Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-05-04 · Heft 35 (4.5.1899) · p. Seite 678

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 35 (4.5.1899)
Date
1899-05-04
Page
Seite 678 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2448986--48205-2498589
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

678 Bürstenbinder, 1 als Elektrotechniker, 1 als Uhrmacher. Die Einnahmen beliefen sich auf M. 16,710.40, die Ausgaben auf M. 15,778.92. Die gewöhnlichen Ausgaben betrugen M. 12,878.48. Das macht pro Tag im Durchschnitt M. 0,90 für jeden Schüler. Die Gesammtzahl der Verpflegungstage betrug 14,900. Mit dieser bescheidenen Summe wird der ganze Unterhalt jedes Zöglings — Kost, Kleidung, Wäsche, Unterrichtsausgaben, Heizung, u. s. w. — bestritten. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Prag, 25. April. (Eine ausgelösieZionistenversammlung.) Die für gestern in den großen Saal der Produktenbörse einberufene „jüdische Volksversammlung", in welcher der Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Kahn aus Wien über den Zionismus als Endglied der jüdischen Wellwanderung sprechen und Herr Aork Steiner aus Wien seine Reiseeindrücke aus Palästina schildern sollte, nahm einen höchst stürmischen, unerwarteten Verlauf. Die Einberufer der Versammlung, „wilde" Zionisten, die noch nicht organisirt sind, hatten offenbar wenig Vertrauen in das Jntereffe gesetzt, welches der Zionismus unter den Juden Prags bisher gefunden hat. Jndeffen war es für Kenner der Verhältnisse zweifellos, daß diese Volksversammlung starken Zulauf haben würde. In einem hiesigen Gymnasium — vielleicht auch in den übrigen Mittelschulen — wurde den Schülern sogar, gewiß im Hinblick auf diese Versammlung jene Bestimmung der DiSciplinarvorschriften in Erinnerung gebracht, welche die Theilnahme an öffentlichen Zusammenkünften untersagt. Daß der hiesige czechisch-jüdische politische Verein seine Mitglieder mittelst Correspondenzkarte zum Besuch der Versammlung aufforderte und ihr Erscheinen als dringend nothwendig bezeichnet^ wurde von den arrangirenden Zionisten als ein gutes Zeichen für das Jntereffe an der zionistischen Sache ausgefaßt. Der Saal war lange vor Beginn des Vortrags bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Es herrschte eine wahrhafte Gluth in dem großen Raum, der sonst der profanen Aufgabe der primitivsten Voltsernährung gewidmet ist. Aber noch immer zog das Publikum, aus Damen und Herren, aus Angehörigen verschiedenster Berufklaflen und Altersstufen bestehend, zu, so daß sich der Portier genöthigt sah, das große Gitterlhor zu schließen, und vom nahen Polizei-Commiffariate eine Abtheilung Sicherheitswache herbeigestellt werden mußte, um dem Andrang zu wehren. Da half freilich kein Parlamentiren mehr, Schaaren zogen ab. Einzelne drangen vom kleinen Saal her, eine große Flügelthür eindrückend, in das Versammlungslokal. Dort zeigte sich sofort, was die Correfpondenzkarten der Le8ka-2idov8lea politickä Jednota zu bedeuten hatten. Kaum sollte Dr. Kahn seinen Vortrag beginnen, als ihm lautes „IVIluvta cesky!“ (Sprecht czechisch!) entgegentönte. Der Vortragende war in dieser Versammlung eher auf die Aufforderung, hebräisch zu sprechen, gefaßt, als darauf, sich des czechischen Idioms zu bedienen, da er als Wiener noch nicht zu den nach der Sprachenverordnung hiezu verpflichteten Personen gehört, dagegen als Nationaljude gewiß am liebsten hebräisch gesprochen hätte, wenn er sicher gewesen wäre, von der Versammlung verstanden zu werden. Diese nahm sich in ihrer Mehrheit des Vortragenden an und nahm energisch gegen die czechischen Provocateure Stellung, welche sich jedoch als so gut geschult erwiesen, daß der anwesende Polizeicommiffär kein anderes Mittel, die Ruhe herzustellen, erblickte, als indem er die Versammlung für aufgelöst erklärte. Auf Bitten des einberufenen Komitees nahm er jedoch seine Verfügung zurück, zumal die anwesenden Sozialdemokraten dafür plaidirten, den Redner anzuhören. Dr. Kahn konnte nun seinen Vortrag beginnen. Er schilderte das beispiellose Elend der in Galizien und in Rußland lebenden Juden, welche als vogelfrei behandelt werden und mit schwerster Arbeit kaum das Nothwendigste verdienen, dabei in unerschütterlicher Treue an den Geboten und Bräuchen ihrer Religion festhalten. Er legte die Colonisationsbestrebungen in Amerika, speciell in Argentinien dar, erörtete die Gründe ihres Mißlingens und kam dann auf Palästina zu sprechen. Dr. Kahn ist, wie schon bemerkt, „Nationaljude", und er vertrat auch in seinem Vortrag die Ansicht, daß den Juden nichts übrig bleibe, als zu ihrer ursprünglichen Nationalität zurückzukehren. Die Colonisation von Palästina sei die natürliche, durch Geschichte und Religion begründete, aber auch nach Lage der Dinge beste. Palästina sei das geeignetste Land für die jüdische Colonisation, wie schon die Ergebniffe der wenigen dort bereits gegründeten Colonien darthun, die es schon zu einem verhältnißmäßig beträchtlichen Erport von Bodenproducten gebracht haben. Nachdem der Vortragende seine Ausführungen beendet, erbat sich ein, wenn wir recht berichtet sind, der socialdemokratischen Partei ungehöriger Zuhörer, Namens Gehorsam, das Wort, das ihm auch vom Vorsitzenden ertheilt wurde. Allein die Versammlung in ihrer Mehrzahl wollte keine Debatte, wenigstens nicht früher, als bis auch der zweite der angemetdeten Redner, Herr Port Steiner, seinen Vortrag gehalten hätte. Herr Gehorsam war daher gezwungen, unverrichteter Dinge in eine Gruppe zurückzukehren, aus welcher jetzt das Losungswort erscholl: „Wenn Gehorsam nicht sprechen darf, dann soll auch niemand Anderer sprechen darf!" Das war denn auch Waffer auf die Mühle der czechischnationalen Juden, welche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.