Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1898)
- Date
- 1898-12-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1850 wäre, die Orgel in ihre Synagoge brachte. Für den frommen Rabbiner hatte sich zugleich das Thor eines solchen Gotteshauses geschlossen, die Jugend blieb anderer Leitung Vorbehalten — und somit war das Judenthum solcher Stadt auf Geschlechter hinaus dem Abfall preisgegeben. Und die Windsbraut der Assimilationsidee treibt unaufhörlich die Flamme der Verheerung, und mit Schrecken vernehmen wir den Angstruf, daß eine große und bedeutende Gemeinde Deutschland-, die bisher ihre Ehre dareingesetzt, ihre Institutionen alle in konservativem Sinne zu erhalten, in ihrer friedlichen Ruhe aufgescheucht wird von wildem rücksichtslosen Verlangen einiger Rufer nach einer Orgel. Schon längst hat sich die Kuppel über dem n eilen Gottevhause der Synagogengengemeinde in Cöln gewölbt und die Weihe soll bald erfolgen. Ohne zu bedenken, daß die neue Synagoge mit Mitteln erbaut ist, zu denen auch die Orgelgegner beigefteuert haben, will man mit Mißachtung deren Wünsche, mit Vergewaltigung deren Hausrechte, ihnen hinterher die Stätte der Andacht unmöglich machen. Mau inscenirt eine Volksabstimmung, um die Zahl der Orgelfreunde der der Gegner gegenüber zu stellen und verschweigt die Möglichkeit, daß mancher, der persönlich der Einführung der Orgel sympatisch gegenübersteht, doch aus Gründen des Friedens in der Gemeinde dieselbe ablehnen würde. Diese dritte Möglichkeit, aus Opportunität gegen die Orgel zu stimmen, ist wohlweislich auf dem Stimmzettel nicht vorgesehen. Zu dieser Volksabstimmung fordert man auf durch ein Circular, das der Orgel selbstverständlich das Wort spricht; und man konnte die Unbilligkeit begehen, bei einer Abstimmung, die doch die Gegnerschaft so gut zu Tage fördern, als die Anhänger namhaft machen sollte, von Gründen, die gegen die Einführung der Orgel sprechen, gänzlich zu schweigen. So kämpfen diejenigen, deren „ideales" Streben es ist, durch eine „weihevolle Einwirkung der Orgel den regelmäßigen Besuch des Gotteshauses wesentlich zu heben für ihr — Ideal." Dem Widerspruch der Frommen, wähnt man von vornherein den Grund entzogen zu haben, dadurch, daß man die Masten glauben zu machen sucht, für die fromme Richtung sei durch die bestehenden Institutionen genügend gesorgt. Man denkt sich die Sache einfach so, daß die Gemeinde so „rücksichtsvoll" ist, jeden nach seiner Fa«'vn selig werden zu lasten. Aber es irrt, wer glaubt, daß die Frommen der Cölner Gemeinde die Hand dazu bieten würden, daß die Begriffsverwirrung immer mehr um sich greife, die sich in den letzten Jahren immer größere Gebiete erobert, immer mehr Herzen und Geister in ihre Schliche gezogen hat, und droht das Lebenswerk des großen Meisters Samson Raphael Hirsch zu Schanden zu machen. Hirsch erkannte mit scharfem Blick, daß Grundbedingung für die Existenz der Wahrheit ihre völlige Loslösung von denr sei, was sie zu bemänteln geeignet ist. Sucht das Streben unserer Jugend die Wahrheit, dann müssen wir auf etwas Bestimmtes hinzuweisen im Stande sein, das wir als solche bezeichnen können. Wenn wir auch heule einen modus vivendi gefunden zu haben meinen, wir, die wir die Kampfeszeit noch geschaut, oder wenigstens noch mit den siegreichen und besiegten Streitern zusammengelebt, dann wissen wir zwar wohl, auf welcher Seite die Wahrheit liegt und wir wissen, daß der Bund mit dem Gegner nur um des Friedenswillen geschlossen ist. Werden aber unsere Folger es begreifen, wie eine Gemeindeverwaltung zwei Richtungen unterstützen kann? Werden sie nicht irre werden an der Wahrheit? Werden sie nicht eher zum Schlüsse kommen, beides ift nicht wahr, als daß ste das eine billigen, das andere verwerfen? Und sollten wir es ihnen verargen, wenn sie sich mit Abscheu wegwenden von einem Friedensbild, das unbedingt das Schwinden dessen bedeutet, der nach Zahl und materieller Kraft der Schwächere ist? Nicht immer lebt die Mutter, die den Frieden der Kinder erhält, die darauf sieht, daß jeder dem andern einräumt, was er verlangen darf. Wir müssen auch an Zeilen denken, wo die Waise geschützt sein muß in ihrem Rechte durch das alte Vermächtniß, das ihren Lebensunterhalt garantirt, ohne an die Gnade des Bruders appelliren zu brauchen. Das alles sagen sich die Kölner Frommen, und werden und müssen mit dem Momente auf die Zugehörigkeit zur Synagogengemeinde verzichten, da man ihnen zumuthen würde, den „Koscherzettel" abzugeben für eine Gemeinde, die in Wirklichkeit sich bewußt wäre, kein Vertrauen mehr beanspruchen zu dürfen. Damit also, daß die Gemeinde den Frommen ihre Institutionen läßt, ist uns Nicht gedient. Hier handelt es sich um ein Prinzip: das Prinzip, anzu er k e nnen, daß es nur eine Wahrheit gibt. Mit der Einführung der Orgel ist es gefallen, mit der Ablehnung derselben bleibt es erhalten. Das wird den Maßstab der Haltung bilden müssen, die die Frommen anzunehmen haben werden. Politik und Diplomatie gilt für uns nicht auf dem graden Weg der Religion. Wir kennen nur Wahrheit oder Leugnung. Und wenn eine noch so große Majorität gegen die Wahrheit ist, so bleibt doch dieWahrheit bestehen. Und unfern Kindern schuloen wir die Wahrheit!