Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1898)
- Date
- 1898-12-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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3EJLX.1X. Jahrgang. Anlage M M üli -es Israelit". Literarische Umschau. I. Iangwill- Die Kinder des Ghetto, deutsch von Adele Berger, Berlin 189/1. Th.. XV und 410 S. II. Th., 326 S. Siegfried Cronvach In jüdischen Kreisen Londons erzählt man sich eine bezeichnende Vnektode, welche einen hervorragenden anglo-russischen Schriftsteller zum Gegenstände hat. Der alte, kranke Vater des Schriftstellers sitzt fröstelnd vor dem Kamin und der Sohn sacht das Feuer an, damit der Vater sich wärmen fönnc. Statt Dank hat der Vater nur die trübe Frage: ES ist doch kein Sabbat, warum schürft du das Feuer? Sonst fühlte der Sohn an Wochentagen sich zu vornehm, um sich des Feuers im Kamin anzunehinen, am Sabbat aber ist es feine Gewohnheit zum schmerzlichen Verdruß des Greises durch freventliche Entweihung des heiligen Tages die Höhe seiner „Aufklärung" zu zeigen. Wem kommen da ilicht die düsteren Erzählungen aus der Jugendzeit der deutschen Reform ms Gevächtniß, wo sich Söhne am Krankenbett ihrer froinmen Eltern an verbotenen Speisen gütlich thaten oder sich im Krankenzimmer derselben den Bart mit dem Rasirmesier abnehmen ließen? „ES gibt nichts Neues unter der Sonne." Wie ein großer Theil der deutschen Jugend einst glaubte, sich der Emancipation nur durch freche Verhöhnungen des jüdischen Gesetzes und seiner achtunggebietenden Treuen würdig machen zu können, so gibt es heute in London gar viele jüdische Männer und Frauen, deren Wiege in einer kleinen russischen Stadt gestanden hat, und welche der Meinung sind, die Freiheitsluft des gesegneten Englands nur dann in vollen Zügen einathmen zu können, wenn sie den Glauben und das Gesetz, welche trotz Druck und Dürftigkeit ihre Väter heiligten und adelten, nicht allein verlassen, sondern zugleich verhöhnen und mit Füßen treten. Und wie oer Contraft zwischen demL^ben der deutschen Inden vor und nach der Emanzipation lange nicht der himmelweiten Entfernung von russisch-jüdischer Knechtschaft zur englischen Freiheit gleichkommt, so übersteigt die Ausgelassenheit mancher Kinder des modernen englischen Ghetto, die brutale Rücksichtslosigkeit der fast schon antrquirten deutschen Reformhelden. Ein Niederschlag der Gesinnungen solcher russischer Emporkömmlinge findet sich in den schnell zur Ae rühmlheiten gelangten Romanen Zangwills. ES nüro darin gut beobachtet und trefflich geschildert. Aber die Gesinnungen, mit welchen beobachtet und geschildert wird, stoßen uns ab. Oft, wenn die Sitten des Ghetto geschildert werden, denen noch manches Russische und auch noch mancher russische Schmutz anbaftet, so glauben wir einen Parvenü zu hören, der seine ehemaligen Standesgenossen erbarmungslos verspottet. Die Schilderung wäre wohl nicht weniger gut gerat hen, wenn darin mehr Liebe und Anhänglichkeit zu finden gewesen wäre. Wie viele Söhne des Dorfes haben in ihren Dorfgeschichten mit Liebe und Treue die rauhen und einfachen Sitten ihres weltvergessenen Hsimathsorts gezeichnet. Sie wollten nicht verspotten, sie wollten emporheben und der Kulturw.lt zeigen, daß auch im entlegenen Dörflern (Bbelmutt) mb Menschlichkeit ihren Sitz haben. Zangwill zeichnet seine Landsleute in einer Weife, wie man auch afrikanifche Wilde schildert. Es liegt dem Autor mehr daran, uns Seltsames als Bewunderungswürdiges zu erzählen, und wenn sich da das Eine und Ändere dabei sindet, was uns diese entlegenen Culturen verurtheilen läßt, so ist ihm das gerade recht. Zu den Ergenthümlichkeiten seiner Halbbarbaren rechnet Zangwill auch die gewissenhafte Befolgung vieler unserer heiligen Gesetze. Er erzählt uns in rinem Tone davon, als käme so etwas nur in dem russisch-jüdischen Ghetto vor. Ec scheint nicht zu wissen, daß hochstehende feingebiloete Geister aller Zeiten mit den armen, unscheinbaren Juden aus Rußland in der Treue gegen das Gottesgesetz wetteifern. Mit der russischen Tracht und den russischen Gewohnheiten glaubt der nach Kulturcentren verschlagene russische Jude gar zu oft auch, die ihm von russischen Eltern gelehrte Religion der ewigen Wahrheit ablegen zu müssen. Schaudernd erkennen wir allzuhäufig in ihm einen Sproß jenes Geschlechts, das m den Versen 11—17 des 30. Kapitel feines Spcuchbuches König Salomo für alle Zeiten gebrandmarkt hat. Die naive Gleichstellung bewundernswerther Gesetzestreue mit der Seltsamkeit russisch-jüdischer Gewohnheiten bei Zangwill läßt uns mit Schrecken in den Abgrund herabschauen, welcher sich im Gemüthsleben vielen russ. Glaubensgenossen bei dem allzuschnellen Uebergang von russischer Beengung zu europäischer Weite ausgethan hat. In den vielen Zeilen seines Buches sucht Zangwill die alten Ghettokinder zu zeichnen; zwischen diesen Zeilen aber zeigt sich uns ein noch viel treueres Charaklerbild des Autors selbst und seiner in gleicher Weise gebildeten und verbildeten Genossen. Zangwill läßt in seinem Buche, für dessen deutsche Ausgabe wir der geschickten Uebersetzerin, sowie dem rührigen Verlag dankbar sind, eine glänzende schriftstellerische Begabung erkennen. Uns wäre er lieb