Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1899)
- Date
- 1899-03-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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3€5 Spät am Abend kam ein Telegramm, welches den Wagen zum Frühzug des nächsten Tages bestellte. Dieses Telegramm wirkte wie ein Alarmschuß, vor welchem bei Rüben der letzte Rest der Bestnnung Reißaus nahm. Er fühlte sich wie zerschmettert, denn nun war es ihm unzweifelhaft, finstere Gewißheit, daß Schulamit krank, sehr krank sein mttsie. Und es bereitete sich in seiner Stimmung ein Zustand vor. zum Empfange des großen, schweren Kampfes, der seiner harrte . . . Demjenigen ähnlich, der vor Jahren seine Seele so furchtbar erschüttert hatte. Auch Dinah fand den Vorgang sonderbar, aber ihre ruhige Denkweise bewahrte sie vor den Neberschwenglichkeiten Rubens. Sie wußte ja, wie oft die verschiedensten Zufälle zusammentreffen, um einer an sich belanglosen Sache ein ganz verändertes Aussehen zu geben. Schweigsam saßen sie in später Abendstunde am Tisch. Er hatte zu lesen angefangen, ließ aber bald das Buch unbeachtet liegen und starrte nun in düsterem Trübsinn vor sich hin, als sich plötzlich die Thüre, welcher er gegenüber saß, öffnete und durch dieselbe Mirjam in das Zimmer trat. Der unverhoffte Anblick dir Alten erschreckte ihn aus irgend einem dunkel empfundenen Grunde so heftig, daß er in seiner Bestürzung vergaß, sie willkommen zu heißen. Es war ihm, als ob ihm eine eisige Gespensterhand ans Herz griffe. Sie erschien ihm wie die Verkörperung seiner dunkeln Ahnungen, und sein Blick blieb voll unheimlicher Furcht an ihr haften. Dinah beeilte sich, die Unterlaffung Rubens nachzuholen. Nachdem Mirjam die Begrüßung erwiedert hatte, ließ sie sich Rüben gegenüber nieder und richtete ihre unheimlich finsteren Augen voll auf ihn. Rüben konnte diesen Blick nicht ertragen und mich ihm beunruhigt aus. „Ich bin gekommen, Reb Ruwen", begann Mirjam ohne Umschweife, „um mit Euch über eine wichtige Angelegenheit zu reden. Ich habe immer geglaubt, daß Ihr den Anfang machen werdet, nachdem ich aber bis heute umsonst gewartet habe, muß ich es thun." Rüben fühlte, trotzdem er nicht hinsah, die Augen der Alten auf sich gerichtet. Eine unwiderstehliche Macht zwang ihn. auch seinerseits den Blick auf ihr abstoßendes Angesicht zu richten und es lag in diesem Blick die Hilflosigkeit und Angst des Opfer» vor seinem Peiniger. „Ich bitte Euch, Frau Mirjam", sprach er mit flehendem Ausdruck, „nur jetzt nicht, nur letzt nicht.—" Er errieth, welche Angelegenheit sie meinte. In seinen Mienen zuckte verhaltener Grimm, der nicht hervorzubrechen wagte. Mirjam zog die buschigen Brauen zusammen. „Warum nicht jetzt?" frug sie in strengem Tone.^ „Sprach ich zu Euch, als Ihr zu mir kämet, ich solle Euer Kind retten: nur jetzt nicht? Ich kann nicht länger warten, ich will nicht länger warten! Ich stehe jetzt hier, so wie Ihr damals in jener Nacht vor mir gestanden und spreche zu Euch: Rettet mein Kind, welches dem Untergange entgegengeht!" Wieder empfand Rüben die geheime, schreckliche Macht, die sein Auge zwingen wollte, sich seinem Gegenüber zuzuwenden und er mußte säst übermenschlich gegen sie ankämpfen. Er blickte finster zu Boden, als er erwiederte: „Wie könnt Ihr das, was Ihr thatet, mit dem vergleichen, was Ihr verlangt?" „Und was für einen Grund habt Ihr, mir das, was ich fordere, nicht zu gewähren? Ist Moscheh nicht ein „seines" Kind, das weit und breit nicht seinesgleichen hat? Er hat mit 23 Jahren ein „Rabonus*) —, wer kann sich noch so bald dessen rühmen? Run — ich will Antwort haben." Und als er schwieg, fuhr sie zischend, wie eine Schlange, fort: „Vergesset nicht, daß ich das, was damals geschehen, noch ungeschehen machen kann. ..." Er schauerte zusammen und schlug wieder mit hülflosem, entsetztem Ausdruck den Blick zu seinem Gegenüber auf. Es war gefallen, das furchtbare, unheimliche Wort! ... „Ja aber — wie kann ich — wie können Sie-" Der basiliskenhafte Blick des alten Weibes, den sie, den faltigen Mund fest geschloffen, ihm zusandte, ließ seine stammelnde Rede verstummen. Starr blickte .sie ihn eine Weile so an, daß es schien, als ob sich dieser Blick in seine Seele bohren wollte. Dann öffnete sie den Mund und sprach mit langsamem, schwerem Tonfall, während eine wilde Verzweiflung ihr unschönes Gesicht geradezu verzerrte: „Es geht also nicht — es kann nicht sein . . . freilich, was liegt an dem alten Weibe und ihrem Sohne? Mögen sie zu Grunde gehen. . . . Sind wir denn nicht aus einem gemeineren Stoffe? Wie dürfte sich das Blut der gemeinen Leute mit dem edleren, reineren vermischen? . . . Fluch über Eueren Hochmuth!" schrie sie mit schriller Stimme, während sie emporschnellend, aus den Falten ihres BusentucheS ein Papier hervorriß und dieses, mit beiden Händen haltend, hoch über ihr Haupt emporstreckte, wenn mein Kind verderben soll, so verderbe auch dar Eure! Wie ich dieses Papier zerreiße, so zerreiße Gott —" „Haltet ein!" keuchte Rüben, kreidebleich von seinem Sitze auftaumelnd und den Arm nach dem altert Weibe ausstreckend, welches den Kaufvertrag Schulamits zum Zerreißen bereit in den Händen hielt. ') Rabbinak.