Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1899)
- Date
- 1899-01-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448959--47538-2497895- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 1× ep/1005097
OCR text
87 Unmittelbar nachdem er den königlichen Pupur abgelegt hatte, hüllte er sich wieder in Sack und Asche. Und diese Auszeichnung war ihm doch ohne jedes Wissen und Wollen geworden! Ich bereue, daß ich auf der Polizei war. Sie wird jetzt bei allen Händlern und Trödlern Hausuntersuchungen vornehmen, wer weiß, wie viel Unschuldige durch uns fälschlich verdächtigt werden und ob der wirklich Schuldige gefunden wird. Wird er aber .selbst gefunden, so kann er unter klmständen ohne langen Proceß aufgehängt werden und wir sind nicht in der Lage, etwas daran zu ändern. Mir graut bei dem Gedanken, daß durch uns ein Mensch sein Leben verlieren solle. Ich zweifle nicht daran, daß wir unser Eigenthum wieder erhalten, aber durch die Polizei erlangen wir es nicht." „Ich glaube, lieber Mann, Du siehst zu schwarz hinsichtlich des Schicksales, das dem Diebe unseres Silbers bevorsteht und zu rosig betreff der Wiedererlangung des uns gestohlenen Gutes. Aber wir wollen darüber jetzt nicht discutiren. Du hast Ruhe nöthig, ich werde dafür sorgen, daß Du einige Stunden ungestört bleibst, dann mußst Du mir aber alles ausführlich erzählen." Mit diesen Worten verließ die Rabbinerin das Zimmer, das Rabbi Jesaja hinter ihr abschloß. Er war jetzt allein und konnte in Ruhe mit seinem scharfen Geist das Vorgefallene überdenken. Bevor er dies aber that, ergriff er das erste ihm zu Hand kommende Buch, schlug es auf's Gerathenwohl auf und vertiefte sich in seine Lektüre. Es war ein Thnach (die 24 Bücher der heiligen Schrift) das er herausgcgriffen und gerade bei den Psalmen aufgeschlagen hatte. Er las halblaut mehrere Psalmen mit der ganzen Innigkeit und Andacht, deren er fähig war. Je mehr er sich in den Inhalt vertiefte, um so ruhiger wurde sein erregtes Gemüth und er fühlte wieder den beglückenden Seelenfrieden bei sich einziehen, der sonst sein Leben verklärte. Rach einer halbstündigen Lektüre schloß er das Buch und die müden Augenlieder, die sich schon mehr als 30 Stunden nicht zum Schlummer geschlosseu hatten. Er träumte, nicht von Dieben und Polizisten, sondern von einer neuen Erklärung des 51. Psalms, den er soeben gelesen hatte. Die reine Seele des großen Mannes wob im Schlaf die Fäden weiter, die sie im Wachen begonnen hatte. Ein heiteres Lächeln umspielte die Lippen des schlummerden Denkers; es mußten edle, hehre Gedanken sein, die der rastlose Geist dachte, auch während der Körper im Schlafe versunken dasaß. Aber der Schlaf hatte kaum eine Viertelstunde gedauert. Für Rabbi Jesaja hatte er vollkommen genügt: er fühlte sich frisch gestärkt und neu belebt. Mechanisch ergriff er wieder die heilige Schrift, schlug sie zum zweit enmale auf und stieß merkwürdiger Weise wie vorhin auf den 51. Psalm, dem sein Traum gegolten hatte. Heiteren Blickes überflog er die Strophen, ihnen im Geiste seine soeben gefundene Erklärung anpaffend. Sie schien auch dem Denker in wachem Zustande zuzusagen. Mehr aber als die Erklärung, freute ihn das Bewußtsein, das sein inneres Geistesleben nicht von den turbulenten Vorgängen der letzten Stunden ergriffen war. Wäre dieses der Fall gewesen, so hätte er von ihnen und nicht vom 51. Psalm geträumt. Deswegen durchflog er mit heiterem Lächeln die Verse der Psalms, das aber plötzlich schwand, als er beim Durchlesen auf den Ui. Vers stieß; „Rette mich vor Blutschuld Gott, Gott, meine Hilfe, dann mag m eine Zunge Deiner Wohlthat jubeln!" Das war in präeise Worte gefaßt, die Seelenpein, die ihn verfolgte. Es waren also doch die „Gedanken des Tages," wie der talmudische'Äusdruck lautet, die seine Seele selbst im Traum beherrschten. Wie hatte er sich selber so schlecht gekannt, und wie leicht war er geneigt, sich für vollendeter zu halten, als er in Wirklichkeit war! Verdrießlich schloß er das heilige Buch, und trat in raschen Schritten zu dem verhängnisvollen Schranke hin, in dem der Schlüssel noch steckte. Behutsam öffnete er ihn. Er hätte sich nicht gewundert, wenn er ihn wieder leer gesunden hätte. Aber da stand alles noch unversehrt, wie er es vor wenigen Stunden zu seinem Schrecken getroffen hatte. War alles nur ein wüster Traum? Er nahm eine der Girandolen heraus, und das kalte Silber überzeugte ihn, daß es Wirklichkeit war. Sinnend stand er einige Minuten vor dem offenen Schranke. Wiederum stellte er sich auf einen der Stühle, leuchtete mit dem Lichte durch die ganze Tiefe des Schrankes. Die Handspur in dem obersten, leeren Brett war noch unversehrt, aber sonst fand sich auch nicht der leiseste Anhaltspunkt, der auf eine Spur des Thäters führen konnte. Während er das Licht wieder auslöschte und den Stuhl an seinen Platz zurückstellte,»überflog sein rascher Geist noch einmal das ganze Geschehniß bis in alle Details, aber nirgends eine Spur. Als er wieder den Schrank zu schließen im Begriffe war, fiel ihm auf, woran er sich schon heute Vormittag gestoßen hatte, daß das Schloß nicht mit der Leichtigkeit wie früher funetionirte. Heute morgen hatte er darüber gelächelt, als der Stadthauptmann den hohlen Schlüssel fixirte, aber jetzt trat er ans Fenster und that nun selber, was er vor wenigen Stunden lächer-