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Der Israelit · 1898-12-29 · Heft 102-103 (29.12.1898) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 102-103 (29.12.1898)
Date
1898-12-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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SX1II, Jahrgang. Erste MI. M M102 & 103 -es »Fsraelit". Feuilleton. jüdische j)lcrudereien. Von vr. A. Berliner. Wenn in einer Gemeinde über den Leumund einer Person, welcher ein Ehrenamt übertragen werden werden soll, gestritten wird, weil die Antecedentien derselben nicht fehlerfrei gewesen seien, pflegt ein Fürsprecher aufzutreten, um die Widerrede zu entkräften, indem er sich der landläufigen Redensart bedient et? «in asMan habe den Menschen zu beurtheilen nach dem, wie er jetzt ist, und nicht, wie er einst war. Gehen wir auf den Ursprung dieses geflügelten Wortes zurück, so finden wir, daß es den Sinn hat, der Mensch sei zu beurtheilen nach dem, wie er jetzt ist, und nicht wie er einst sein wird oder kann. In der Praxis hat somit die Phrase eine ganz andere Wendung erhallen. Ihr Ursprung geht nämlich auf die Geschichte des in der Wüste in Gefahr, vor Durst umzukommen, schwebenden Knaben Jischmael, dessen Stimme Gott erhört, indem er nach dem Midrasch einem seiner Engel befiehlt, jenen Brunnen hierher zu versetzen, der, bereits in der Dämmerung d^s sechsten Schöpfungstages dazu bestimmt ward, das Volk Israel auf seiner Wanderung durch die Wüste mit Wasser zu versorgen. (S. unter den zehn Dingen im fünften Perek von Aboth). Da wandten sich aber die Engel dagegen und riefen aus: Herr der Welten! Jenes Bösewichts willst du dich erbarmen, der einst als Wegelagerer den stillen Wanderer durch die Wüste überfallen und berauben wird, besten Nachkommen einst Israels Kinder bei ihrer Wegsührung in die Gefangenschaft dem schrecklichen Tode des Verschmachtens preisgeben werden? Für ihn willst du jenen Wunderbrunnen geschaffen haben, an dem Israels Fürsten und Vornehmen einst Lob- und Danklieder anstimmen werden! Die Anklage bezog sich vorzüglich auf jene Erzählung des Midrasch (Jerusch. Taanith IV, 5 und zu den Klageliedern 2, 2), nach welchem die Israeliten, als sie durch Nrbukadnezar in die babylonische Gefangenschaft geführt wurden, die Feinde baten, daß man sie doch durch das Land der Jsmaeliten, ihrer Brüder, führen möchte, von welchen sie Mitleid erwarten dürften, um von ihnen Speise und Trank zu erhalten. Aber bitter getäuscht wurden sie in ihren Hoffnungen. Die Jsmaeliten kamen ihnen entgegen mit stark gesalzenen Speisen und aufgeblasenen Schläuchen. Gierig genossen die armen Gefangenen die ihnen gebrachten Speisen; als sie aber hierauf ihren Durst löschen wollten, fanden sie die Schläuche leer. Die darin enthaltene heiße Luft drang in ihre Eingeweide, so daß sie verschmachteten und ein großer Theil unter grausamen Schmerzen umkam. Diesen Hinweis auf die Zukunft wollte aber Gott nicht gelten lasten. Wie ist dieser Knabe jetzt, ist er schuldig oder unschuldig? Die anklagenden Engel mußten allerdings seine gegenwärtig noch bestehende Unschuld anerkennen. Nun, sagte Gott der Weltenrichter, nach den Thaten, die der Mensch verübt hat, richte ich den Menschen, nicht aber nach denen, die er später in der Zukunft begehen wird. Jetzt, in der Gegenwart, verdient Jischmael nicht durch Verschmachten umzukonrmen, darum soll ihm Rettung vom Tode zutheil werden. — Wir sehen also, daß das biblische Wort iv'x- Lv' »n nach dem Midrasch demonstrativ von dein Hinweis auf die Zukunft zurückhalten soll, während in der späteren Uebertragung diese Redensart den Hinweis auf die Vergangenheit ausschließen will. Nach jener midraschischen Austastung soll der Mensch beurtheilt werden, nicht wie er sein wird, sondern wie er ist. Dagegen Jrach der im Volksmunde cursirenden Redeweise heißt es: Nicht nach dem, wie er war, sondern wie er jetzt ist, werde der Mensch beurtheilt, nicht verurtheilt. Noch anoere Redensarten haben im gewöhnlichen Leben eine ganz andere Bedeutung erhalten, als ihnen ursprünglich gehört. So bietet schon jener Midrasch in Abot, Anfang des vierten Perek, ein solches Beispiel. Auf die Frage: Wer wird weise? wird geantwortet: Der von Jeder>nann Lehre annimmt und hiefür der Psalmvers C. 119,99 als Beleg angeführt '~sbr: vrr: 'Tbmn in beut Sinne: „Durch alle meine Lehrer bin ich weise geworden." Und doch ist der einfache Sinn dieser Schriftstelle nicht so, wenn auch Kimchi im Sinne der Mischna sie auffaßt. Denn schon der vorangehende Vers erweist, daß auch hier eine Corporation ausgedrückt werden soll. Somit wäre zu übersetzen: Ich bin verständiger als alle meine Lehrer; denn deine Zeugniste sind mein Sinnen. Ooer, wie Sachs übersetzt: Vor allen meinen Lehrern bin ich verständig; denn deine Zeugniste sind mein Gespräch. Eine zweite biblische Stelle wird ebenfalls in anderem Sinne angewendet. Wenn man aus

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