Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 52 (3.7.1899)
- Date
- 1899-07-03
- Page
- Seite 1011 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1011 schreien, „der Judenpabst war beim Pfarrer; er wollte den Pfarrer rumkriegen! Zahlt's ihm heim, dem Judenpabst! Schmeißt ihm die Scheiben ein und schleppt ihm die Maaren weg-!" „Zum Judenpabst — zum Judenpabst" — tönte es wieder; jeder Einzelne versah sich mit wirksamen Wurfgeschossen und im Sturmschritt eilte man die Stufen hinab, durch das Gäßchen und machte, um die Ecke biegend, halt vor dem Häuschen unseres Seligmann Feist. Feist hatte die Gewohnheit, jeden Abend mit seinem Sohne etwas Pentateuch zu lernen. Zuerst wurden die Schularbeiten erledigt, die David übrigens flott von der Hand gingen, da er äußerst schnell faßte und zur Freude seiner Eltern die hoffnungsreichsten Fortschritte aufwies; dann wurde — nach dem Abendessen — der Urtext der heiligen Schrift vorgenommen, übersetzt, erklärt, gefragt: es war für Seligmann Feist die schönste Stunde des ganzen Tages. Auch an diesem Abend hatte der Vater der lieben Gewohnheit nicht entsagt. Zwar war er heute nicht so ganz bei der Sache, und wenn er auch seit dem Mißerfolg bei Pfarrer Tettenborn in Bezug auf den Ausfall der Wahl völlig resigniert war, in der Meinung, daß bei der wüthenden Agitation, die vorangegangen, an einem Sieg der Feinde nicht zu zweifeln sei, so konnte er doch eine gewiffe innere Aufregung den ganzen Tag über nicht los werden. Daß noch an demselben Abend das Resultat zu seiner Kenntniß kommen werde, hoffte er übrigens nicht. „Gedenke dcffen, was Dir Amalek gethan auf dem Wege, als Ihr aus Aegypten zöget." So hatte David eben übersetzt. Er saß am Tisch, Feist ging in der Stube auf und ab, die Mutter war noch in der Küche und Rifka saß mit einer Handarbeit beschäftigt. „Was hatte denn Amalek gethan"? fragte der Vater. Es hatte Israel angegriffen", war die Antwort David's. „Nun", fragte Feist weiter, „weshalb wird gerade das Gedächtniß an diesen Angriff so nachdrücklich eingeschärft? Israel hatte doch auch noch manche andere Angriffe zu überstehen?" David wußte keinen Bescheid zu geben. Da begann Feist, immer auf- und abgehend, als ob er zu sich selber spräche: „Paß aus, mein Sohn! Der Angriff Amaleks war eine von Gott gesandte Strafe für Israel. Das Volk hatte die Gnade Gottes schon so vielfach er' fahren, schon einmal hatte er ihm das bittere Wasser trinkbar gemacht, und das Manna, das wunderbare Himmelsbrod fiel Tag um Tag hernieder. Gleichwohl hatte das Volk schon wieder und dringender gemurrt, als ihm aufs Neue das Trinkwaffer mangelte. Sie vermaßen sich sogar, an Gottes Führung zu zweifeln und fragten frech: ,Jst Gott in unserer Mitte oder nicht?' „Da kam Amalek" fährt die Schrift fort, und Amalek konnte nur besiegt werden, wenn Israel wieder sein Gottvertrauen gewann, wenn es nach der Höhe empor, nach derjenigen Richtung blicken lernte, die Moscheh's hochgestreckte Arme deutlich zeigten-. ..Nun sieh', mein Sohn", da blieb Feist vor David stehen und fuhr bedeutungsvoll fort, „Amalek ist nicht untergegangen, der Feind, der Israel angreift, lebt immer aufs Neue auf, nur die Form seines Angriffes ist in jedem Zeitalter eine andere. Immer aber ist ein Angriff Amalek's eine Strafe für Israel, und das ist's, .woran Israel denken soll für ewige Zeiten, nicht an Amalek und an seinen Angriff, sondern an sich selbst und an die Schuld, durch die es den Angriff verdient hatte. Sieh, mein Sohn, auch heute ist's nicht anders. Auch heute hat Israel kein Vertrauen mehr auf Gott, darum weicht es ab von seinen Geboten und geht vergänglichen Dingen nach. Darum gilt uns auch heute die Mahnung: Denk' an Amalek, denke daran, weshalb Amalek kam, denke aber auch daran, wie er besiegt wurde: Blicke auf Dich selbst und blicke zu Gott empor!" „Wo ist denn aber heute Amalek, Vater?" warf David fragend ein. In diesem Augenblick drang das ferne Toben der anfgehetzten Menge deutlich heraus und lenkte die Aufmerksamkeit der drei Menschen ab. „Was ist das für ein Lärm. Seligmann?" Mit dieser Frage kam Frau Hannchen aus der Küche herbei. Seligmann öffnete ein Fenster, das nach der Seitengasse ging und sah die Wüthenden gerade heranstürmen. Er hielt das Geschrei für den Siegesjubel der Feinde und, das Fenster schließend, und sich wieder in die Stube wendend, sagte er: „Das ist Amalek, mein lieber David!" Da erschütterte ein fürchterliches Getöse das ganze Haus. Ein Klirren, Brechen, Krachen, dazwischen dumpfe Schläge, als sollte das Haus auseinanderbersten! Blaß, sprachlos, blieb Feist stehen und lauschte. Wie ein Blitz kam ihm die Erkenntniß des Wahnsinnigen, das da unten geschah. Endlich fiel die Meute her über das wehrlose Wild, nachdem sie es halb zu Tode gehetzt! „Ihr bleibt ruhig hier!" gebot Feist den Seinen kurz. Dann ergriff er die brennende Lampe, welche auf dem Tische stand, und stieg mit ihr in der Hand