Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1899)
- Date
- 1899-02-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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190 Kerrtlletoir. Verkauft. Eine Erzählung aus Ungarn. 41) Bon Samuel V. Rostter. Nachdruck verboten- Ja diese, die Aufmerksamkeit aller in Anspruch nehmende Sensation wäre fast die Ursache eines tieftraurigen Conflicts innerhalb der kleinen Gemeinde geworden. Um ein Geringes hätte sie eilte akute Krise hervorgerufen, die sich auf die hochwichtige Person des „Chasan" und Schochet der Gemeinde bezog. Es geschah nämlich folgendermaßen: Angelockt durch den Sonnenschein, der sich draußen so schön warm und hell an die Mauer lehnte, war der würdige „Rosch Hakohol" nach dem Frühstück vor das Haus hinausgetreten und schmauchte in unvergleichlicher ,,Jomtof"-Laune seine lange Pfeife, indem er den Blick ruhig die Gaffe hinauf und hinab schweifen ließ. Da kam mit gravitätischen Schritten der „Chasan" einhergeschritten. Ein selbstgefälliges Schmunzeln schwebte um seinen Mund bis über den ansehnlich langen Bart hinab. Er schmunzelte aber, weil er die Ueberzeugung hatte, mit seinem neuen „Haudu'") im heutigen „Hallel" eine Thal auf dem Gebiete des synagogalen Gesanges vollbracht zu haben. „Nun," sprach er, beim Rosch-Hakohol stehen bleibend und sich über den Bart streichend, „wie hat Ihnen mein neuer „Haudu" gefallen?" Der „Rosch-Hakohl" aber, der gleich den Andern in Schul darüber nachgegrübelt hatte, was wohl die vier Fremden im Dorfe wollten, blies den Rauch seiner Pfeife in die Luft und sagte ruhig, nichts ahnend: „Was — Sie haben einen neuen „Haudu" gemacht?" Wie ein Pulverfaß, in welches ein Funke gefallen, so vehement flammte in dem Manne der verletzte Künstlersiolz auf. „Da hat man's," schrie er, „ich zerreiße mir die Kehle und zerbrech mir den Kopf und schmettere einen „Hallel" her, daß mich ein „Dowedl Brod"-) darum beneiden könnte und Sie denken an den Preis der Wolle oder weiß ich, an was? — Undankbares Volk! Der Nachtwächter soll Euer „Chasan" sein! Lassen Sie „Kohl" zusammenrufen — ich kündige!" Sprachs und stürmte davon, daß die Rockschöße wild nach beiden Seiten flogen. Der „Rosch-Hakohol" erschrack nicht zu sehr über V) Eine Strophe des Hallelgebetes. 2) Eine sprichwörtliche Cantorgröße. i diese aus heiterem Himmel gekommene Kündigung, denn es war nicht das erste Mal, daß der über ächt künstlerisch reizbare Nerven verfügende „Kantor", wie er sich gerne nennen hörte, seiner Gemeinde sozusag n „aus heiler Haul" die „Chawruße" *) aufsagte. Man brauchte jedoch nie besondere Anstrengungen zu machen, um ihn zur Rücknahme seiner Kündigung zu bewegen, denn es war ihm noch nie eingefallen, seine Drohung zur That werden zu laffen. Die schöne Morgensonne und die Feiertagsmuse lockte auch Andere auf die Gaffe hinaus und bald befand sich der größere Theil der ehrsamen „Khilla" auf der Gaffe und tauschte in größeren und kleineren Gruppen vereint, Vermuthungen über den Zweck der fremden Gäste aus. Da brachte Jemand die Lösung des Räthsels. Die Fremden waren gekommen, um sich von dem verehrten Rabbiner eine würdige Persönlichkeit für den vakanten Rabbinerposten in ihrer Gemeinde empfehlen zu laffen. Da man wußte, daß sich die vier Fremden bald nach dem Morgngottesdienst zum Rabbiner begeben hatten, so fand diese Aufklärung allgemeinen Glauben. Bald sah man den „Schames" durch die Gaffe schreiten, im Bewußtsein der Wichtigkeit seiner Mission mit gravitätischer, geheimnißvoller Miene. Zum Aerger der Leute hütete er sich sorgsam, nach rechts oder links zu schauen, oder auf einen der vielen Zurufe Rede zu stehen. — Doch man brauchte nicht lange über das Ziel seines Ganges neugierig zu sein. Bald ging er wieder zurück, von „Mirjams Moscheh" begleitet und alle Blicke folgten ihnen voll maßloser Verwunderung, bis sie in der Thüre der Rabbinerswohnung verschwunden waren. Sollte er vielleicht von dem Raw zum Rabbiner der fremden Gemeinde ausersehen worden sein? Nun, man wußte, daß man in Bezug auf Gelehrsamkeit weit und breit seines gleichen zu suchen hatte, aber — er hatte ein so blasses, krankhaftes Aussehen. Obwohl ihm der Schames indiskret erweise Andeutungen darüber gemacht hatte, weshalb er zum Rabbiner gerufen werde, stand Moscheh dennoch unter dem Einflüsse einer beinahe faffungslosen Erregung, als er in das Zimmer eintrat, in welchem ihn der Rabbiner und die vier „Meschulochim" -) erwarteten. (Fortsetzung folgt in der Donnerstagsnummer.) Berichtigung In einen Theil der Auflage unserer jüngsten Montaasnummer, hat sich unter der Rubrik: „Letzte Nachrichten", während der Abwesenheit des Chesredacteurs ein Artikel eingeschlichen, der, wie jeder regelmäßige Leser des „Israelit" wohl geinerkt haben wird, in dieser Fassung nicht für den Israelit bestimmt war. Wir bedauern, daß der Abdruck in dieser Form erfolgte. 1) Gemeinschaft. 2) Abgesandten.