Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1899)
- Date
- 1899-03-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448972--47841-2498211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 3× ep/1005097
OCR text
361 Feuilleton. Späte Sühne. Von Robert Hänlein. ^^5" 10) Nachdruck verboten. Rabbi Jesaja brach buchstäblich zusammen unter der Wucht der Erlebnisse, die in den letzten Minuten auf ihn eingestürmt waren. Der Athem stockte, die Pulse hämmerten, das Herz zitterte bei der bloßen Vergegenwärtigung besten, was er soeben erlebt hatte und was ihm in wenigen Minuten bevorstand. War alles nur eine Täuschung? Ein schwerer Alp, ein drückender Traum, wie er deren so oft in den letzten Jahren gehabt hatte? Er preßte die Hände an die pochenden Schläfen, als wolle er das schwindende Bewußtsein zurückhalten und verfiel in ein minutenlanges tiefes Rachsiunen, das durch nichts, als durch das leise Geräusch des aus der Sand-Uhr herabrinnenden Sandes unterbrochen wurde. So hatte sich Rabbi Jesaja sein Zusammentreffen mit Wolf Proßnitzer nicht vorgestellt. Er konnte nicht umhin, sich zu gestehen, daß ihn seine Menschenkenntniß, auf die er so fest vertraute, bei der Beurtheilung Proßnitzers doch getäuscht habe. Daß er ihn persönlich nicht wieder erkannt hatte, 'während Proßnitzer ihn sofort erkannte, hatte für Rabbi Jesaja nichts Auffälliges. Dasselbe war ja aus demselben Grunde bei Joseph und seinen Brüdern der Fall. Proßnitzers Gesicht war noch bartlos, als er Frankfurt verließ, während Rabbi Jesaja dieses Gepräge des Mannesalters damals wie jetzt besaß. Aber daß er sich so über den eigentlichen, inneren Menschen, über Charakter und Gesinnung Proßnitzers so vollständig täuschen konnte, dünkte ihm fast unmöglich. Und doch war die augenscheinliche Unmöglichkeit traurige unleugbare Wirklichkeit! Wie hatte dieser Meusch noch die ganzen, jüngsten sieben Tage die Rolle des gastlichen, leutseligen und liebenswürdigen Wirthes gespielt, und nun plötzlich seine wahre Gestalt gezeigt.' Auch die Gemeinde mit ihren Gelehrten und Weisen hatte sich von diesem Menschen täuschen lassen, der nicht davor zurückschreckt, seinen Lehrer aus niedriger Rachsucht niederzustechen! Ein Mörder Vorsteher der Gemeinde von Jaffa! Das war Rabbi Jesaja das unerträglichste, daß sein Hinscheiden von dieser Welt einen Menschen mit der schweren Sünde des Mordes belasten solle. Den Tod an und für sich hätte er nicht gefürchtet, er war stündlich auf ihn vorbereitet. Er hatte ja deßhalb das heilige Land aufgesucht, um in seiner Erde begraben zu werden. Daß er dieses Ziel erreicht hatte, dankte er zuallernächst dem himmlischen Vater aus der ganzen Tiefe seines Herzens. Freilich wollte der Mörder den Leichnam in die See werfen, um jede Spur seiner Unthat zu verwischen; aber das nicht zu thun, war die einzige Bitte, die Rabbi Jesaja an seinen Mörder stellen wollte. Er hoffte sicher, daß er sie ihm nicht abschlagen werde. Der Transport der Leiche nach dem Meere, das noch eine beträchtliche Strecke von dem Thatort entfernt war, erforderte ja viel mehr Weitläufigkeiten, als die Bestattung am Platze der That, etwa im Hofe des Hauses. In Wehmuth gedachte er der fernen Gattin und seiner Kinder, von welchen er sich im Geiste verabschiedete. Aber ein Blick auf die neben ihm rauschende Sanduhr erinnerte ihn, daß schon mehr als die Hälfte der ihm eingeräumten Zeit verstrichen sei. Unter heißen Thränen sprach er das Sündenbekenntniß und dann den ersten Abschnitt des Schemagebets. Er erhob sich, nachdem er geendet, von seinen Knieen und sprach zum Schluß die Bitte, mit der er allnächtlich sein Nachtgebet einleitete: „Rchaunau schel Aulom! Meister der Welt! Ich verzeihe und vergebe Jedermann, der mich erzürnt, gekränkt, oder sonst gegen mich gefehlt hat, betreffe es meine Person, mein Vermögen, meine Ehre oder was mir sonst zusteht, es möge Jemand aus Zwang, aus freiem Willen, aus Jrrthum oder im Uebermuth, mit Worten oder Thaten gegen mich gefehlt haben, ich verzeihendem Sohne Jsraels uud auch sonst möge kein Mensch meinetwegen bestraft werden, auch Wolf Proßnitzer nicht, der mich zu tönten im Begriffe siebt, weil ich ihm sein Lebensglück getrübt habe. Verzeihe meine Sünden, und besonders die an Wolf Proßnitzer durch meine Schuld verübte Verstümmlung lösche hinweg mit Deinem großen Erbarmen. Amen. So möge es Gottes Wille sein. Sela.—" XVJ. Während Rabbi Jesaja dieses Gebet mit heißer Inbrunst und unter reichlichen Thränen zum Himmel emporsandte, war die Sanduhr abgelaufen, ohne daß es der Beter merkte. Mit dem Gesicht zur Wand und dem Rücken der Eingangsthüre zugewandt, hatte er auch nicht gehört, wie sich diese öffnete und Praßnitzer leise eingetreten war. Ehrerbietig blieb er einige Schritte entfernt hinter seinem Lehrer stehen und hatte so jedes Wort dieses letzten Gebetes gehört. „Vater, Vater!" schrie Proßnitzer plötzlich „Wagen Israels und seine Reiter! Verzeiht, verzeiht, edler, theurer Lehrer, was ich einst vor Jahren und was ich Euch jetzt gethan habe. Gestattet, daß ich zu meiner Rechtfertigung Euch mein Benehmen gegen