Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1899)
- Date
- 1899-02-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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209 Feuilleton. Späte Sühne. -s^-s^-& Von Robert Hänlein. *&-«-;<- 12) 9?achdruck verboten. Vor Erschöpfung hielt der Rabbi einen Augenblick inne und fuhr dann fort: „Ich bin kein zu strenger BcurLheilcr meiner eigenen Handlungen; ich täusche mich auch über die mildernden Umstände nicht, die mein Thun in einem weniger schlechten Lichte erscheinen lassen. Sicher hätte ich niemals diesen verhängnißvollen Schritt gethan, wenn ich mir nicht Folgendes gesagt hätte: Es ist klar, daß der Diebstahl nnr von einem mit der Häuslichkeit überaus Vertrauten begangen sein konnte. Von unseren jüdischen Hausgenossen hielt ich keinen einer solchen That fähig. Mein Verdacht wurde deßhalb auf unser nichtjüdisches Dienstpersonal gelenkt, das ich doch nicht zum Din Thora hätte fordern können und bei dem die Polizei mit größerer Sicherheit und besserem Erfolg ihre Nachforschungen vornehmen kann, als es dem Bes Din möglich gewesen wäre. Aber was auf der einen Seite zu meinen Gunsten spricht, klagt mich andererseits um so schärfer an. Ich habe sicher unsere harmlosen nichtjüdischen Bediensteten unschuldigerweise verdächtigt, und dieser falsche Verdacht, dessen Einflüsterungen mich auf die Polizei trieben, sind wieder eine Sünde, an deren Folgen ich nun leide. Wie groß sind doch die Worte unserer Weisen, gesegnet fei ihr Andenken: „Wer Unschuldige fälschlich verdächtigt, wird an seiner Persönlichkeit gestraft!" Sie sagen nicht, wer unschuldige Juden, sondern wer Unschuldige verdächtigt! Und da soll ich meine Schuld vor der Oeffentlichkeit vertuschen und beschönigen, weil ich in den Augen mancher Menschen als ein großer Mann erscheine? Wäre ich nur über alle Fragen und Zweifel so klar, als ich es über meinen Werth und den Rang bin, den ich als der Geringste unter den Tausenden in Israel cinnehme, die an ihrem kleinen Finger mehr sind, als ich an meinem ganzen Körper. Wenn ich aber wirklich von den wahrhaft Großen in Israel einer, wäre ich dann wirklich größer, als unsere großen Ahnen und Vorbilder, die niemals Anstand nahmen, ihre Fehler vor aller Welt zu bekennen, wäre ich wirklich mehr als David, dessen Handlungsweise Niemand so gut hätte verheimlichen können, als er selber, und die Niemand so laut und so scharf verurtheilt hat, als eben er selber? Wie groß, wie einzig groß, sind doch unsere Altvorderen selbst in ihren Schwächen und Fehlern! Wer zählt die Tausende, die Hunderttausende, die sich im Laufe der Zeiten an den Bußpsalmen, an der Teschuba Davids wieder aufgerichtet und daraus neue Kraft und frischen Muth für ein neu zu beginnendes, gottgefälliges Leben geschöpft haben! Deßhalb will ich lieber in dieser Welt beschämt dastchen, um dafür geläutert und ungetrübt die Ewigkeit zu genießen. Wenn ich nicht mehr makellos, wie bisher, vor der Oeffentlichkeit dastehe, so sollen diejenigen, die auf mich ihre Blicke richten, wenigstens ein der Teschubah, der Rückkehr zur Pflicht gewidmetes Leben schauen. Vielleicht ist es mir durch Gottes Gnade doch noch einmal vergönnt, meine schwere Sünde zu sühnen, vielleicht aber ist es mir —" Hier mußte der erregte Sprecher erschöpft innehalten- Die besorgte Gattin setzte dem Fastenden Speise und Trank vor, die er nun nicht länger^verschmähte. Rabbi Abraham Breit ingen verabschiedete sich mit warmem Händedruck, und verließ, überwältigt von dieser Seelengröße, das Haus des gefeierten Meisters in Israel. XII. Seit den geschilderten Vorgängen warAeine längere Zeit dahin gegangen. Die aufgeregte öffentliche Meinung der Frankfurter Judengaffe hatte sich allmählig wieder beruhigt. Auch Rabbi^Jesaja hatte seine volle, vielseitige Wirksamkeit wieder ausgenommen und schien in dieser rastlosen Thätigkeit wieder die Ruhe und den Frieden gefunden zu haben,^den der merkwürdige Diebstahl und die sich daran knüpfenden Vorkommnisie verscheucht hatten. Aber diese Ruhe war nur eine scheinbare, mit Gewalt erzwungene. Die Welt mochte sie für die frühere glückliche und beglückende halten. Die Gattin sah schmerzlich bewegt den Kummer an dem Seelenfrieden ihres Gatten nagen. Er fastete mehr als sonst, schlief noch weniger, vertiefte sich noch eifriger als sonst in das Studium der Thora, aber an Stelle der Heiterkeit, die dieses ganze gottgeweihte Leben sonst verklärte, lagerte jetzt ein stiller, unnahbarer Ernst, der überall hin seine Schatten warf. „Lieber Mann," sagte sie eines Abends, „so darf es nicht weiter gehen. Ich sehe, Du härmst Dich, und Dein edles Gemüth wird um so furchtbarer bedrückt, je weniger Du Deinen Kummer aussprichst. Sagen doch die Weisen, daß man die Sorge aussprechen müsse, die das Herz erfüllt. Es muß doch ein Mittel geben, um Dich wieder so heiter und glücklich zu machen, wie ehedem." Rabbi Jesaja wollte erst seinen Seelenschmerz leugnen, aber das konnte er nicht lange, angesichts einer so scharfen und besorgten Beobachterin. „Du hast Recht," räumte er dann fiiglich ein, „es ist nicht, wie es früher war und wie es sein sollte. Der Gedanke an den durch unsere Schuld