Gerichtsverhandlungen gezeigt haben. Recht anmuthig liest sich ein Artikel im „Deutschen Volksblatt" der ein Streiflicht auf das Stillleben der antisemitischen Kämpfe wirft und Zeugniß ablegt von dem Vertrauen, mit welchem sich diese Herren gegenseittg beehren : „Gegen den Herausgeber des Deutschen Volksblatt" Herrn L. Wenng in München waren in den letzten Jahren verschiedene ehrenrührige Gerüchte in Umlauf gebracht und verbreitet worden. Als Grundlage für die deßhalb von Herrn Wenng angestrengten Beleidigungsprozeste hat derselbe die Einleitung einer gerichtlichen Untersuchung hinsichtlich dieser Beschuldigungen beantragt, welchem Anträge auch stattgegeben wurde. Die 3. Strafkammer des kgl. Landgerichtes München I hat nunmehr diese Untersuchung abgeschlossen und das Verfahren auf Antrag des Staatsanwaltes unter Ueberbürdung der Kosten auf die Staatskaste eingestellt. Wie in dem Einstellungsbeschluß ausgeführt wird, hat die umfangreiche Zeugenvernehmung nicht den geringsten Nachweis dafür ergeben, daß Wenng je die Ansicht gehabt hat, sich einen rechtswidrigen Vortheil zu verschaffen oder das Vermögen anderer zu schädigen, im Gegentheil erscheint es als höchst wahrscheinlich, daß derselbe aus dem ehefraulichen Vermögen mehr als achttausend Mark aufgewendet habe, um trotz der nachgewiesenen Fehlbeträge, mit denen die Herausgabe des „Deutschen Volksblattes" immer verbunden war, da» Erscheinen desselben zu ermöglichen. Was die Verwaltung der Parieigelder anlange, so habe weder Wenng noch andere Betheiligle annehmen können, daß die Verwendung derselben, so wie geschehen, jemals einer Beanstandung unterliegen werde. Da Herr Wenng verschiedene BeleidigungSprozeffe anhängig gemacht hat, dürfte diese Affaire angesichts der Sachlage für die Erfinder und Verbreiter jener Nachreden noch unangenehme Folgen nach sich ziehen." Demnach werden die Retter de» „TeutschthumS" unter einander sich hübsch in die Haare gerathen, wobei noch erbauliche Dinge ans Tageslicht kommen dürfen.

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