Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1898)
- Date
- 1898-12-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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LUIX. Jahrgang, Erste Beilage M M 99 des Israelit". Leitender Artikel. Ptc Povgän^o in Algier. P a ris, I I. Dez. Selbst die amtlichen unb halbamtlichen Schönfärber können es nicht mehr leugnen: es giebt eine algerische Frage und sie wächst sich zu einer großen Verlegenheit für die Negierung heraus. Ganz Algerien, besonders aber die Stadt und das Departement Algier, stehen unter der Alleinherrschaft des Antisemitismus, der dort, dem Temperament der ans dem Bodensatz aller Hafenstädte des Mittelmeerbeckens zusammengestossenettBevölkernngentsprechend,die rohen Formen einer alle Lehren des Rassenhasses buchstäblich nehmenden und voll verwirklichenden körperlichen Verfolgung annimmt. „Brechung der Indenmacht" wird von den Marseiller ,.uvi vi', den Mal teser Gurgetabschneideru uub spanischen Messerhelden Algiers mit „Brechung der Judenschädcl" übersetzt, „Abwehr des jüdischen Einflusses" mit „Wegjagung der Juden aus der Stadt". „Kaust nicht bei Inden!" erhält in Algier den Nachdruck einer tleberwachung aller größerenJudenläden durch eineSchaarWegelagcrer, die christl. Damen, wenn sie in den Laden treten wollen, durch Geschrei und Geschimpf wegängstigeu oder, wenn dies nicht gelingt, sic vielfach mit Knütteln krank schlagen. Die Ursprünge der antisemitischen Bewegung in Algerien darzulegen, würde hier zu weit führen. Einen Borwand haben die algerischen Juden selbst gegeben; sie folgten allzu blind einigen gewissenlosen Führern ihres Stammes, die sie erfolgreich als Stimmvieh benutzten und ihre wahlberechtigte Heerde an den meistbietenden Politiker verkaufter,. Die Bewerber, die durch den Stimmenschacher zu Schaden kamen, wurden sofort grimmige Antisemiten und ließen, wie dies ja in der Reget auch anderwärts geschieht, die unwissende, nicht verantwortliche, hart um ihr Dasein kämpfende jüdische Masse allein die Fehler und Vergehen einiger selbstsüchtiger, schlauer Führer büßen. Herr Camborr, gegenwärtig Botschafter in Washington, zog den während seines Prokonsnlats entstandenen Antisemitismus durch amtliche Vergünstigung groß, Hr. Lupine konnte ihn nicht unterdrücken und Hr. Laferrivre wurde von Ehren- Meline mit dem Auftrag nach Algier gesendet, die Bewegung, da ihr doch nicht beizukommen sei, mitidestens in regierungsfreundliche ^Bahnen zu lenken. Dank denr Wohlwollen des gegenwärtigen Generalgouverneurs wurde bei den letzten Wahlen eine ausschließliche antisemitische Stadt- und Departementalvertretung gewählt, die an die Spitze der algerischen Stadtvertretung Mar Regis setzen konnte. Dieser Mar Negis, ein geborener Italiener, erst vor Kurzen, als Franzose naturalisirt und kaum 25 Jahre alt, war der Fiihrer der Plünderer und Mörder, deren Missethaten im vergangenen Winter noch frisch in aller Gedächtnisse sind, und ist der Herausgeber eines Hetzblättchens „L'Antijuif", das dreimal wöchentlich empfiehlt, die Juden ins Meer zu werfen, wenn sic nicht freiwillig auswandern wollten. Dieser Mensch, jetzt Bürgermeister von Algier, ist von einer Leibwache spanischer, italienischer, maltesischer und nmlattisch-französischer Berufsverbrecher umgeben, mit der er durch die Straßen der Stadt zieht und denen er Anweisungen zu Plünderungen und Mißhandlungen giebt. Die Juden wagen sich nicht mehr auf die Straße, auch die anständigen christlichen Bürger sind geängstigt, die Beamten fühlen sich unter dem Drucke einer Schreckensherrschaft stehend, Handel und Wandel stocken, die Wohlhabenden und Unabhängigen verlassen schaarenweise die Stadt und kehren nach Frankreich zurück, die Fremden meiden die unheimlich gewordene Gegend, die, vorläufig noch entfernt, an Buenos Ayres unter der Diktatur des Mörders Rosas erinnert, der Präfekt ist buchstäblich ausgerissen und läuft in Paris von einem Ministerium ins andere, un, feine Versetzung aus einen niinder brenzlichen Posten zu erwirken, die Handelskammer von Rouen, dessen Kaufteute die lebhaftesten Geschäftsbeziehungen zu Algerien haben, ist bei der Regierung vorstellig geworden, weil die Ausfuhr nach Nordafrika in Folge der antisemitischen Wirren so gut wie aufgehört hat, die Regierung aber weiß nicht, wie sie es ansangen soll, um die Lage zu bessern. Gegen den Antisemitismus in Algerien hatte und hätte sie nicht?. Aber daß Max Regis Bürgermeister von Algier ist, das paßt ihr nicht. Das ist zu offen, und die Sache verträgt keine Offenheit. Hier wird die Regierung vermuthlich einhaken. Man darf erwarten, daß demnächst etwas gegen Regis unternommen wird. Den Juden in Algier wird das zwar nichts helfen, aber der Schein wird doch bester gewahrt sein. (Diese Voraussage hat rasch ihre Bestätigung gefunden; wie gemeldet wurde, hat der Präsekt von Algier den Bürgermeister