Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 102-103 (29.12.1898)
- Date
- 1898-12-29
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgang. Vierte gril.;u M102 & 103 -es „Israelis. Leit««»« Artikel. Der Avtisrmittsmiis «xd die froni. Kammer. Paris, 23. Dez. Rounet beginnt mit einem Rückblick auf die Entstehung der Judenhetzen, die stets mit einer Ausbeutung der Juden durch den Kapitalismus einhergingen. Unter großer Heiterkeit führt Rouanet aus, wie Könige und Erzbischöfe in Frankreich sich um den Besitz von Juden stritten, eben um diese auszubeuten. In Frankreich gab's im Mittelalter Judenverfolgungen. Was war die Folge? Nichts anderes, als daß ein großer Theil des Handels aus dem Süden nach Norditalien verschleppt wurde. Neuerdings ist der Antisemitismus in Frankreich aus Deutschland importirt worden. Die Chauvinisten dort drüben — das sind die Antisemiten. Sie sagen, die Juden seien Franzosen, wie sie bei uns sagen, die Juden seien Deutsche. In Deutschland lebt ein rühriges intellektuelles Volk Der Antisemitismus ist dort der Verachtung verfallen, aber in Frankreich gibt es eine Clique, die sich Patrioten glauben, weil sie Antisemiten sind. Ich hoffe zuversichtlich, daß unser Volk sich nicht bethören läßt, seiner großen Tradition untreu zu werden. (Stürmischer Beifall links und in der Mitte.) Rouanet führt dann weiter aus, daß der Judenhaß in Algier besondere Ursachen habe: Die Juden seien ursprünglich ein erobertes Volk und zugleich den Verfolgungen der Eingeborenen wie der eingewanderten Italiener und Spanier ausgesetzt, aber diese Juden sind, genau besehen, gewiß keine Kapitalisten. In Tunis leben mehr jüd. Familien als christliche. Glaubt Herr Drumont, daß das Kapitalisten sind, oder sind die armen Kutscher und Kolporteure in Algier Kapitalisten, denen Negis ihr kärgliches Brod wegnahm. (Cassagnae unterbricht: Die Radikalen würden in Frankreich ebenso handeln!) Rouanet: Sie möchten eine solche Schande vertheidigen, ich denunzire im ganzen Hause, wo diese Gesinnung daheim ist. (Stürmischer Beifall.) (Caffagnae: Ich mißbillige die algerischen Geschehnisse, Sie haben mich mißverstanden.) Rouanet schließt: Es giebt weder einen jüdischen noch einen christlichen Kapitalismus und wenn Sie einen angreifen, gefährden Sie den andern. Deshalb dürfte die Regierung gut daran thun, den algerischen Trubeln ein Ende zu machen, ehe es zu spät ist. (Wiederholter Beifall links. Die Sozialisten beglückwünschen den Redner.) Als endlich Ruhe eintritt und während der Antisemit Firmin Faure die Tribüne ersteigt, schreit ein algerischer Gemeinderath Lionne, zugleich Redakteur des „Antijuif" von der Journalistentribühne: Ich protestire namens sämmtlicher Algerier. Hoch Frankreich! In der Nähe Lionnes wohnt Max Rögis ebenfalls der Sitzung bei. Lionne wird hinausgeführt und Faure beginnt, nachdem Beruhigung eingetreten war, seine Anfrage über die Ernennung des neuen Präfekten Algiers zu begründen. Nachdem Firmin Faure die Person und die Vergangenheit des neuen Präfekten Lutaud kritisirt hatte, beginnt Charles Dupuy: Er protestirt gegen den Vergleich, den Drumont zwischen Algier und Cuba angestellt hat, und fährt dann fort: Drumont wundert sich, daß ich Rogis suspendirte. Rbgis erlaubte sich, öffentlich zu drohen, er werde Leverriöre zurückschicken, wie er Lepine zurückschickte. Das ist eine Drohung, die die Regierung sich nicht bieten lassen konnte von einem jungen Franzosen, ohne ihre Autorität zu verlieren. Rögis hat aber auch die öffentliche Sicherheit gefährdet, indem er den Juden Tod predigte und einen Herd revoltirender Agitatoren um sich versammelte. Den Präfekten Lutaud wählte ich auf eigene, spontane Entschließung und Verantwortung, weil in Algier ein thatkräftiger Mann nöthig ist. Lutaut erscheint der dortigen Situation gewachsen, die unerträglich geworden ist. Der Antisemitismus ist in Algier zu einer schweren Krankheit geworden. Sein Ursprung ist in Paris, wo er nur literarischen Erfolg hatte. Nach Algier verschleppt, wurde er ein schweres soziales Uebel. Dupuy schildert dann die rechtlichen Verhältnisse Algiers und die Reformen, welche die Kammer und die Regierungen bisher beschlossen, und fährt dann fort: Wa« sind nun die positiven Vorschläge, die die Antisemiten bei der heutigen Interpellation vorschlugen? Faure will das jüdische Kapital abschaffen. Rühren Sie die Beispiele nicht, die Rouanet vorführte, von den Kutschern und Kolporteuren Algiers, denen Regis den Verdienst genommen hat? Dann rufen die Antisemiten, Frankreich gehöre den Franzosen. Ja, was sind denn jene Wähler in Algier, denen Drumont sich als Kandidat vorstellte, unter dem Namen Sennor und Signor Eooardo Drumont? (Stürmische Heiterkeit.) Herr Drumont wies auf die neuen Naturalisirten hin, denen man Zugeftändniffe machen müffe. Wissen Sie, Herr Drumont, wohin Sie diese junge Civilisation in Algier führen mit Ihrer Methode? Zur Untergrabung jeder Civilisation. Verlassen Sie sich darauf, daß unsere alte französische Civilisation segensreicher ist als Ihre Theorien. Was Sie pre-