Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 37-38 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 710 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Bethau» nicht, da da» ganze jüdische Leben ein fortgesetzter Gottesdienst sein soll, also auch für nv'nrr', mpa Religionsunterricht, Sabbatheiligung u. s. w. Sorge getragen werden müsse u. zw. nach den Vorschriften der Schulchan-Aruch. In dieser Beziehung sind die gesetzeLtreuen onirr auf sich selbst angewiesen und es bedarf des Zusammenwirkens Allcr, die die j ü d i s ch e n Institutionen nach richtigen Grundsätzen eingerichtet sehen wollen, um etwa» zu Stande zu bringen. Dieses Zusammenwirken zu erreichen, sei der Zweck der geplanten Vereinigung, die kein Kampsverein sein soll, sich in die Angelegenheiten der CultuSgemeinde nicht mischen solle, sondern in der CultuSgemeinde unsere Ziele fördern werde, die leider nicht die Ziele der großen Majorität sind. Die Ausführungen des Redners begegneten allgemeiner Zustimmung und wurde von den ca. 150 Anwesenden einstimmig die Gründung der Vereinigung beschlosien. E» wurde ein provisorisches Komitee gewählt, mit der Ausgabe die Statuten zu entwerfen und die vorbereitenden Arbeiten zur Vereins-Gründung zu machen. In das Komitee wurden entsendet Herren: I. M. Bels, Aron Bondi (Herr Marcus Bondi lehnte wegen Geschäftsüberbücdunz ab), Simon Buchwald, Moritz Felsenburg, R. Hecht, Bernhard Hofbauer, David Horov'tz, Jakob Marx, Bernhard Schiff, Moritz Silberstein, Jakob Stern, mit dem Aufträge sich durch Berufung geeigneter Persönlichkeiten möglichst aus allen Wiener Bezirken zu ergänzen. Das Komitee konstituirte sich und wählte Herrn B. Hofbauer zum Vorsitzenden, Herrn Aron Bondi und Wolf Pappenheim (cooptirt) zu Beisitzern. Lernberg, 2. Mai. Der hochgeehrte auf dem Gebiete des Talmuds berühmte Mann I. Wolf Salat ist, wie wir bereits berichteten, im 72. Jahre seine» Lebens in Gott verschieden und am 14. v. M. zur ewigen Ruhe bestattet worden. Wir heben aus dem Leben de» Verstorbenen einen Zug hervor, welcher seinen Seelenadel charakterisirt. Nämlich, als er mit seinem Sohne Meschulam vor Monaten durch die Straße ging, begegneten sie einem Leichenzug, dem gar keine Begleitung folgte. Sie schloffen sich diesem Leichenzuge an und begleiteten ihn bis zum Friedhofe, der weit von der Stadt entlegen ist. Als sie dort anlangten, wurde dieser Leiche ein Grab im entlegensten Winkel de» Friedhofes dem Platz für sogenannten Orchim (fremde Arme) angewiesen. Er richtete die Frage an seinen Sohn: Ist hier der aulom-hoemes (die Welt der Wahrheit), wo kein Unterschied zwischen Menschen gemacht werden sollte und warum muß dieser Mann, der ehrlich und gotteSfürchtig war, gerade in diesem entlegenen Winkel de» GotteSacker» liegen? Er besorgte dieser Leiche einen Leichenstein, verfaßte den Text desselben und befahl in seiner letzten Anordnung, daß er selbst in diesem Theil des Friedhofes beerdigt werde, welchem Wunsche auch entsprochen wurde, trotzdem er es wahrlich verdient hat an der Seite unserer großen Rabbiner zu ruhen, und die Friedhofverwaltung es mit der größten Bereitwilligkeit gethan hätte. Dieser Fall zeigt, daß seine Seelengröße mit der größten Gerechtigkeit und Bescheidenheit gepaart war. Aber er fordert auch auf, den unjüdischen Mißbrauch abzuschaffen, wonach arme, ehrliche Fremde, die gestorben sind, separat beerdigt werden, rraaun. Letzte Nachrichten. Berlin, 9. Mai. Wie nutzlos die Zeit de- Reichstags verschwendet werden kann, wenn er beschlußunfähig ist, hat wieder einmal so recht deutlich die heutige Sitzung gezeigt. Wenn es etwas gibt, so schreibt die „Franks. Zeitung", was in diesem Reichstage aussichtslos ist, so ist es der in das Gewand der Thierfreundlichkeit gehüllte Antrag der Antisemiten, diejenige Schlachtmethode 311 verbieten, die man gewohnlich das Schächten nennt. Das hat die erste Lesung dieses Antrags mit voller Deutlichkeit ergeben. Alle großen Parteien des Reichstags, bis auf die Antragsteller selbst, und einen Theil der Rechten wollen von dieser praktischen Politik des Antisemitismus nichts wissen. Die Emen nicht, tveil sie in religiöse Empfindungen einer Minderheit nicht eingreifen wollen; die Andern nicht, weil nach dem Gutachten von Sachverständigen, von wissenschaftlichen Autoritäten, die angeseindete Schlachtmethode humaner ist als das empfohlene vorbeiige Betäuben der Schlachtthiere. Die Sache ist für den Reichstag abgethan; der Antrag wird, wenn es 311 einer Abstimmung kommt, mit einer Mehrheit von vier Fünfteln oder fünf Sechsteln abgelehnt werden. Heute fland er nun zur zweiten Lesung, und man hat glücklich eine ganze Sitzung, vier Stunden damit zugebracht. Kein Mensch hat Neues mehr darüber zu sagen. Die Wortführer der Parteien haben sich darauf beschränkt, die Erklärungen gegen den Antrag kurz zu wiederholen. Die Herren Antiseunlen aber batten das Redebedürfniß. Reden ist ja ihre einzige parlamentarische Thätigkeit. Herr Liebermann v. Sonnenberg hat einen langen Portrag gehalten, in dem er sich Legen die wissenschaftlichen Gutachten ausspielte und sich in den derben antisemitischen Scherzeit gefiel, die eine Spezialität dieses unerschrockenen Herrn sind. Natürlich hat er und sein Freund Bindewald wieder betheuert, daß ihr Antrag aus reinein Mitgefühl gegen die Thiere gestellt sei und sich nichi gegen die Juden richte, ftetn Mensch glaubt ihnen das. Wenn sie nur als Vorkälnpfer der Thierschtitzvereiue erscheinen, die übrigens zum Theil gar nichts von diesem Anträge wissen wollen, dann könnten sie ihre humane Thätigkeit unmöglich auf diese Schlachtsrage beschränken. Sie müßten ihr empfindsames Herz, wie ihnen auch heute gesagt worden ist, doch anch gegen andere unbestreitbare Thierguälereien, gegen die Jagd und besonders gegen jdie Hetz- und Parforcejagden, sprechen lassen. Es kommt dazu, daß ihre Presse und ihre Redner außerhalb des Hauses seit Jahren diesen Schächtantrag ledig als einen antisemitischen Vorstoß behandeln, und daß sie selbst im Reichstage trotz aller Vorsicht stellenweise in denselben Ton verfallen. Wozu die Komödie? Der Antrag ist das Hanptstück antisemitischer praktischer Politik, und darum klammern sie sich an ihn und suchen ihn zu konserviren. Als es zur Abstimmung kommen sollte,