Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 29 (13.4.1899)
- Date
- 1899-04-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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641 Feuilleton. „Wiebet eure Meinde.^ Eine apologetische ErzShruog *- -er--er—er» Von Aunolv Utann 4) Nachdruck verboten. Seligmann Feist empfand sofort die peinliche Situation, in die er durch seine harmlose, höfliche Bitte gerathen war; er fühlte sich hilflos den höhnischen Blicken der ihm gegenüber Sitzenden preisgegeben. Noch wagte keiner von ihnen ein Wort zu sprechen, das ihre Gedanken verrathen hätte, aber Seligmann Feist erkannte plötzlich mit leisem Erschrecken, daß er da in die Gesellschaft einiger Menschen gekommen war, die ihm nicht wohl wollten. Sie gehörten gewiß zu jener Sorte, welche in den Zeitungen mit dem neu aufgekommenen Fremdwort stets „Antisemiten" genannt wurden. Da Feist sicher war, keinem der Herren je im Leben begegnet zu sein, also persönlich auch keinen von ihnen zu kennen, so vermochte er die feindselige Stimmung, welche sie gegen ihn kundgaben und die wie eine schwüle Athmosphäre auf ihm lastete, nur auf etwas ganz allgemeines beziehen, das ihn ihnen kenntlich machte und das konnte nichts anderes sein, als sein jüdisches Aussehen. Feist fühlte sich in den ersten Augenblicken ziemlich eingeschüchtert: Er, der kleine, schmächtige schwächliche Mann, mit dem blassen Gesicht und den schwarzen Haaren über der ungewöhnlich breiten und hohen Stirn, mitten zwischen diesen wohlgenährten, in behaglicher Breite sich hinlehnenden Gestalten, aus deren Gesichtern zwar keine übermäßig hohe geistige Fähigkeit, aber desto mehr lächelnd-rohe, körperliche Überlegenheit hervorleuchtete! Sobald Seligmann Feist das empfand, kehrte ihm auch das Selbstbewußtsein und damit die ruhige Ueberlegung wieder. Also, das waren nun einige Exemplare jener Antisemiten! In den letzten Monaten bildeten ihre Heldenthaten, ihre anmaßenden, menschenfeindlichen Ansprüche eine ständige Rubrik in allen Zeitungen. In Berlin sollten sie sogar eine riesige, mit vielen Tausenden von Unterschriften versehene Petition an den Reichstag um Aufhebung der Judenemanzipation mit vielem Applaus vorbereiten! Gottlob, so simulirte Feist weiter, gottlob, zu uns nach Göllheim war noch kein Hauch von ihrem Geiste gedrungen. Da war kein Feld für sie! Auch Robert Wegner waren die Vorgänge im *) Neu eingetretene Abonnenten erhalten auf Verlangen den Anfang dieser Erzählung kostenfrei nachgeliesert. Exp. d. I. Kupee nicht entgangen; er hatte sowohl die Bitte Feist's gehört, als auch mit höchster Verwunderung und tiefem Unwillen das pöpelhafte Gebahren des neben ihm sitzenden Fremden und die lachende Zustimmung der übrigen Mitreisenden beobachtet. Aehuliche Gedanken wie seinen jüdischen Freund beschäftigten auch ihn. Auch er dachte daran, daß sich bis jetzt antisemitische Tendenzen in ihrem friedlichen Göllheim erfreulicher Weise noch nicht gezeigt hatten. Allein ihn beschäftigte noch mehr eine Beobachtung, welche er vorhin vor dem Einsteigen auf dem Perron zu Göllheim gemacht. Er hatte da die beiden Fremden in eifrigem Gespräch mit Pfarrer Tettenborn gesehen und es hatte ihm geschienen, als ob sie mehrere Male beobachtend und hinweisend auf ihn — Wegner — und Feist geblickt hätten. Dann hatten sich die Fremden mit auffallender Hast um einen Platz in ihrem Kup e bemüht, der Pfarrer aber war weiter geschritten. Sollte da irgend eine Absicht obwalten, irgend eine Verabredung getroffen sein? Er beschloß scharf aufzumerken auf alles, was vorging. „Diese Menschenklaffe bleibt sich doch überall gleich," sagte da der Fremde, immer noch unbeweglich sitzend zu seinem lachenden Gegenüber. Der Große machte eine zustimmende Geberde. „Man weiß sich gar nicht vor ihnen zu retten," fuhr der Kleine fort und machte sich unmerklich noch etwas breiter, so daß Seligmann Feist in seiner Ecke sich kaum zu rühren vermochte und der kleine David gar aufstehen mußte. „'s ist nur traurig," lamentirte er dann in demselben Tone weiter, „daß man ihre Gesellschaft nicht immer meiden kann!" Seligmann Feist litt unbeschreiblich unter den 'Nadelstichen, welche der Kleine ihm auf diese Weise unmerklich versetzte. Er traute sich nicht, irgend eine Gegenbemerkung zu machen, da ja das Wort nicht an ihn gerichtet war und die Beziehung auf ihn von dem Kleinen einfach geleugnet werden konnte. Zu Hause, wenn er in seiner Zeitung die Berichte über antisemitische Versammlungen, Begebenheiten, Ansprüche u. s. w. gelesen hatte, da vermochte er es kaum zu glauben, daß es etwas derartiges in der Welt gäbe. Er war in seinem innersten sittlichen Empfinden verletzt, daß Wesen mit Menschenantlitz andere, die mit ihnen nach demselben göttlichen Ebenbilde geschaffen, in dieser Weise hasten, befehden, verfolgen konnten. Diese sittliche Entrüstung überwog bei seiner zarten, fein besaiteten Natur noch bedeutend die Entrüstung, die er als Jude, als ein Angehöriger des verhaßten Stammes selber empfinden mußte. Jene Berichte waren für ihn fast unglaublich, sie waren für seine durch und durch optimistische Weltanschauung etwas ähnliches, wie unserem zivili-