Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 31 (20.4.1899)
- Date
- 1899-04-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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585 Feuilleton. iebet eure Weinde." Eine apologetische Erzählung Von Avnolv Wtnnn. 6) Nachdruck verboten. III. Weit draußen am Ende der Stadt hatte Robert Wegner seine geschäftlichen Besorgungen zu erledigen. Es war ihm nicht alles nach Wunsch gegangen. Er hatte bei einem großen Kaufabschluß keine Einigung mit seinem Lieferanten erzielt und sich voll Aerger, unverrichteter Dinge wieder auf den Heimweg gemacht. Bis in den Nachmittag hinein hatten die Verhandlungen gedauert und hatten sich schließlich dennoch zerschlagen. Nicht einmal mehrere Flaschen Wein, die er in einer dem riesigen Holzstätteplatz gegenüberliegenden Kneipe zum Besten gegeben, hatten seinen Geschäftsfreund in eine nachgiebigere Stimmung zu versetzen vermocht. Der erlittene Verdruß mußte nun erst recht ertränkt werden. Wegner war ein Freund eines guten Tropfens. Als er wieder auf der Hauptstraße anqelangt war, begab er sich in ein Eckrestaurant und fetzte sich an eines der hohen Fenster, von dem aus er eine bequeme Aussicht auf den gesummten Straßenverkehr genoß. Wegner fühlte das Bedürfniß, sich zu zerstreuen, und nachdem er zunächst seinen Hunger gestillt hatte, ließ er sich bereits die zweite Flasche Weins bringen, lehnte sich behaglich in das Polster seines Sitzes zurück und betrachtete sinnend das bewegte Straßenbild. Allein der Aerger wollte nicht weichen. Immer wieder machte er sich Vorwürfe, daß er den Kauf nicht abgeschlossen,' eine Weile begann er dann auf der Marmorplatte des Restauranttisches zu rechnen; nein, es ging nicht.- er konnte zu diesem Preise nicht einkaufen. Plötzlich wurde Wegner's Aufmerksamkeit durch zwei Herren gefesselt, die eben um die Ecke in die Dreikönigftraße einbogen. Waren das nicht die Beiden aus dem Eisenbahnkupee, der Kleine mit der Brille und der Große mit dem Vollbart? Wahrhaftig, sie sind es, und wie sie eben an dem Restaurantfenster vorübergehen und ihr Blick auf Robert Wegner fällt, stutzen sie erst einen Moment, dann aber winken sie ihm freundlich lächelnd zu uud schreiten vorüber. Diese Begegnung gab den Gedanken Wegner's alsbald eine völlig andere Richtung. Mit einem Schlage stand wieder die Begebenheit vom Vormittag vor seiner Seele und tauchte auch wieder das eigenthümliche Zwiesprach vor ihm auf, welches Pfarrer Tettenborn mit den Beiden gepflogen hatte. Was da nur vorging? Doch halt; hatte der Kleine denn nicht von einem Mißverständniß gesprochen? Und hatte er nicht sogar seinen Namen und seine Wohnung genannt, wo er ihm die nöthigeu Aufklärungen zu geben bereit sei? Freilich — den Namen hatte er bereits wieder vergessen! Er hatte ja kaum hingehört, so aufgeregt war er gewesen! Aber die Wohnung — „Dreikönigstraße 11" — der Klang lag ihm noch im Ohr! Da saß er ja nun gerade wenige Schritte von diesem Hause entfernt! Der Kleine ist gewiß jetzt eben in seine Wohnung zurückgekehrt! Wie wär's, wenn wir ihn einmal heimsuchten? Es ist noch mehr als eine Stunde, bis der Zug abgeht! Wer weiß, vielleicht hört man da was Interessantes, vielleicht lüftet sich dort der Schleier, der uns bis jetzt noch so geheimnißvoll über den Verkehr des Pfarrers Tettendorf mit den beiden Fremden zu liegen scheint?? Wegner faßte einen kurzen Entschluß. Seine Neugierde war mächtig angeregt. Er trank aus, zahlte und ging. Bald stand er vor dem Hause Nummer 11 der Dreikönigstraße. Es war ein schmales, hohes Gebäude von düsterem Aussehen. Durch seine dunkelgraue, hie und da etwas verwitterte Farbe, stach es von seiner Umgebung augenfällig ab. Zu ebener Erde befand sich ein Fleischerladen, von dem ein scharfer, unangenehmer Geruch auf die Straße drang. Wegner empfand deutlich ein unangenehmes Gefühl, als er vor dem Hause stand. Aufs Geradewohl stieg er die kurze Steintreppe empor, welche zunächst auf den Hausflur mündete. Aber wie? Zu wem wollte er eigentlich? Er wußte ja gar keinen Namen? Er beschloß zu suchen. Drei Treppen hoch war er bereits geklettert, als er sich in einem ziemlich geräumigen Vorflur befand, auf den mehrere Thüren mündeten. Auf eine derselben ging er zu. In diesem Augenblick wurde auch sie schon geöffnet. Wegner zuckte ein wenig zusammen, als er so unvermuthet wieder das Gesicht des kleinen Mannes erblickte. „Ah—" ein Ausruf des höchsten Staunens entfuhr dem Munde des Hausherrn; aber blitzschnell hatte er sich wieder gefaßt. „Wollen Sie gefälligst näher treten —" fuhr er alsbald mit vollendeter Höflichkeit fort, „Sie kommen gerade recht gu einem guten Glas Wein, wollte