Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 52 (3.7.1899)
- Date
- 1899-07-03
- Page
- Seite 1005 (sequence 1)
- Language
- German
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Xt. Jahrgang. mrs*. Der Israelit. Ein Henlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. gefimann in HHata? Montag, den 3. Jntt 5«8V (1SVS). Leitender Artikel. Die Göttlichkeit der Thora. Von Sally Geis, Frankfurt a. M. So unrecht haben sie nicht, die Alten im weißen Haar, wenn sie die Zeiten ihrer Jugend preisen. Einem ruhig und träge dahinziehenden Fluffe gleich vergingen des Lebens Tage. Seltener war die bleiche Sorge um das tägliche Brod, unbekannt die fliegende Hast, das Treiben und Jagen, womit heute ein Augenblick den andern überstürzt. Auch ftand sich damals ein Jeder noch gut mit seinem Gotte. Juden und Christen hielten gläubigen Sinnes das vorgeschriebene Wort, ohne viel nach dem Wie und Warum zu fragen. Aber selbst dieses heilige Gebiet verschonte nicht das alles umwälzende Sturmeswüthen einer neuen Aera. An die Stelle des treuherzigen, kritiklosen Glaubens, trat nun dessen unglückseliger Gegenfüßler, der Unglaube. Und so sehen wir auch inmitten des jüdischen Volkes bald Männer auftreten, die mit frecher Stirne sein köstliches Kleinod, seinen Träger, Beschützer und Erhalter durch alle Gefäbrnisse der Zeiten — die heilige Thora— für ein Menschenwerk erklärten und die dementsprechend den geschichtlichen Theil des Buches der Bücher — so z. B. den Auszug aus Aegypten, die Gesetzgebung am Berge Sinai u. s. w. in das Reich der Fabel verwiesen. Wahrlich! wie ein gewaltiges Erdbeben durchliefs im Anfang dieses Jahrhunderts Europa; selbst 'Throne wankten. Und als die Erschütterung vorüber war, da hatte augenscheinlich Israel den Todesstoß davongetragen. Hinter ihm lag das traurige Andenken seines materiellen Elendes, doch vor ihm sperrte ein weit gräßlicheres Ungethüm den Rachen auf: sein geistiges Elend! Man vergaß die Vergangenheit und hatte nicht die Zukunft. Ein zweiter Turmbau von Babel drohte seine Spitze in den blauen Aether zu erheben. Gott hatte während des langen Regimes des Pfaffen- und Junkerthums die Menschenrechte ruhig mit Füßen treten lassen und deshalb wollte man mm>u,' „dreaer Faust ein neues Menschenthum begründen; und tzer ohne Gott, mit oder ohne Religion. nanr^ Aber! — Sin^^ie Fäden Gottes auch gar fein gesponnen, so umfaffen sie trotzdem selbst das unscheinbarste Körnchen, Alles, was webt und was schwebt im Himmel und auf Erden, von den umwälzendsten Elementar-Ereignissen bis hinab zu der geringsten Veränderung der unsichtbaren Atome, alles umgreifen sie mit ihren Armen. Und all' die Millionen und abermals Millionen Fäden laufen zusammen in der Hand des Einzig-Einen, gelobt sei sein Name. Und wer nach ihnen sucht, er sieht sie. Er sieht sie sowohl im engen Kreise seines persönlichen Wirkens, als auch in den wechselreichen Vorfällen der Allgemeinheit, sowohl in der Gegenwart, als auch in der Vergangenheit. So wird jetzt endlich die Menschheit durch die überzeugende Sprache einer Jahrtausende umfassenden Vergangenheit zu der Erkenntnis gezwungen, daß es einen Gott gibt, der in die Geschicke der Erdbewohner eingreift, denn daß dieses Bewußtsein sich allmählich Geltung verschafft, beweist der Sprichwortschatz des deutschen Volkes, der — wohl als einen seiner jüngsten Sprößlinge — den Satz enthält : „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht." Diese Weltgeschichte ist es auch, die uns