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Der Israelit · 1899-04-27 · Heft 33 (27.4.1899) · p. Seite 627

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 33 (27.4.1899)
Date
1899-04-27
Page
Seite 627 (sequence 9)
Language
German
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XL, Jahrgang Erste Beilage j« M 33 des Israelit". Leitender Artikel. As MSlhikN not dm öcutfdjen Netihst»Sk. Berlin, 2'». April. Am Tische des BltudeSratheS niemand. Auf dem Tasche des Hauses sind Druckschriften mit Ab bildungcn von ^chlachtmaSken, s)wie Schlachtmasken und andere Apparate zur Belaubung der Schlachtthiere auSgelegt. Auf der Tagesordnung steht die erste Berathung des von dem Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antis.) eingebrachten Gesetzentwurfs betr. das Betäuben von Schlachtthiercil (L-chächtverbot). Als Ncitantragsteller begründet Abg. Bielbaben den Antrag: Mit Entwicklung der Kultur hat auch ein feineres Gefühl den Menschen und den Thieren gegenüber Platz gegriffen; aber nicht überall hat man diesem Gefühl auch praktisch Ausdruck gegeben, trotz der segensreichen Wirkung der Thierschutzpereiiie. Unterstützt rvird die Grausamkeit beim (&d)lad)ten der Zl)iert burtp Aberglauben; so nimmt man auf dem Lande an, daß die Schweine nicht gesund seien, wenn sie beim Schlachten nicht gehörig schreien. Durch die Güte des hiesigen Dhierschutzvcreins sind mir einige Instrumente zur Verfügung gestellt worden, die beim Schlachten der Thicre Verwendung finden. Ich habe sie auf dem Tische des Hauses nicdergelegt. In verschiedenen Staaten ist durch gesetzliche Maßregeln das Schächten der Thiere verboten, das Betäuben Derselben vor geschrieben. Trotzdem ist den Inden das Schächten ge stattet; das können die Bauern nicht recht verstehen. Eigentlich sollte für das ganze Reich ein Gesetz gegen das Schächten dnrchgefnhrt werden, aber cs besteht augenscheinlich wenig Steigung, in die religiöse lleberzeugung zahlreicher Staatsangehöriger einzngreifen. Die jüdischen Vorschriften über das rituelle Schlachten der Thiere sind veraltet, aber sie werden von den Rabbinern aufrecht erhalten, um die Juden zusammenzuhaltcn: die Rabbiner haben sich Gutachten eingcfordert, aber nur von solchen Gutachtern, von denen sic wußten, wie ihr llrthcil ansfallen würde. Redner schildert die O.nütereien, die das Schlachten der Thicre ohne Betäubung mit sich bringt: beiin Riederwcrfen werden die Thsire oft verletzt. Die Behauptung, daß beim Schächten das Fleisch besser ansblnte und haltbarer bleibe, wird von Sachverständigen als unrichtig bezeichnet. Abg. Lieber (Eentr.): Daß die Juden, soweit sie mit der Feder thälig sind, mit meinen Freunden und mir besonders glimpflich umzugchen nicht gewohnt sind, braucht uns nicht in die Erinnerung gerufen zu werden: aber die Angriffe jüdischer Blätter machen uns in keinem Augenblick in der Haltung irre, die das Eentrum in religiösen Angelegenheiten eingenommen hat, einnimmt »lnd in der Zukunft einzunchmen gedenkt. Die anrisemitischen Blätter haben von mir behauptet, daß ich von Juden abstumme, daß meine Frau eine Jüdin sei und daß meine älteste Tochter, die in einem der Orden der Krankenpflege obliegt, schon 1*87 an einen reichen Juden verheirathet gewesen sei. (Heiterkeit.) Es handelt sich hier um eine religiöse Frage der Juden, das har Windthorst schon früher sehr nachdrücklich ausgesprochen, ebenso andere nreincr Freunde in den Landtagen. Wir stehen auf dem Srandunnkt der Erklärung der jüdischen Rabbiner von 1884, die feststelltcn, daß die Einführung der Betau bung der Schachtthiere die Juden zum Verzicht auf die I