Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 29 (13.4.1899)
- Date
- 1899-04-13
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448980--48064-2498442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XL. Jahrgang. Zweite Beilage zu M 29 des „Israelis. Leitender Artikel. jüdische Schulen. L. l). In vielen Beziehungen zeigt sich der Antisemitismus als ein Theil der „Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft." Wenn jetzt allerorten in der Judenheit ein leiser Zug nach rechts verspürt wird, so verdanken wir dies meistens nicht dem Bemühen unserer Führer, sondern dem unserer Feinde. Wenn ferner in letzter Zeit häufiger und lauter der Ruf nach jüdischen Schulen ertönt, dann sind es wiederum meistens nicht die jüdischen Eltern, die zur Erkenntniß gelangt sind, daß die jüdische Jugend auch in jüdischer Weise erzogen und unterrichtet werden soll, sondern unsere Gegner. Wie jubelten die Juden, als in manchen Orten Simultanschulen eingeführt, jüdische Kinder von christlichen Lehrern und christliche Kinder von jüdischen Lehrern unterrichtet wurden. In kurzer Zeit, hoffte man, würde der konfessionelle Gegensatz von der Bildfläche verschwunden und die Vorboten der allgemeinen Verbrüderung eingetreten sein. Heute aber, nach einem Vierteljahrhundert, erkennt man auf allen Seiten, welcher Täuschung man sich hingegeben. Man muß nur beobachtet haben, wie bei der Schulpause in diesen Simultanschulen die christlichen Kinder in dieser Ecke und die jüdischen Kinder in einer andern Ecke — streng 'nach Konfessionen getrennt — spielten. Von der ersehnten Amalgamirung war und ist bis heute auch keine Spur zu sehen. Während also der von der Simultanschule erhoffte Gewinn vollständig ausblieb, haben sich die erwarteten schweren Befürchtungen als richtig erwiesen. Es mußte sich nämlich, wie wir es in Frankreich und Holland noch deutlicher sehen (vergl. Leitartikel in Nr. 7 d. Bl.), der Genius des wahren Judenthums mit Einzug der Simultanschule in einen stillen Winkel zurückziehen und zufrieden sein, wenn er nicht ganz aus der Schulstube gewiesen wurde. Sein Mahnruf wm ntan rptPH-i blieb unberücksichtigt; denn zu laut ertönten die Verbrüderungshymnen, als daß man sein inniges Mahnen vernehmen konnte und wollte. Heute können wir es ihm nicht verübeln, wenn er sich langsam aus den Räumen entfernt hat, wo man ihn kaum beachtet oder gar mürrisch auf seine Anwesenheit geschaut hatte. Als nach dem langen Verbrüderungsrausche der Antisemitismus uns weckte und auf die nackte, traurige Wirklichkeit aufmerksam machte, da erkannten wir zu unserem großen Schrecken, daß unser alter, ehrwürdiger Schutzgeist und Führer fern von uns ist, daß wir unserem treuesten, sturmerprobten Freunde den Abschied gegeben haben. Was ist nun zu thun? Zunächst haben wir einzugestehen, daß wir es waren, die vor lauter Emancipations- und Amalgamirungsbestrebungen das altehrwürdige Judenthum zur Thüre hinausgedrängt haben. Alsdann haben wir den beleidigten und zurückgesetzten Freund mit allen Ehren wieder in die gebührende hohe Stellung zurückzurufen und so das geschehene Unrecht so rasch als möglich wieder gutzumachen. Mit Mauscheh aber haben wir zu sagen : maai "j^ uypni wwa „Mit unseren Jungen zuerst, dann erst mit unseren Alten müss en wirgehen, mitunseren Söhnen und mit unseren Töchtern!" In der anr 2l. Januar flattgehabten Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses erwiderte der Chef der Unterrichtsverwaltung, Kultusminister Dr. Boffe auf die Behauptung des Abgeordneten Richter, daß „manche Schulvorsteherinnen in Berlin jüdische Mädchen überhaupt nicht, andere nur in beschränkter Zahl aufnehmen", u. A. folgende»: „Ich stehe auf dem Standpunkte, daß ich die konfessionellen Verhältniffe für die Schulen möglichst berücksichtige. Es ist nun sicher christlichen Eltern nicht zuzumuthen, daß sie ihre Kinder durch die ganze Schulzeit nur von jüdischen Lehrerinnen unterrichten lasten." (Beifall recht».) Was folgt nun aus diesen Worten des Ministers für uns Juden? Daß es nicht nur in unserem eigenen Jntereste, sondern auch in dem der Unterrichtsverwaltung liegt, neben jüdischen Volksschulen auch höhere jüdische Schulen zu gründen und zwar solche Schulen, in denen unsere männliche und weibliche Jugend Thaurowort und Thaurogeist in erster Reihe kennen lerne, nwn nwi und otw» uni' noan ir^an Anfang und Endzweck der Weisheit muß Gottesfurcht sein, das heißt der jüdische Religionsunterricht muß Ausgangspunkt sowohl, als auch Zielpunkt des gesammten Unterrichts sein uud darf sich nicht auf ein paar private, ungünstig gelegene Abendstunden beschränken. Wer Augen hat, zu sehen, der beobachte einmal, wie wenig Achtung unsere jüdische Real- und Gymnasialjugend, sowie unsere „höheren Töchter" (was noch betrübender ist) vor dem in ihrer Schule ertheilten jüd. Religionsunterricht haben, was aus verschiedenen Gründen auch gar nicht zu verwundern ist. Die traurigen Folgen dieses Zustandes aber konnten nicht ausbleiben und werden immer verhängnißvoller werden. Wiederum sind es leider nicht unsere geistigen Führer, sondern unsere Gegner,