Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 29 (13.4.1899)
- Date
- 1899-04-13
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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Xiu Jahrgang. Dritte Beilage;u M 29 des Israelit". Literarischer Bericht. Aas älteste deutsche Wemoröuch. 8. Bücher haben ihre Geschicke und demgemäß auch Handschriften, diese aber, wenn sie ein ehrwürdiges Alter aufweisen, vielleicht noch überraschendere als die Erzeugnisse unseres Büchermarktes. Von einem sonderbaren Geschicke kann auch die Handschrift erzählen, deren Wiedergabe in der gelehrten Arbeit des Rabb. Dr. Salfeld, „DasMartyrologium des Nürnberger Memorbuches" (Berlin 1898. Simion) vor uns liegt. Eine merkwürdige Wanderung hat die kostbare, für die Geschichte der Juden in Deutschland so wichtige Handschrist gemacht. Ums Jahr 1296 von Jsak ben Samuel aus Meiningen für die Gemeinde Nürnberg nach historischen Vorlagen, jedenfalls älteren Memoralien, angelegt, und bei Gelegenheit der Einweihung einer neuen Synagoge dieser übergeben, wuroe sie von eben demselben bis zum Jahre 1298, der Verfolgung und Abschlachtung der Juden durch die unmenschlichen Horden des blutdürstigen Rindfleisch, fortgesetzt. Rabbi Jsak wurde selbst das Opfer jener Mordgesellen. Daun wurde das Gedenkbuch durch fortlaufende schriftliche Eintragungen bis zum Jahre 1346 fortgesetzt. Durch ein zweites Nekrologium, das die Jahre 1376—1392 umfaßt, vermehrt, taucht es später in Mainz auf, und wird imolge dessen das „Mainzer Memoibuch" genannt. Wie und wann es dahin gekommen, ist bis jetzt nicht ermittelt, daß es aber bereits vor;470 dort war, weist der Bearbeiter schlagend nach. Aber die Handschrift sollte wieder einmal weiter wandern; vor etwa fünfzig Jahren war sie verschwunden und tauchte in Frankfurt a. M. auf, wo sie Carmoly erstand, noch dessen Tode sie die Religionsgesellschaft in Mainz ankauste. Ueber die letzte Episode der wandernden Handschrift muß ich noch eine ergänzende Bemerkung machen. Es war ganz natürlich, daß man in Mainz bemüht war die Handschrift zu erlangen, die den Titel „Mainzer Memorbuch" im Katalog führte, als die Gelegenheit zu deren Erwerbung geboten war; denn Alter und wichtige Geschichtsquelle würden % sie zu einem werthvollen Besitz einer jeden Gemeinde'machen, wievielmehr für die, deren Namen sie führte; wenn auch diese Namenrführung eine irrthümliche war, so war sie doch infolge des mehrhunderljährigen Besitzes nicht ganz unberechtigt. Als diese Handschrift nun zum Verkauf stand, machte Dr. Lehmanns, der als Rabbiner der Religionsgesellschaft in Mainz dieses Unicum der einstigen Besitzerin wieder zurückzugewinnen wünschte, den Vorstand der ReligonSgemeinde auf das Manuscript aufmerksam, dieser dar Vorkaufsrecht überlaffend, mit dem Bemerken, daß die Religionsgesellschaft es erwerben werde, falls die Religionsgemeinde auf den Erwerb verzichte. Die Gemeinde schickte nun einen ihrer jetzt bereits verstorbenen Schriftgelehrten hin mit dem Aufträge die Handschrist zu prüfen, und das Gutachten siel aus: „Nichts, Namen, nur Namen!" Darauf halle natürlich Dr. Lehmann nichts Eilige'es zu thun, als diese Sammlung von „Namen" für die Religionsgesellschaft zu erwerben, und damit dieser ein Besitzthum zuzuführen, um das manche sonst wohlausgestattete Bibliothek sie beneiden darf.") Der vielbeschäftigte Dr. Lehmann bewog den Vorstand der Religionsgesellschaft, die Handschrift Dr. Salfeld, welcher die Bearbeitung derselben zu unternehmen wünschte, für diesen Zweck leibweise zu überlasten. Dieser bat nun mit dem Aufgebote eines weiten wiffenschaftlicken Apparates den Geschichtsforsch un eine Quelle eröffnet, die das Feld der Geschichtsforschung reichlich befruchten wird; wie mühevoll aber die Arbeit gewesen, lehrt uns jedes Blatt. Nachdem der Vers, zunächst in einer übersichtlichen Einleitung uns mit dem Wesen der Memorbücher im allgemeinen bekannt gemacht, ihre Entstehung uns geschichllrch beleuchtet, die Geschicke des vorliegenden Memorbuches uns mitgetheilt und über jene Memorbücher berichtet, die er zur Ergänzung des vorliegenden herangezogen, läßt er Text und Ueberfetzung desselben folgen, wie auch die der Ergänzung dienenden Texte nebst deren Uebersetzungen. Hieran schließen sich dann Exkursionen, die uns den historischen Wcrth jener Ramensverzeichniffe vergegenwärtigen und auf die Kulturzustände jener Zeiten Helle Schlaglichter werfen. Auf all die reichen Ergebniffe, die der Fleiß des Berf. zu Tage gefördert hat, können wir hier selbst andeutungsweise nicht eingehen; wir wollen hier nur auf einiges aus den Exkursen und Beilagen Hinweisen : auf die werthvolle Mittheilung von elf historischen Elegieen in Text und Uebersetzung, das Gelehrtenverzeichniß und die Untersuchung über die im Memorbuche vorkommenden Eigennamen. Wir dürfen unsere Elegieen-Literatur als die reinste und zu- *) Ueber die Frage, ob das vorliegende Memorbuch von Mainz oder Nürnberg stammt, scheinen uns übrigens die Akten noch nicht geschlossen zu sein. Wir haben später vielleicht Gelegenheit, darauf zurückzukommen. Ned. d. JSr.