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Der Israelit · 1899-01-05 · Heft 2 (5.1.1899) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 2 (5.1.1899)
Date
1899-01-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Glaser antrieb, das Duell zu vereiteln. Seine Hände krumpften sich unwillkürlich zusammen und sein Gesicht nahm einen drohenden Ausdruck an, daß sie einen leisen Schrecken empfand. „Mit Verlaub," sprach er düster, „was kümmert es denn Sie, ob ich Thorheiten begehe oder nicht?" Er schaute sie eigentlich erst jetzt an. Sie erröthete tief und schlug die Augen nieder, als sie mit leiser Stimme, kaum hörbar, entgegnete: „Das ist mir nicht so gleichgültig, als Sie denken." Rein, das war denn aber doch zu viel! Sie gab nch gar keine Mühe, ihre Gefühle zu verbergen. Dieses verrütherische Erröthen sagte ihnl Alles. Sie war bereits so sehr in Glaser vernarrt, daß sie die Erniedrigung nicht scheute, bei ihm für ihren Seladon zu bitten. Das war nicht klug von ihr, so ihre geheimsten Regungen zu verrathen und sie soll für ihre Unbedachtsamkeit bitter büßen. Er wollte sie auf eine grausame Folter spannen. „Ja, mein Fräulein," sprach er mit eisigem Gleichmuth, „das ist schlimm, aber ich kann Ihnen nicht helfen. Es ist, als ob die Kugeln bereits durch die Luft pfiffen. —" „Mein Gott," stammelte Schulamit erblaffend, indem sie die Hände zusammenschlug, „Pistolen also?" „Ja," entgegnete er und in seinem Blicke, den er mit schadenfroher Befriedigung auf ihrem lieblichen, schreckensstarren Gesichte ruhen ließ, blitzte diabolische Freude auf, „Pistolen, und ich kann Sie versichern, daß ich eine sichere Hand habe. Ich pflegte mich in Pistolenschießen zu üben und ich bin ini Stande, ein in die Luft geworfenes Guldenstück mit der Kugel herunterzuholen." Es kostete ihn Mühe, daß er über diese buchstäblich aus der Luft gegriffene Prahlerei nicht in ein lautes Lachen ausbrach. Ihre Augst, die sich deutlich auf ihrem Gesichte abspiegelte, versetzte ihn in eine köstliche Laune. „Und Sie wollen nach einem Menschen mit derselben Kaltblütigkeit schießen, wie nach dem Guldenstück? Das ist ja entsetzlich!" „Ich finde das nicht," entgegnete er mit einem Cyuismus, der ihr ein Grauen einflößte, „denn dieser Mensch, nach dem ich mit aller Kaltblütigkeit schießen werde, ist Heinrich Glaser — für welchen Sie eine so zärtliche Besorgniß an den Tag zu legen scheinen?" Er hatte ihr die Worte, deren jedes er mit einem scharfen Nachdruck betonte, wie die Splitter einer platzenden Bombe hingeschleudert. „Ich — besorgt — um Glaser?" wiederholte sie murmelnd und schaute ihn mit ihren leuchtenden Augen groß an. Dann kniff sie die Augen zu einem verschmitzten Blinzeln zusammen, sixirte ihn eine Weile so und brach dann plötzlich in ein schallender, übermüthiges Gelächter aus. Noch immer lachend, warf sie den Kopf über die Lehne des Sessels zurück, so daß ihre masftven Zöpfe frei herunterhingen. Rudolf fühlte sich inmitten seiner tiefen Empörung leicht verwirrt und wußte sich ihr sonderbares Benehmen nicht zu erklären. Bald sah er ihre glänzenden sich schaukelnden Zöpfe, bald ihr blühendes, lachendes Gesicht — und er wurde immer verwirrter. „Ich zärtlich besorgt um Glaser?" wiederholte sie immer noch lachend und kichernd — „nein, so gründlich ist noch nie einer aufgesessen." „Wie — wer?" stammelte Rudolf, indem seine Verwirrung auf den Höhepunkt stieg. „Oh, ihr stolzen, weisen Herrn der Schöpfung," rief Schulamit, „wie bodenlos dumm könnt ihr unter Umständen sein! Wissen Sie weßhalb ich zu Glaser in den Stadtpark ging?" Rudolf flimmerte es dunkel vor den Augen. Sie neigte sich zu ihm hinüber und flüsterte, indem sich eine tiefe Röthe über ihr schönes Antlitz ergoß: „Um — um — Sie ----- damit — zu ärgern — " Nachdem sie den Vorhang von ihrem Herzen weggezogen hatte, verbarg sie ihr erglühendes Antlitz in den Händen. „Mich — mich zu ärgern?" wiederholte Rudolf stammelnd, während ihm ein Wonnetaumel betäubend zum Kopfe stieg. Er erfaßte mit zitternder Hand die ihrige und versuchte, sie sanft von ihrem Antlitz zu ziehen, welches sie in holder Scham von ihm abwandte .... Plötzlich fühlte sie seine brennenden Lippen an ihrer Hand. Sie entzog ihm rasch ihre Hand, sprang erschreckt auf und nach einem Augenblick bestürzter Nathlosigkeit eilte sie zur Thüre. Sie öffnete die Thüre leicht und ließ sie halb offen. „Pst!" machte sie, indem sie den Zeigefinger an die Lippen legte und kehrte langsam zu ihrem Platz zurück. Sie dämpfte ihre Stimme: „Wir wollen vernünftig mit einander reden. Von Duelliren also ist keine Rede mehr?" Ach, was lag ihm jetzt am Duell, an Glaser unb an der Ritterlichkeit! Das Alles war plötzlich wie in einem tiefen Abgrund verschwunden. Er stand ganz bezaubert von der herrlichen Offenbarung, die ihm geworden und wurde nicht müde, sie selbstvergessen mit seinen entzückten, schwärmerischen Blicken zu verschlingen. „Nun?" drängte sie, die ihre Selbstbeherrschung zum Theil wiedergefunden hatte. „Nein, nein" — betheuerte er in seiner Begeisterung. Plötzlich aber besann er sich. Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf und seufzte. „Oh Gott, es geht ja doch nicht an. —-!" (Fortsetzung folgt.)

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