Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 28 (10.4.1899)
- Date
- 1899-04-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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529 tet werden. Außer Wanderbettlern sollen in dieser Arbeitsstätte auch entlassene Strafgefangene bis zu ihrer Unterbringung in geeigneter Weise ausgebilvet, beschäftigt und moralisch gekräftigt werden unter Mitwirkung des jüdischen Vereins für Arbeitsnachweis unv der jüdischen Fürsorgeeominission. Bei allen Beschäftigungen soll die strengste Rücksicht auf die Sabbatfeier genommen und die Verpflegung den rituellen Vorschriften angepaßt werden. Ausländischen Juden soll die Arbeitsstätte als Durchgangsstation dienen, von der sie auf kürzestem Wege dem Hafenplatze zugeführt werden. Bisher sollen die ausländischen Juden, nach dem Bericht der Commission, vielfach die Ausbeutungsobjekte gewissenloser Agenten gewesen sein. In jüdischen Kreisen ist man nicht durchaus mit der Einrichtung einer besonderen Arbeitsstätte einverstanden. Vrele Juden möchten die persönliche Unterstützung der Wanderbettler nicht lassen. Auch bietet das Leben der Leiter des D.-J. G.-B. vielen Glaubensgenossen keine genügende Garantie dafür, daß die Religionsgesetze in richtiger Weise gehandhabt werden. Indessen ist, wie gesagt, die Errichtung jüdischer Arbeitsstätten auf christliche Anregung hin beschlossen worden. Oberhausen, 28. März. Die israelitische Gemeinde feierte dieser Tage die Einweihung ihrer zwischen Styrumer- und Friedenstraße gelegenen neuerbauten Synagoge. Der Vorsteher der Gemeinde, Kaufmann Gottstein, übergab den Schlüssel des neuen Gotteshauses dem Vertreter der Stadt, Bürgermeister Wippermann. Nach einer kurzen Erwiderung, daß die israelitische Gemeinde Oberhausens stets der Wahrnehmung ihrer Jntereffen und Rechte seitens der Stadt versichert sein dürfe, übereichte das Stadtoberhauvt den Schlüssel dem Rabbiner Dr. Frank von Köln, der nunmehr die Thüre zur Synagoge öffnete, worauf die Aeltesten der Gemeinde mit den Thorarollen voran nnd sämmtliche Festtheilnehmer ihren Einzug in das Gotteshaus hielten. Dr. Frank hielt die Festpredigt. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. (Der älteste Mann von Wien gestorben). Am 27. v. Mts. ist der älteste Mann von Wien, Herr L. M. Kohn, im Hause der israelitischen Cultusgemeinde, Währing, Schopenhauerstr. Rr. 39, gestorben. Kohn feierte am 20. Januar d. I. seinen 112. Geburtstag. Er war im Jahre 1787 in Fraunkirchen im Wieselburger Comitate geboren. Die israelitische Cultusgemeinde hat ihm ein Freiquartier und monatlich eine kleine Pfründe zur Verfügung gestellt. Kohn erkrankte an einem Lungenleiden, welches ihn hinwegraffte. Er hinterließ ein Testament, in welchem er seine 76jährige Gattin zur Erbin seiner kleinen Habe einsetzte. Im Dezember hat Kohn das letzte Mal das Zimmer verlassen. WFrankreich. Paris, 9. April. (Begräbnis der Frau Baronin Hirsch.) Am Montag, den 3. April, hat, wie ich Ihnen bereits kurz berichtet, daö Begräbnis der Frau Baronin Hirsch stattgesunden. In dem Sterbezimmer, das schwarz ausgeschtagen, recitirte zuerst der Obercantor, Herr Bär, abwechselnd mit einem Chor das „Joscheb besether eljon." Hierauf ergriff der Großrabbiner von Frankreich das Wort, nicht zu einer Schilderung des Lebens der Verstorbenen und ihrer wohlthätigen gottgefälligen Werke, sondern zu einem inbrünstigen Gebete, da, dem Wunsche der Dahingeschiedenen entsprechend, keine Grabrede gestattet war. Herr Zadoc Kahn, selbst tief bewegt, sprach wahrhaft ergreifende Worte, von denen wir Einige anführen: Wehmuthsvoll betrachten wir den Sarg, der die letzten Ueberreste dieser edlen und hochsinnigen Frau in sich birgt. O Herr, dein hoher Wille hat in Tausenden von uneine unersetzliche Lücke geschlagen. Sie ist dahin, die Frau, die durch ihre großen Geisteskräfte und Herzensbildung der Menschheit eine Zierde war, sie wohnt nun im Jenseits, sie, die mit treuer Anhänglichkeit an ihren Schwestern und Brüdern gekettet war, und der wir alle Achtung, Anerkennung und Bewunderung in hohem Maße zollen. Ach! ein großes Licht ist in Israel erloschen, die Krone, die uns schmückte, ist zur Erde gefallen. Lange Wochen haben wir mit Bangen den Fortschritt ihrer Krankheit, der sie unterlag, verfolgt; es war ein großer Schmerz für uns sie leiden zu sehen. Aber heldenhaft ertrug sie ihren Schmerz, oft fand sie inmitten ihrer schrecklichen Qualen Stunden, in denen sie sich ihrer Lieblingsbeschäftigung , die Leiden ihrer Mitmenschen zu mildern, widmete. Jetzt ist sie erlöst; wir sind genöthigt, von ihr den letzten Abschied zu nehmen, und wir können nur die heiligen Worte wiederholen rpb jn: n. O Gott, Du hattest uns diese edle Frau geschenkt, die von einem beispiellosen Edelmuth beseelt war, Dein Wille geschehe, Dein Name sei gepriesen. Wenn unsere dahingegangene Schwester, wie jeder Mensch, Fehler begangen, so sind diese durch die Prüfungen, die ihr nie gefehlt haben, verziehen worden. Die heilige Schrift lehrt uns, daß Du mit Vorliebe diejenigen auszeichnest, die trotz der Prüfungen, denen sie ausgesetzt waren, dem wahren und einzigen Gotte treu bleiben. Du hast auf ihre Stirn das Siegel der Liebe aufgedrückt uttb Haft sie hinweggerufen, um sie zu vereinigen mit Deinen Lieblingen. Wir haben nicht nöthig, ihr Lob auszusprechen; ihre großartigen Werke verkünden es in der ganzen Welt. Ihr ganzes Wesen entsprach vollkommen den edlen biblischen Frauengestalten. Schon im Elternhaus bemühte sie sich eifrig, das Elend ihrer Neben- I Menschen zu lindern. Ihrem hochherzigen Gatten