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Der Israelit · 1899-02-20 · Heft 15 (20.2.1899) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 15 (20.2.1899)
Date
1899-02-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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277 ften versorgt wurden. Ein einziges Mal traf er einen Menschen, dem das eine Ohr fehlte; es war ein Nichtjude, der ebenfalls wegen Diebstahls auf diese Weise verstümmelt wurde. Liebevoll nahm ihn Rabbi Jesaja in sein Haus auf und stattete ihn reichlich mit allem Röthigen aus; als hätte er an dem fremden Menschen gut machen wollen, was er dem schmerzlich vermißten Schicksalsgenossen nicht gewähren konnte. Als Rabbi Jesaja den Vorstehern der Prager Gemeinde seinen Entschluß mittheilte, Prag zu verlassen und das heilige Land der Väter aufzusuchen, rief diese Mittheilung in dem ersten Augenblicke große Bestürzung hervor. Aber es wagte doch Niemand, den gefeierten Meister ernstlich von diesem frommen Vorhaben abbringen zu wollen. Der erste Parnes wies auf die unsicheren Zeiten hin. „Wenn jede Reise, nach dem Ausspruch der Weisen, mit Gefahren verbunden sei," meinte er, „was solle man denn von einer so weiten Reise in solch unruhiger Zeit sagen." Noch bevor Rabbi Jesaja auf dieses Bedenken etwas antworten konme, ergriff der älteste Dajan (Gerichts-Asessor) das Wort: „Meister und Lehrer, Ihr wißt, das Scheiden eines Zaddik (frommen Mannes) läßt tiefe Spuren in dem Orte zurück, den er verläßt. Daß die Krone, der Glanz, der Stolz der ganzen Gemeinde, ihr mit Euerem Weggehen verloren geht, daran möchte ich nicht jetzt erinnern. Aber wir alle wissen, daß es lediglich Euer Sechus (Verdienst) ist, wenn unsere Gemeinde bis jetzt noch am glimpflichsten von allen Kriegsgreueln davon gekommen ist, welchen so viele andere Gemeinden erlagen. — Wenn Ihr uns jetzt verlasset, was soll aus uns werden?" Lächelnd erwiederte Rabbi Jesaja: „Euch beiden brauche ich nicht zu antworten, Ihr habt es schon selber gethan; der eine von Euch hat die Bedenken des anderen zerstreut. Wäre ich der große Mann, dessen Verdienst stark genug ist, die ganze Prager Gemeinde zu halten, so wäre es auch stark genug, um die Gefahren der Reise zu bestehen und sie glücklich zu überwinden. Ist aber mein Verdienst nicht ausreichend genug, um den Gefahren dieser Reise die Stirne zu bieten, wie könnte cs denn so groß sein, daß es gar einer großen, heiligen Gemeinde, wie es die hiesige ist, zu Gute käme? In Wirklichkeit wird Gottes Gnade dieser heiligen Gemeinde beistehen, nach meinem Weggang, wie es vor meiner Ankunft der Fall war. Das Wohl dieser Muttergemeinde in Israel wird der Gegenstand meines täglichen Gebet s sein. Aber es ist ihr gewiß besser gedient, wenn ich von den heiligen Stätten, dort wo die Pforte zum Himmel ist, für sie mein Gebet emporsende, als außerhalb des heiligen Landes." Wenige Wochen später war Rabbi Jesaja auf der Rückreise nach Frankfurt begriffen. In alle jüdischen Gemeinden, die auf der Reiseroute lagen, war die Kunde vorangeeilt, daß Rabbi Jesaja Hurwitz Halevi, das „Licht der Diaspora", wie ihn die gelehrten Zeitgenossen nannten, im Anzuge sei. Die reisende Familie wurde mit großer Ehre und vielen Huldigungen allerorts empfangen. Die größeren Gemeinden schickten den Reisenden kriegsgeübte Söldner entgegen, die sie über die Stadt hinaus begleiteten, bis die Bedeckung der nächsten Gemeinde sie ablöste. So kamen die Reisenden ohne jede Gefährdung in Frankfurt an, wo ihnen der Amtsnachfolger Rabbi Jesajas, Rabbi Samuel Hildesheim und mit ihm die ganze Gemeinde, einen festlichen Empfang bereitete. XIV. Mehrere Monate ließ sich die Familie in Frankfurt zurückhalten. Man suchte die theueren Reisenden mit allen Mitteln zu bewegen, die weite, gefährliche Reise ganz aufzugeben und in Frankfurt dauernd zu bleiben. Rabbi Jesaja wollte sich jedoch zu keiner längeren Verzögerung verstehen, so sehr auch Frau und Kinder in ihn drängten. Das was Rabbi Jesaja nach Frankfurt gezogen hatte, war nicht zu finden. Der Stadtrichter Schaab war schon seit einigen Jahren gestorben, Herr von Dingeldein hatte als Oberst die Führung eines Regiments übernommen, so daß jeder Anhaltspunkt fehlte, um mit Erfolg die Nachforschung zu betreiben. Es hielt daher Rabbi Jesaja nicht länger in der Stadt, an die sich für ihn so schmerzliche Erinnerungen knüpften, zumal seine Sehnsucht nach dem heiligen Lande um so stärker wurde, je größer alle Bemühungen waren, ihn von der Reise dorthin abzuhalten. Als die Rabbinerin wiederholt unter Thränen bat, von der gefahrvollen Reise abzustehen, erwiederte ihr der Rabbi in seiner leutseligen, aber bestimmten Weise folgendes: „Mein Entschluß, nach Erez Jisroel zu gehen, steht fest, und kein Mensch wird ihn schwankend machen. Was würde man auch in Prag sagen, wenn ich anders handelte! Würden sie dort nicht meine ganze Reise als einen nichtigen Vorwand ansehen, um von ihnen loszukommen, wenn ich jetzt auf halbem Weg stehen bliebe? Ich will rein dastehen, nicht nur vor Gott, sondern auch vor Israel. Aber davon abgesehen, ich hätte keinen vernünftigen Grund, diesen Lieblingswunsch meines Lebens gerade jetzt aufzugeben, wo ich im Begriffe bin, ihn zu befriedigen. Die Gefahren der Reise kenne ich und unterschätze sie nicht. So groß sie auch sein mögen, so groß sind sie nicht, als die unerschütterliche Gewißheit, die ich im Herzen trage, ich werde das Land unserer Väter mit Gottes Hülfe erreichen, ich werde feine

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