Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1899)
- Date
- 1899-01-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448959--47540-2497897- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Xli, Jahrgang._ Krilage zu M 5 -es „Israelit". Leitender Artikel. Wede gehalten bei der Grabstemsetzung zu Ehren des Dr. Clios Pleßner n"n^22T, iftroiuo, von seinem Neffen und Schwager Provinzialrabb. Dr. L. Hirschfeld—G ießen. Der Midrasch Kohelet erzählt: Zwei Schiffe segeln zu gleicher Zeit im Meere: das eine verlaßt den Hafen, das andere fährt in den Hafen ein. Dem Schiffe, ivelches aus dem Hafen hinausfährt, macht eine (.Gesellschaft von Freunden ein frohes Fest und begleitet seine Abreise mit Händeklatschen und Freudengeschrei: vor dem Schiffe, das zum heimischen Hafen wieder zurückkehrt, schweigt alles. Ein verständiger Mann, der Zuschauer dieser Scene ist, schüttelt das Haupt und spricht: Hier geschieht das gerade Umgekehrte von dem, was geschehen sollte. Alan feiert den, der abreist, und nimmt den gleichgiltig auf, der zurückkehrt? Arme Getäuschte! Feiert vielmehr das Schiff, das seine Reise glücklich vollendet, das die Klippen und Gefahren des Meeres glücklich umsegelt hat und unversehrt, heil und wohlbehalten wieder zurückkehrt an die Gestade der Heimath, lind beweint das Sckiff, das erst abreist und den Stürmen und schrecken der lvogenden Fluth entgegeneill. So, wenn der Mensch geboren wird, macht man ein Fest, jauchzt, jubelt, feiert Gelage, freut sich und lacht, und lvenn er stirbt, weint man, klagt man, jammert man. Das Gegentheil sollte geschehen. Alan sollie lveinen, wenn der Mensch geboren wird. Denn weiß man, ob er den gefahrvollen, klippenreichen Ozean des Gebens glücklich durchsegle, ob er durch die morgen und Plagen und Kümmernisse des Daseins sich siegreich durchringen werde? Und man sollte lachen, wenn er stirbt, wenn er stirbt und einen guten 'Kamen hinrerläßt. Das ist, was der König Salomo sagt: nyn dvd men an mp jdspd nur me. „Besser Name denn köstlich Oel und der ^az des Todes denn der der Geburt." So weit der Midrasch. Und wer, in. V., ist wohl von hinnen gegangen und hat einen besseren, klingenderen Flamen zurückgelassen lind wessen Grabesstätte dürfen wir mit mehr freudigem Stolze und lebendiger Hoffnung betreten, als die von Rabbi Elias Pleßner mnm »npi nyi ccm ~n 131 vom p'ii* -dt HD-Dr. Von unserem Stammvater Jakob heißt es in der dieswöchentlichen Sidra: cniN 701 C.T3N diu "üntw ns»: „Und das ist, was zu ihnen ihr Vater geredet, und er segi nete sie." Auf seinem Sterbelager segnete Jakob seine Kinder. Er wollte nicht von Erden scheiden, ohne seine Kinder noch, jedem besonders, seinen Segen, seinen Vatersegcn zu geben. Rabbiner Dr. Elias Pleßner — eigene Kinder zu hegen, zu kosen, großzuziehen, zu segnen, diese Wonne ward ihm versagt. Seine Kinder war ihm seine Genreinde, seine von ihm an seinem Busen gewärmte, in seinem Schoße gewiegte, mit seinem Herzblute genährte Gemeinde, die er mit der Fülle seiner überquellenden Empfindung liebte, nt£W nNlT CHlN -p3’i QHDN DH3 131: „Und das, daß er als ihr Vater fortdauernd zu ihnen, zu den Gliedern seiner Gemeinde sprach, mit der'Allgewalt seiner feurigen Rede mahnend und begeisternd