Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-05-08 · Heft 36 (8.5.1899) · p. Seite 693

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 36 (8.5.1899)
Date
1899-05-08
Page
Seite 693 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2448987--48229-2498614
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

693 hervor, daß die Spenden zum Bau der Kirche von Angehörigen aller Konfessionn geflossen seien. Er bemerkte dann, man spreche in unfern Tagen oft von Toleranz, der Ausdruck Toleranz leite sich von dem Worte tolerare ab, welches gleichbedeutend mit „ertragen" fei. Der Katholik solle aber die Nichtkatholiken nicht als ein Uebel betrachten, das zu ertragen sei, er solle auch dem Nichtkatholiken die Liebe, die ja jedem Nächsten zu bezeigen sei, entgegenbringen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Lemberg. So wie in jedem Jahre, so zeigte sich auch Heuer das edle Herz des hier bekannten Philantropen Herrn Dr. W. Holzer im schönsten Lichte, indem durch seine Initiative 70—80 arme Personen am Pesach-Feste während aller acht Tage verköstigt wurden. Wenn unsere Mitbürger seinem Beispiele in jeder Hinsicht Nachkommen würden, so wäre manchem Uebel abgeholfen und die Stagnation in vielen Zweigen der Wohlthätigkeit beseitigt. Herr Dr. Holzer ist ein Mann der That, kein Hinderniß schreckt ihn zurück, wenn es sich darum handelt, etwas Edles, Humanes zu stiften, und Dank seiner Anregung bestehen hier viele Wohlthätigkeitsanstalien, so die koschere Küche im christlichen Spitale, die unentgeltliche Bespeisung armer Schulkinder, der Verein „Asyl für arme Durchreisende" und noch andere humane Institute. Nachod (DieNachwehen der Exzesse.) Seit Beginn der gerichtlichen Verhandlungen in Königgrätz hat sich der über die jüdischen Geschäftsleute in Nachod verhängte Boycott geradezu in eine Vlocade umgewandelt. Die Läden werden streng überwacht, und es ereignen sich Fälle, daß Käufer direkt aus den Geschäften hinansgezerrt werden, wenn es nicht vorher gelungen ist, sie durch Drohungen von dem Betreten des Lokals zurückzuhalten. Ein Weib, das die Arbeiter der Katzau'schen Fabrik mit Semmeln aus der Heller'schen Bäckerei versorgte, machte durch einige Tage die Erfahrung, daß ihr der ganze Vorralh übrig blieb. Die Frau wußte sich dies nicht zu erklären, bis endlich einer der Arbeiter, der Mitleid mit ihr empfand, auf sie hinzutrat und ihr sagte, sie stehe umsonst mit dem Korb da, die Arbeiter kaufen keine jüdischen Semmeln. Das Weib ist keine Jüdin, sie bezog nur das Gebäck von einem jüdischen Bäcker. Man hört ganz offen aussprechen, daß man die Juden verantwortlich machen werde für die Verurtheilungen der verhafteten Arbeiter in Königgrätz. Ein unter der Patronanz der radikalen Partei herausgegebenes czechisches Blatt führt gegen die jüdischen Fabrikanten eine anfreizende Sprache, die verhafteten Excedenten werden geradezu als Märtyrer hingestellt, und thatsächlich sucht man die in Mitleidenschaft gezogenen christlichen Geschäftsleute einzuschüchtern, ihre Ersatzansprüche ja nicht geltend zu machen. Goltsch Jettikau, 4. Mai. Da in der hiesigen Stadt Gerüchte verbreitet wurden, daß der hiesige Schächter an dem Morde in Polna betheiligt sei, macht sich eine tiefgehende Bewegung gegen die Israeliten bemerkbar, weshalb die Behörden umfaffende Sicherheitsmaßregeln getroffen haben. Bisher wurde die Ruhe nicht gestört. (Bekanntlich sind die in dem voranstehenden Telegramm erwähnten böswilligen Gerüchte bereits widerlegt, und es ist nachgewiesen worden, daß der Schächter von Goltsch-Jenikau zu der Zeit, als der Mord in Polna verübt wurde, seinen Wohnort gar nicht verlassen hat, daß gegen ihn keine Untersuchung eingeleilet und er auch nicht verhaftet wurde. Red. Gyanta (Comitat Biharer). Die hiesige kleine und aus fast Armen bestehende jüdische Gemeinde ersuchte die Repräsentanz zur Errichtung eines rituellen Bades, welche Bitte abschlägig erledigt wurde. Als der ehrwürdige Ortspfarrer, Herr Diößegb Mihaly hiervon Kunde erhielt, sprach er in der Kirche über allgemeine Menschenliebe, wie auch über konfessionelle Toleranz sehr begeisternd und bezeichnete es als religiöse Pflicht der christlichen Gemeinde, der jüdischen Gemeinde ihre gedachte Bitte zu erfüllen. Ueberdies versprach er der Gemeinde, ihr zur Erbauung eines Tempels Geldbülfe zu leisten. Unter dem Eindrücke dieser begeisterten Rede beschloß die Ortsgemeinde einstimmig, der jüdischen Gemeinde nicht nur zu einem rituellen Bade, sondern auch zur Erbauung eines Tempels einen Grund unentgeltlich zu überlassen. Zur Realisirung dieses Beschlußes hat auch der Bezirks-Notar Herr Korom Joßef angeeifert. Möge diese Musterthat die weiteste Nachahmung finden und wie in Ungarn so überall konf. Toleranz vorherrsch endsein. Vermischtes. < Wien Hierselbft ist der ehemalige langjährige Tireetor des Israelitischen Taubstummen-Jnstituts. kaiserlicher Nath Joel Deutsch, im Alter von 80 Jahren gestorben. Budapest, 8. Mai. (Eine Reminiscenz an den T i s z a - E s z l a r e r Proze ß) Nor Kurzem wurde aus Amsterdam gemeldet, daß der Kronzeuge im Tisza- Eczlarer Prozesse, Moritz Scharf, dort gestorben sei. In einem an seine Eltern eingelangten Briefe demeniirt Moritz Scharf diese Todesnachricht. Er habe Sorge getragen, daß, falls ihm wirklich etrvaS widerfahre, ein Freund die Eltern direct benachrichtige. Briefkasten der Redaktion. C. in S.: Wir nehmem keine Räthfel auf, deren Auflösung uns borenthalten wird. Briefkasten der Expedition. Ungenannt, Karlsruhe: M. 12.— erhalten. SW. L. in B.: Betrag von fl. 8.— dankend empfangen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.