Fleischnahrung zwingen müßte. Eine solche Erklärung muß nnS abhallen, von Smutswegen einen Eingriff zu thun in die religiöse lleberzeugung einer großen Anzahl von Mitbürgern. Redner verweist auf das bezüglich der Schächtfrage vorliegende Material, woraus sich ergebe, daß eine besondere Thierguälerci in dem Schächten nicht liege, daß dasselbe vielmehr die beste Schlachtmethode sei. Kommen beim Schächten llnzuträglichkeiten vor, so kommen sie bei jeder anderen Schlachtmethode ebenfalls vor. Wir haben keinen Grund, uns einzumischen in die religiöse lleberzeugung unserer jüdischen Mitbürger. Dainit überlassen wir da- Schlachtfeld der antisemitischen Preise und erwarten von ihr geschächtet zu werden. (Heiterkeit) Abg. Kruse (natl.) erklärt, daß er weder Philosemit noch Antisemit sei, daß er auch in die religiösen Ueberzeu« gnngen anderer Menschen nicht ein greifest wolle und daß er daher die Sache lediglich vom Standpunkte des Thierschutzes und der Menschlichheit aubehandele. Redner bestreitet, daß die Vorbereitungen dcS Schächtens irgendwie grausam seien, alle Vorbereitungen würden aufs sorgfältigste getrosten, das schachten sei sehr viel weniger grausam, als das Betäuben mit den Apparaten, die ans dem Tische deS Hauses ausgestellt seien. Abg. Rickert (fr. Vgg): Tie entscheidende Frage ist, ob das Schächten nach jüdischem RitnS eine Thierquälerei ist! (Zurufe rechts: ja!) Sie verstehen doch davon nicht soviel wie die Sachverständigen! «Heiterkeit rechts.) Es ist dafür nicht einmal der Schatten eines Beweises erbracht worden. (Heiterkeit rechts.) Regen Sie sich doch nicht so auf! Bevor der Beweis noch nicht geliefert ist, erkläre ich diese Behauptung für eine Unwahrheit. Wie Herr Lieber, so bin auch ich als Iudensprößling bezeichnet worden, ebenso der Bcricherstattcr in der bayrischen Kammer über den Schuchtuntrug, der katholische Pfarrer Frank. (Zuruf rechts : Das hat doch mit dem Schächten nichts zu thnn!) Da rüber wird der Präsident zu befinden haben. (Lachen rechts.) Herr Lieber mag sich beruhigen, er wird geschächtet werden und wir auch; wir machen uns aber nichts daraus. 1882 hat der sächsische Minister des Innern sich gegen da- Schacht- Verbot erklärt ans Grund der Gutachten von Sachverständigen. Welch: Gutachten später eine Aenderung der Stellung des Ministers zu Wege gebracht haben, weiß ich nicht; in Buden und in Luyren hat man mit großer Mehrheit oder sogar einstimmig den Antrag auf da- Schächt verbot zurnckgewiefen. Das preußische Ministerium, au denen Spitze Fürst Hohenlohe steht, und dessen Vicepräsident Herr v. Miguel ist, wird diesen Wünschen auch nicht nachgeben. Wenn die zweite Lesung überhaupt auf die Tagesordnung kommt, so würde ich einfach für Ablehnung des Antrages kein. Präsident Graf Ballestrem: Heule steht nur die erste Lesling der Vorlage auf der Tagesordnung. Abg. Höffe! (Rp.) hält den Antrag für ivohlgemeint, aber für undurchführbar. Mißstände seien vorhanden, aber auch bei den anderen Schlachtmethoden und namentlich auf dem Lande. Es lvird der Regierung nicht leicht sein, auf diesem Gebiete einzngreifen, du man eine einwandfreie Schlachtmethode noch nicht Hut. Redner erklärt sich im Na men seiner politischen Freunde gegen den Antrag. Abg. v. lieb cm a n n (Np ) erklärt, daß er als Polizei direktor in SchleSrvig-Holstein mehrfach den Schlachtungen bei Meisterprüsllngen bube beiwohnen müssen. Er habe dabei gesehen, daß trotz mehrfacher Beilhiebe die Ochsen nicht betäubt umreit. Wenn das Schächten richtig borge nommen werde sei cs sie beste Schluchtmethode: das sei

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