zu ihnen sprach, das ist der Segen, den er ihnen zurückgelassen." Den schönten, reinsten, teuersten, edelsten, vollsten, erhabensten Segen, den je ein Varer seinen Kindern ertheilt, ihr, seine Gemeinde, die Gemeinde Ostrowo, habt ihn von ihm geerbt, nicht seine Familie. Seine Familie hat nur das glückliche Bewußtsein, ihn zu den Ihrigen gezählt zu haben, ihren Eigenen zu nennen; für sie war er nur der Bruder, der Schwager, der Onkel. Für euch, seine Gemeinde, war er aber Rabbi Elias Pleßner; ihr habt seine ganze Persönlichkeit besessen, die Kraft seines Geistes, den Vollgehalt seines Wirkens. Sein Strahlenbild hat in eurer Mitte getrohnt, feine überragende Erscheinung in eurem Kreise geprangt, unter euch hat er gelebt, für euch ist er gestorben. Gestorben? 'Nein! Der heutige Tag lehrt es, diese Feier lehrt es, die Errichtung der Tmp P35JD lehrt es, daß er nicht gestorben ist. Zu Anfang der dieSwöchentlichcn Sidra heißt es: “NitP’ nnpi mc3 „Und es nahlen die Tage Israels zu sterben." Unsere Weisen sagen dazu, in ihrer 1 nnigen Erklärung: Seine Tage nahien zu sterben, er selbst, Jakob selbst starb nicht; ein Jakob lebt für alle Zeiten. Männer, wie Aabbi Elias Pleßner, solche Patriarchen aus dem Judenthum der modernen Zeit, so wüchsige, wuchtige, kernhafte, markige Neckengeftalten unseres Glaubens, solche geheiligte Priester Gottes sterben^ nimmer. Das drückt ja doch die Schrift aus, die dieser Stein hier trägt, welcher heute seinem ewigen Andenken gesetzt ist. Wieder greife ich auf den heutigen Wochenabschnitt zu rück. Jakob rust seinen Sohn Joseph zu sich und spricht zu ihm mit schon brechender Stimme, mit fast erlöschendem Athem: '3i' nnn tt w n'v 7.373 jn ’hnsd w dn ncxi non ’icy m&yyi „Wenn ich doch Gunst gefunden in deinen Augen, so lege doch deine Hand unter meine Hüfte und erweise mir Liebe und Treue." Dazu setzen unsere Weisen erklärend hinzu: “Dn Nin enen Dy ptsnyff IDn hcn „die „Liebe", von der Jakob zu Joseph sprach, ist die Liebe, die man den Toten erweist." Ist cs euch nicht, ihr versammelten Glieder derpGemeinde Ostrowo, als hättet ihr euren Rabbi vor seinem Scheiden von hier zu euch sprechen hören: Ihr, meine treue Gemeinde, ihr Kinder meines Herzens, plötzlich, ich fühle es, ruft der Herr mich ab von euch.' Wollt ihr mir eure Liebe und Treue beweisen? enen cy cenym non ncy mmyi „so erweiset mir die Liebe und Treue, die man den Toten erweist." Bewahret mein Andenken in euren Herzen, pfleget meine Erinnerung, haltet euch immer mein Bild vor Augen, vergesset nie, daß und was ich in eurer Mitte gelehrt habe; lasset mich ewig in eurer Seele leben. Stellet mir einen schlichten Stein auf mein Grab und schreibet darein: Hier r u h t Ra b b in er D r. Elia S Pleßner, der diese e li r w ü r d i g e Gemeinde mit der Wärme seines Empfindens, mit der Aufrichtigkeit seiner Ueb erzengnng .geführt und geleitet hat!?y ruiDNn yi30 Pyi minn yyc „an den O.uell und den Sprudel des Glaubens." Und so habt ihr an ihm heute die TUE erfüllt, die wir schon von unserem Stammvater Jakob lernen 35»t nrrop Ty n3SE 3py, ein Denkmal ihm zu errichten überfeinem Grabe. Wie könnte ich, Anverwandter, doppelt Anverwandter dieses großen Mannes, wie könnte ich, sein Schüler und