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Der Israelit · 1898-12-29 · Heft 102-103 (29.12.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 102-103 (29.12.1898)
Date
1898-12-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1914 liche Tradition in allen ihren Verzweigungen gründlich und vollkommen kannte, erst dann durfte er daran gehen den verborgenen Inhalt zu erforschen, seine Vermuthungen anzuftellen über die Absichten unseres himmlischen Lehrers bei seinen Geboten und Verboten. So war es von jeher, so ist es Gott sei Dank noch bei der Mehrzabl unserer Glaubensgenossen. Aber im Beginne dieses Jahrhunderts begann eine Schule groß zu werden unter den Juden, die in thörichter Nachahmung fremder Gewohnheiten andere Wege einschlug und unsere Religionsguellen und Ueberlieserungen in pietätlosem Eifer zu zersetzen begann. Jüdische Jünglinge, die aus den Gymnasien ihre Bildung erlangt halten und von jüdischem Wissen fast gar nichts besaßen, begannen einzureißen, was ihnen unbequem war. Fast schien es, als ob diese Neuerungssucht vermöge der mit ihr gepaarten weltlichen Bildung freies Feld behalten sollte, da sandte uns der Ewige den großen Mann in Israel, der diese Schule gründete, von wo aus die verwaisten Rabbinate wieder mit gesetzestreuen Rabbinern besetzt werden konnten, die jüdisches Wissen mit allgemeiner Bildung vereinigten. Mit erhebenden und tief in die Herzen dringenden Worten wandte stch Dr. Auerbach an die Hörer und ehemaligen Schüler des Seminars, ihnen ihre Pflichten schildernd, aber zugleich das hohe Ideal ihres Berufes ausmalend und sie auffordernd mit Milde und Freundlichkeit die Herrschaft des Gesetzes wieder in Israel auszubreiten. Den Gönnern des Seminars, deren hilfsbereite Unterstützung sein Bestehen bisher ermöglicht hat und weiter ermöglichen wird, widmete der Redner warme Worte des Dankes und appellirte zugleich kräftig an ihre Mitwirkung, um ein Kapital zu sammeln, dessen Zinsenerträgniß die Anstalt unabhängig von den immer unsicheren Jahreseinnahmen machen soll und die Möglichkeit geben würde, noch manche als wünschenswerth erkannte Verbesserung vorzunehmen. Mit einem eindrucksvollen Gebet an den Höchsten schloß der Redner dankend für das bisher Errungene und neue Kraft erstehend für die Zukunft. Nach Schluß der Ansprache des Herrn Dr. Sg. Auerbach folgt Chor: Die Lehre des Ewigen ist untadelig, seelenerquickend; des Ewigen Zeugniß, bewährt, inacht Thoren weise. Die befehle des Ewigen sind recht, herzerfrenend; des Ewigen Gebot ist lauter, erleudnct die - Augen. Die Furcht des Ewigen 1 nitfH ist rein, besteht ewig; die; •' 7?- 'Fl* Aussprüche des Ewigen sind i wahr, sind gerecht allzumal. > I. -yp: r,z'wa nö’öJ? ’n r“in I: v-e na'jna hjeix! ,wi nns?. j niva . zb »nnra ona'? 'i »Tps i ’i nni' .c’i’P ptno ma "7 Alsdann ergreift Herr Docent Dr. Berliner das Wort zu einer gedankenvollen und formfollendeten Ansprache, deren Gedankengang ungefähr der folgende ist: Als Gott den jüdischen Staat zertrümmerte und die Hallen des Tempels in Asche fallen ließ, zogen zehn Gelehrte aus, um die jüdische Wissenschaft nach allen Seiten zu verbreiten. Bis an die Enden der Erde ist so die jüdische Wissenschaft dem Zuge ihres Stammes gefolgt. Zuerst nach Babylon, wo sie ihren festesten Sitz fand, und von wo aus sie dreimal nach Palästina zurückgetragen wurde. Bald durch Esra, dann durch Hillel, dann durch Rabbi Chija und seine Söhne wurde die Thora im Lande der Väter, wenn sie in Vergessenheit zu gerathen drohte, wieder aufgefrischt. In Babylonien wurde der Talmud cobificirt und dort hatten die Gaonim die ruhmreiche Stätte ihrer Wirksamkeit. Hier lebte und lehrte Saadja Gaon, dessen Größe erst die neuesten Tage so recht erkennen lassen, wo viele fast verloren gegangene Schriften von ihm neu an das Tageslicht treten. Auch Schüler unserer Anstalt nehmen an dieser 'Reubelebung Theil. Von Babylon aus zogen jene vier Männer, die die Lehre der Thora nach Kahira, Kairowan, Cordova und Italien verpflanzten und nun im Mittelalter begann jener rege Austausch im Gebiete der Wissenschaft und Religion des Judenthums, der jene sonst so dunkle Zeit beleuchtet. Stand Spanten in regem Verkehr mit Afrika und andererseits mit der Provence, so verpflanzten die Kalonymiden das Studium unserer Lehre nach Deutschland und nach den deutschen Lehrstühlen strömte die jüdische Jugend von weither, aus Böhmen, Ungarn, Polen, Rußland, während die deutschen Gelehrten in regem Verkehr mit den Schulen Nordsrankreichs standen. Um diesen zu charaeterisiren, genügt es den Namen der Toffaslsten zu nennen. Später entwickelte sich das Talmudstudium in Polen, stand es noch im 15. Jahrhundert unter deutschem Einfluß, so überwiegt umgekehrt seit der Mitte des 16. Jahrhunderts Polen und seit dem Jahre 1650 vollends beginnt ein Rückströmen aus Polen nach Deutschland, so daß bald alle deutschen Rabbinatssitze sich mit Polen füllten. Auf die Neuzeit übergehend characterisirt dann der Redner das Rabblnerseminar und betont, daß dasselbe nie der echten Wissenschaft gegenübergestanden habe, sondern immer für die Entwickelung derselben strebe, und daß seine Schüler in diesem Geiste sortstreben mögen. Rach Beendigung dieser Rede beginnt der Chor wiederum seinen Eesang mit folgendem Terte: Du begnadest den Erdenj solm mit Erkenntnis und ver- > •“'JLl i?-1n ru?- leihest bem Sterblichen Verni'a nya *33n ,nva stowS miufr. Begnade uns mit ' " '* ’ sWni Deiner Erkenntnis, Vernunft ' und Einsicht! Für die älteste Generation der Schüler, die bei Gründung der Anstalt am Unterricht theilgenommen, spricht Landrabbiner Dr. Löb—Emden. Seine

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