Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 42 (29.5.1899)
- Date
- 1899-05-29
- Page
- Seite 801 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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801 Feuilleton. iebet eure Weinde." «---»- Eine apologetische Erzählung Von Aunolrr l&tmtu 1*0 Nachdruck verboten. Rauenthal lag etwa eine Wegstunde von Göllheim entfernt. Die Straße führte zuerst die Chaussee entlang, um dann in einen schmalen Fußpfad 51t münden, der dicht am Ufer eines munter sprudelnden Baches bis in das Dorf führte. Wegner hatte den wundervollen Sommertag, der schimmernd über Flur und Feld lag, benützt, um zu Fuß nach Rauenthal zu wandern, obwohl ihm zu Hause Pferd und Wagen zur Verfügung standen. Mißmuthig im höchsten Grade, mit sich selber hadernd und seine Saumseligkeit verwünschend, hatte er dem Dorfe wieder den Rücken gekehrt und wanderte jetzt im Schalten vielverzweigter Weidenbäume den Fußpfad entlang. Den Spazierstock wuchtig in die Erde stoßend, als wollte er damit seinem Aerger Luft machen, schritt er dahin, auf nichts achtend, was um ihn vorging, nicht auf den Sonnenschein, der glühend auf den Höhen lag und die Beeren an den prächtig belaubten Weinstöcken mit feurigem Safte füllte, nicht auf das leise Rauschen der Aehrenfelder, die mit fruchtstrotzenden Halmen im Winde wogten, nicht auf das frische Plätschern des Baches, der munter über Geröll und Steine hinweghüpftc. Von Zeit zu Zeit schob er mit dem Fuße mißmuthig die riesenhaften Blätter der Kletten zur Seite, die am Wegrande wachsend, in den Pfad hineinragten. Sie ärgerten ihn, diese Blätter, und waren doch so unschuldig. Einmal hob er den Blick und schaute in die Ferne, ob denn noch nicht die Chaussee nahe sei. Da sah er sie auch schon, wie einen weißen Streifen und eine Staubwolke lag darüber, die ein schwerer Lastwagen aufgewirbelt hatte. Auch einen Menschen sah er auf der Chaussee gehen und jetzt sah er denselben auch in den Fußpfad einbiegen. Er kam auf ihn zu. Wegner stutzte. War das nicht der Mensch, der Biesfeld? Wahrhaftig, kein Anderer! Da stand er auch schon vor ihm, ein strahlendes Lächeln auf dem breiten Gesicht. „Ra, da sind Sie ja!" rief er, ihm die Hand hinstreckend, „bin Ihnen ein Stück entgegengegangen. Ihr Mädchen sagte mir. Sie müßten bald von Rauenthal zurückkommen! Verdammt heiß hier auf der Chaussee! Hier ist's besser!" Er wischte sich aufathmend den Schweiß von der Stirne. „Ra, nun gehen wir zusammen zurück," fuhr er dann fort, „wenn Ihnen meine Begleitung recht ist heißt das! Sie sehen ja schrecklich brummig drein! Was ist Ihnen denn über die Leber gelaufen?" Sie gingen schon nebeneinander weiter, nach Göllheim zu. „Mir? Nichts!" brummte Wegner. seien Sie nur nicht gar zu wortkarg!" schmollte Biesfeld nun, „Hab' Ihnen doch nichts zu Leid gethan. Sie sehen doch, ich nehme Antheil an Ihnen." „Was Hab' ich von Ihrem Antheil?" warf Wegner unwillig hin. hören Sie mal, muß man denn von Allem gleich etwas haben? Ich dächte doch, Ihres Vertrauens endlich werth zu sein. Sie wissen ja, daß ich's ehrlich mit Ihnen meine. Also verübeln Sie mir die neugierige Frage nicht: Was haben Sie in Rauenthal für einen Aerger gehabt?" Wegner blieb stumm. Der kleine Schauspieler an seiner Seite mußte also anders zu Werke gehen. Er ließ erst einige Minuten wortlos verstreichen, dann blieb er mit einem plötzlichen Ruck stehen und legte die rechte Hand auf die Stirn. „Rauenthal?" begann er langsam, wie sich mühsam auf etwas besinnend, „war denn das nicht das Dorf, in welchem vor einigen Wochen der große Brand wüthete?" Wegner, der ein paar Schritte weiter gegangen war und nun mit dem Gesicht zu Biesfeld Hinstand, nickte nur. „Und wollten Sie nicht — mir ist doch, als hätten Sie mir mal davon erzählt — wollten Sie nicht da zu den Neubauten die — die Hölzer liefern?" Er machte eine kleine Pause, dann fuhr er, als wäre ihm jetzt die volle Erinnerung wiedergekehrt, im Weiterschreiten fort: „Aber, gewiß doch, ich entsinne mich ja ganz deutlich, in der kleinen Restauration am Bahnhof in H. war es, und dann — sagen Sie doch, das war ja wohl die berühmte Liebesthat Ihres Intimus Feist, die Ihr Freundesband wieder fest knüpfte, er hatte Ihnen doch bei Rubo den Ankauf der Hölzer gerathen und besorgt? Ja, jetzt entsinne ich mich auf jedes Wort, das Sie damals gesprochen.haben! Sie waren ganz begeistert-Na — ist's denn nun was geworden? Haben Sie den Auftrag in Rauenthal bekommen?" „Nein, nicht bekommen Hab' ich ihn!" platzte jetzt Wegner in seiner Aufregung heraus. „Nanu! Sie sagten doch, die Rauenthaler seien seit je Ihre treuesten Kunden?!" warf Biesfeld verwundert hin. „Waren Sie auch!" wetterte Wegner, „der Teufel mag wissen, was dahinter steckt!"