Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 12-13 (9.2.1899)
- Date
- 1899-02-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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22b Feuilleton. Späte Sühne. -*+-*+-»♦ Von Rovert Hänlein. 13) Nachdruck verboten. So gingen Jahre dahin, da traf eines Tages eine Deputation der Prager Gemeinde in Frankfurt ein, welche Rabbi Jesaja Hurwitz das Rabbinat, das Präsidium der jüdischen Gerichtsbarkeit und die Leitung der großen Prager Jeschiba anbot. Rabbi Jesaja war glücklich über diese Berufung. Es war nicht die Ehre, als Leiter der bedeutendsten Gemeinde der damaligen Zeit berufen zu werden, die ihn beglückte. Er erblickte eine besondere göttliche Fügung darin, daß er gerade nach Böhmen, dem Heimathlande Proßnitzers berufen wurde, wo er am raschesten und sichersten seine Spur auffinden zu können hoffte. Demgemäß erklärte Rabbi Jesaja den Sendboten der Prager Gemeinde, daß er für seine Person nicht abgeneigt sei, dem ehrenvollen Rufe Folge zu leisten und daß er sich glücklich schätze, dieser hohen Auszeichnung von einer so alt-ehrwürdigen Gemeinde gewürdigt zu werden. Doch müsse er zuvor der Zustimmung der Rabbinerin sich versichern und auch den Führern der Frankfurter Gemeinde davon Mittheilung machen, bevor er einen bindenden Entschluß fasse. „Ihr seid noch bescheidener als Rabbi Elieser ben Asarja," erwiederte der Sprecher der Deputation. „Als man Rabbi Elieser ben Asarja die Fürstenwürde anbot, sagte er, er müsse zuvor sich mit seinen Hausleuten berathen. In Wirklichkeit befragte er aber nur seine Frau, wie im 4. Perek von Berachoth im Talmud erzählt wird. Ihr aber sagt uns sofort, daß Ihr Euere Frau befragen und Eueren Entschluß von dem der Rebbezen abhängig machen wollt. Wir haben übrigens gewußt, daß der Geist unserer Weisen auf Euch ruht und daß Ihr genau nach ihrem Beispiel verfahren werdet. Wir haben -deshalb ein goldenes, mit Diamanten und Perlen besetztes Geschmeide für die Rebbezen mitgebracht, das Ihr derselben im Namen der Prager Gemeinde übergeben wollt, um dieselbe günstig für uns zu stimmen." Mit feinem, verbindlichen Lächeln nahm Rabbi Jesaja das dargereichte Schmuckkästchen hin und sagte, nachdem er als Kenner die Steine und ihre Fassung bewundert hatte, zu den Sendboten: „Ich danke Euch für dieses kostbare Geschenk im Namen meiner Frau, der ich es übergeben werde. Aber ich bemerke Euch sofort, daß ich es erst überreiche, nachdem wir die Sache erwogen und sie mir zuräth. Euch zu folgen. Warum sollte ich den Scharfblick einer so bewährten, treuen Rathgeberin durch eine so glänzende Bestechung trüben d Dafür erhaltet Ihr aber das werthvolle Präsent wieder zurück, für den Fall, daß die Rebbezen nicht damit einverstanden ist, daß ich nach Prag gehe. — Mir ist aber durch Euer eigentümliches Geschenk die Schwierigkeit in der Gcmoro gelöst, die Ihr soeben angedeutet habt. Vielleicht hat Rabbi Elieser ben Asarja gefürchtet, als die Weisen ihn zum Präses wählen wollten, sie würden es ebenso machen wie Ihr, und seine Frau durch Geschenke für die Wahl günstig stimmen wollen. Deshalb sagte er, er müsse die Sache nicht nur mit der einen Frau, sondern mit seinen sämmtlichen Hausleuten überlegen. Diese alle aber mit so reichen Geschenken zu gewinnen, mag ihnen gewiß zu kostspielig gewesen sein." In Wirklichkeit erhielt die Rabbinerin den herrlichen Schmuck. Sie war mit der Uebernahme des Prager Rabbinats durch ihren Gatten von Herzen einverstanden. Sie glaubte fest, daß das Verlassen seines bisherigen Wirkungskreises dem Gatten die verlorene Ruhe wiedergeben würde. Wohl wußte sie, daß die Berufsthätigkeit ihres Mannes in Prag noch eine angestrengtere und der Wirkungskreis noch ein weiter ausgedehnter sein würde, aber die Bürde dieser Würde dünkte ihr gering gegen den Alp, der auf dem Gemüthe ihres Mannes lag. Sie willigte daher nicht nur ein, sondern drängte sogar darauf, daß alles geschehe, um die Angelegenheit recht bald perfekt werden zu lassen. Schwerer hatte sich der Gemeindevorstand dazu entschließen können, zum Scheiden eines Mannes seine Einwilligung zu geben, der den Stolz der ganzen Gemeinde bildete und dessen Werth man in seiner vollen Größe jetzt mehr als je zu würdigen wußte, wo sein Verlust bevorstand. Rabbi Jesaja blieb trotz aller Bitten, Versprechungen und sonstiger Versuche, die gemacht wurden um ihn zurückzuhallen, fest und konnte schon nach wenigen Tagen den Prager Sendboten die mündliche und schriftliche Erklärung geben, er beabsichtige bis zum Schabuothfest in Prag einzutreffen. Die Deputation reiste unverzüglich, nachdem sie ihre Mission so gut vollzogen hatte, wieder nach Prag zurück. Es war den einzelnen Mitgliedern nicht wohl zu Muthe, so lange sie in Frankfurt waren. Sobald der Zweck ihrer Anwesenheit dort bekannt getvorden war, blickte nran unfreundlich auf! sie und ließ sie im Verkehr oft in unverzeihlicher