Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 100 (19.12.1898)
- Date
- 1898-12-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448950--47347-2497697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oradea 1× ep/1002404
OCR text
1879 „Nun . . . ich muß es Dir doch sagen . . . Die Studenten haben Rudolf eine Herausforderung zum Duell überbracht." „Himmel!" rief sie leise aus, indem sich ihr alles Blut zum Herzen drängle. „Was ist zu thun Max? — Und er hat die Herausforderung angenommen?" Der Professor seufzte. „Leider ja." „O über den frivolen Wahnsinn einer entsittlichten Zeit," rief die Professorin, in stiller Verzweiflung die Hände verschlingend. „Von wem wurde er gefordert?" „Von dem Advokaturskandidaten, der jüngst hier war." „Es war das bei der feindseligen Stimmung Rudolfs ihm gegenüber vorauszusehen. Ach Gott, ach Gott! — Doch der gotteslästerliche Frevel darf nimmer geschehen, Max — es muß um jeden Preis verhindert werden!" „Deßhalb ließ ich Dich hierher bitten. Ist Rudolf zu Hause? — Gut — Komm — wir gehen zu ihm." Rudolf lag lang auf dem Ruhebett hingestreckt und schaute den emporsteigenden Rauchringeln seiner Cigarre nach, als er seine Mutter, welcher der Vater auf dem Schritt folgte, zu sich eintreten sah. Er erhob sich rasch und ging ehrerbietig den Eintretenden einige Schritte entgegen. Beim Tische blieb er stehen und indem sich seine Wangen tief entfärbten, senkte er den Blick zu Boden und harrte stumm, innerlich bekümmert, aber entschlossen, der Auseinandersetzung, welche er voraussah. Er hatte sich glücklich geschätzt, sein Gcheimniß vor seinen Eltern verhüllt zu wissen, und nun sah er, daß es zu ihrer Kenntniß gelangt sei. Er erwog mit einem blitzartigen Gedanken die Situation. . . . Seine Gedanken waren in Dunkel gehüllt. . . Doch mitten in diesem Dunkel glaubte er eine Helle Linie zu sehen. . . Das war der Weg, welchen er wandeln mußte . . . was immer auch kommen möge! Diese Helle Linie schwand keinen Augenblick aus seinen Augen. Der Professor ließ sich auf einen Sessel nieder und bedeutete Rudolf mit einer Handbewegung, ihm gegenüber ein Gleiches zu thun, während die Professorin auf dem Ruhebett Platz nahm. „Du hast mir einen großen Kummer bereitet, Sohn," begann der Professor langsam, den Blick auf das verstörte Antlitz seines Sohnes gerichtet. Rudolf zuckte mit den Schultern. „Ich konnte nicht anders, Vater." „Das eben versetzt mich in Kummer, denn es zeigt meinem entsetzten Blick, daß mein ganzes ErziehungSwerk an Dir verloren gegangen. Ich glaubte Dich zu einem ganzen Menschen, zu einem ganzen Juden erzogen zu haben, erfüllt von erhabenen Zielen, die durch das Leben erstrebt werden sollen und die einzig und allein durch das uns von Gott geschenkte Leben erreicht werden können — und Du, Du — nun. Du bist ein gedankenloser Thor, wie die Andern, ein Raufbold, wie die Andern, erfüllt von der brüllenden Stimme des rohen, vernunftlosen Thieres, welches gleich bereit ist, mit Pranken und Hauern zuzugreifen und welches keine andere Art kennt, um die etwaigen Schlappen seiner eigenthümlichen schadhaft gewordene „Eh—re" zu repariren!" Er stieß ein gezwungener, bitteres Lachen aus. „Zum Lachen führwahr, wenn es nicht gar so traurig wäre!" Er stützte die Stirne auf seine Hand und starrte vor sich hin zum Boden nieder. „Ich weiß es, Vater," entgegnete Rudolf ruhig, „daß der Zweikampf mit den Begriffen von Recht, Sittlichkeit und Moral in Widerspruch steht. —" „Wirklich — Du weißt das? —" unterbrach ihn sein Vater, indem er spöttisch zu ihm hinüberschielte. „Woher Dir nur diese Erleuchtung mag gekommen sein! — Ach ja — nun weiß ich's, es stand ja in allen Zeitungen drin — vergangenes Jahr, als in Großwardein ein junger Advokat und Redakteur der Mordlust eines solchen ritterlichen Banditen zum Opfer gefallen war und am offenen Grabe eine junge Wittwe und deren Waisen um ihren Ernährer weinten. Damals gingen dem großen, blöden Haufen, der sonst bei ähnlichen Verbrechen, wenn sie weniger tragisch enden, zu applaudiren pflegt, die Augen auf und es entfuhr ihm ein tausendstimmiger Schrei des Entsetzens, ob seiner eigenen Verrohung. Damals regnete es von Resolutionen, die das Duell verabscheuten, eine Gesellschaftsklasse überbot die andere an geharnischten Kundgebungen gegen das Duell, alle Stände wetteiferten miteinander, von der Schnciderinnung angefangen, bis zum adeligen Casino — freilich, da muß es doch auch mein Sohn wiffen, daß das Duell etwas Tadelnswerthes ist! Nun — ein Jude, denke ich, sollte sich bezüglich seiner moralischen Grundsätze wo anders Rath holen.- Rudolf entgegnete nichts. Es entstand eine Pause, während welcher derselbe nervös an seinen Lippen kaute; der Professor aber blickte nachdenklich vor sich zur Erde nieder. Plötzlich erhob er lebhaft den Kopf. „Es ist mir da ein Gedanke durch den Kops gefahren — . Wer weiß — vielleicht ist es ein Wink der Vorsehung! Wer könnte dazu berufener sein, als ein Jude, um endgültig mit dein fluchwürdigen Vorurtheil zu brechen. Wir haben es fertig gebracht, Jahrhunderte lang mit einem gelben Fleck einherzugehen, ohne daß unser Menschenthum daran zu