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Der Israelit · 1899-02-15 · Heft 14 (15.2.1899) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 14 (15.2.1899)
Date
1899-02-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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249 Prag eingetroffen. Auf der langen, beschwerlichen Reise war er bemüht, Nachforschungen über den Aufenthalt Proßnitzers anzustellen. Er war wahrhaft erfinderisch in der Art und Weise, seine Umgebung in jeder Gemeinde nach einem Bachur mit einem einzigen Ohre auszufragen; aber ohne Erfolg. Von Prag waren die ersten Würdenträger der Gemeinde und viele hervorragende Thoragelehrte dem sehnlichst erwarteten Rabbiner entgegengereist. Je näher sie der Hauptstadt Böhmens kamen, um so mehr häuften sich^ die Deputationen, welche dem neuen Oberhaupt der böhmischen Judenheit ihre Huldigungsgrüße cntgegenbringen wollten. In Prag hatte man für einen Tag das Kriegsgetümmel und die Schrecken der ungewöhnlich erregten Zeit ganz vergessen; die ganze Gemeinde schien keine andere Sorge zu haben, als ihrem von so weiter Ferne berufenen Rabbiner einen recht herzlichen Empfang zu bereiten. Alles drängte sich an den großen Mann heran, um seinen Segen, oder doch ein Wort oder Händedruck von ihm zu erhalten. Die Vorsteher geleiteten den Rabbiner und seine Familie in die bis in die kleinsten Details reichlich ausgestattete Wohnung. Eine Mahlzeit stand für die Angekommenen bereit, an welcher auch die sämmtlichen Mitglieder des Vorstandes und des Gerichts-Collegiums Theil nahmen. Rabbi Jesaja setzte sich jedoch nicht nieder. Er ergriff das Wort, um seinen Dank gegen Gott und gegen die Gemeinde für die glücklich zurückgelegte Reife und die herzliche Aufnahme auszusprechen. Er that dies in so vollendeter, geist- und gemüthsvoller Weise, daß er sich sofort die Herzen aller Anwesenden gewonnen hatte. Schon am folgenden Tage nahm er seine Thätigkeit als Leiter der Jeschiba und als Vorsitzender des Besdin (Richter-Collegium) auf. Er suchte persönlich alle Vereine, Einrichtungen und Institutionen der Gemeinde auf, um etwaige Mängel abzustellen und das Gute durch seine Anerkennung zu fördern. Aber einer segensreichen Entfaltung seiner Wirksamkeit stellten sich Schwierigkeiten entgegen, die er nicht zu bewältigen vermochte. Der ausgebrochene böhmische Krieg zog die Hauptstadt des Landes in erster Reihe in starke Mitleidenschaft. Die Soldaten, die Kaiserlichen sowohl wie die Aufständischen, zogen plündernd und mordend durch das Land, verbrannten ganze Dörfer, verwüsteten Landschaften und verbreiteten überall Schrecken und Elend. Wie gewöhnlich mußten am meisten die Juden leiden, die sich von den Dörfern und Städten des Landes nach Prag flüchteten. Die jüdische Gemeinde der Hauptstadt war durch Contributionen und Steuern aller Art, am meisten aber durch die Schrecken der Belagerung so in Anspruch genommen, daß alle höheren idealen Interessen vor der Sorge des Tages zurücktreten mußten. Bei dem Bombardement, das der Schlacht am weißen Berge am 8. November 1,620 voranging, sielen die Bomben so dicht in die Prager Judengaffe, daß der Aufenthalt darin eine fortwährende Lebensgefahr bedeutete. Die Jeschiba löste sich auf, selbst der tägliche Gottesdienst konnte nicht regelmäßig abgehalten werden. Es galt überall in erster Reihe die Wunden zu heilen, die der Krieg geschlagen und täglich schlug, die Armen und Verarmten zu unterstützen, die Obdachlosen unterzubringen und dieses große, vielseitige Liebeswerk so zu organisiren, daß es den wirklich Bedürftigen zu Gute komme. Rabbi Jesaja entfaltete eine fieberhafte Thätigkeit und ein organisatorisches Talent, das man hinter dem großen Gelehrten am wenigsten vermuthct hätte. Sein Heller Blick, sein praktischer Sinn übersahen sofort jede Schwierigkeit und brachten Ordnung und Geradheit in die verwickeltsten Zustände. So gewiß Rabbi Jesaja seinen Mann voll und ganz stellte, so sehr er sich sagen durfte, daß er den an ihn gestellten Anforderungen mehr als genügend entsprach, so wenig befriedigte ihn auf die Dauer diese aufreibende Thätigkeit. Als er eines Abends wieder erschöpft nach Hause kam, bemerkte die besorgte Gattin zu ihrem Entsetzen, daß der Rabbi den Arm in einer Schlinge trug. Ein Granatsplitter hatte in dem Gemeindehause einen kleinen Feuerbrand verursacht, bei dessen Löschen ein stürzender Balken den Arm gestreift hatte. Die Verletzung war unbedeutend, aber sie öffnete der Rabbinerin die Augen über die Lebensgefahr, welcher ihr Gatte sich täglich aussetzte. „Einem Meister der Thora, wie Du es bist, der das Feuer des Gesetzes zu hüten berufen ist, steht es schlecht an, bei einem der täglich vorkommenden Brände Feuerwehrdienste zu verrichten." „Du hast Recht," erwiederte lächelnd Rabbi Jesaja, „aber Du siehst ja, wie ich auch sofort dafür bezahlt wurde, daß ich mich um Dinge kümmere, die andere besser verstehen, als ich." „O gewiß sehe ich es, aber ich denke, daß Du jetzt endlich meiner Bckte entiprichst uno Dich nicht mehr auf die Gasse wagst, wo jeder Schritt Dein theures Leben bedroht." „Der Unfall hat mich nicht auf der Gasse, sondern im Gemeindehause während einer Sitzung der Armen-Commission betroffen. Das Haus ist keine hundert Schritte von hier entfernt. Wrs mir dort begegnete, kann mich in jedem anderen Hanfe treffen und das unsrige ist ebenso wenig gegen die feindlichen Kanonenkugeln sicher." „Wenn das wirklich der Fall ist, so meine ich.

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