Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1899)
- Date
- 1899-03-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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für das Orthodoxe MudenthumÄ Jyj-OM 0 S E S v‘ 1tt.März1899Z lNr. 4 ■m riiüimoil in Der alten BWn eratur. Im Vereine für Jüd. Geschichte und Literatur in München, hielt Herr Rabbinats-Substitut Dr. Fin kölscherer am 1. März über obiges Thema einen anregenden Vortrag, dem wir ungefähr Folgende^ entnehmen: Es gibt fast kein einigermaßen kulturell enttvickelies Volk, das nicht Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten zu seinem Sprachsatz zählte; in letzterem kristallirt sich gewissermaßen die Volks-Weisheit im Gegensatz zu der tiefen Philosophie und dem hochstrrbenden Gedankenflug der wenigen auserlesenen führenden Geister. Vielfach wird allerdings im Sprichwort nichts anderes erblickt, als die Verallgemeinerung und gleichzeitig die Verflachung der großen Gedanken Einzelner zum Gebrauch Vieler; aber keineswegs läßt sich leugnen, daß das Volk nur solche Gedanken aufnahm, die ihm zusagten und sie so lange umänderte und umgestaltete, bis sie eie ihm ädaqnate Form Vornahmen. Aus dem Golde, das hervorragende Geister aus dem Schachte ihrer Gedankenwelt hervorholten, prägte sich die Menge jene Scheidemünzen, deren ne zum alltäglichen Gebrauch bedurfte und nahm es oft auch gar nicht so genau, wenn ein falsches Stück in Umlauf kam, wenn dieses nur recht enrsfähig und mundgerecht sich darstellte. So wurde das Sprichwort zum charakteristischen Abbilde dessen, was die Völker in verschiedenen Lebenslagen dachten, was sie für gut und recht, für nützlich und zuträglich, für wünschenswerth und erstrebenswert) hielten, was sie lobten urtd was sie tadelten, wie sie über Geschlechter und Zeiten, Zustände und Verhältnisse dachten. Gleichzeitig dient das Sprichwort als Regel für praktische Lebensklugheit, als kurzer prägnanter Ausdruck für die Maximen des Handelns, indem es das Einzelne zum Repräsentanten der Gesammtheit macht und unter Abstrahirung von dem Einzelnen anhaftenden Sonderheiten nur das der Gesammtheit Eigene hervorhebt. Die wesentliche Einheit dos Idealen und die wesentliche Vielseitigkeit des Realen treffen im Sprichwort in unmittelbarer Weise zusammen, um den für eine ganze Klasse geltenden Inbegriff in eine zweckdienliche allgemeine Form zu bringen. Diese Allgemeinheit ist dadurch ermöglicht, daß für jedes Jndividium dieselben logischen und moralischen Gesetze wie für die Gesammtheit gelten. Ein einzelner Fall wird generalisirt unter der Voraussetzung, daß unter gleichen Umständen und Verhältnissen für alle Menschen dasselbe gilt, gelten muß, was für das spruchbildende und repräsentative Einzelwesen grundlegend war. Wir sehen den Einzelnen als Gleichniß für die Gesammtheit, sein Schicksal und sein Thun sind daher nicht der von Ort und Zeit gezogenen Schranke unterworfen, weil wir ihn gleichsam im Spiegel der Ewigkeit schauen, daher der Inhalt der Sprichwörter über Zeit und Nationalität hinausgeht, wenn sie diesen auch ihrer äußeren Kleidung noch unterworfen sind. Dieser ursprüngliche Character des Volks Sprichwortes kommt im Hebräischen auch in seiner Benennung zum Ausdruck. Die Hebräer benannten das Sprichwort, ebenso wie die Fabel und das Gleichniß das die Grundbedeutung, „Sich als etwas dar-