Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1898)
- Date
- 1898-12-08
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1828 schabbos sang und stolz auf den Knaben sah, der ruhig schlafend in seiner Wiege lag. Mit kühnem Muthe, erfüllt von heiliger Begeisterung, gingen die deutschen Soldaten in den heiligen Krieg. Gabriel, dessen Geschäft eine tüchtige Reitkunst und gründliche Kenntniß der Pferde und ihrer Behandlung verlangte, sah mit Staunen, wie wenig der Bursche seines Hauptmannes die edlen Thiere desselben zu behandeln wußte, und er machte kein Hehl aus dieser Beobachtung. In Folge besten wurde er dazu kommandirt, die Aussicht über die Osfizierspferde des Regiments zu führen. Gabriel war dieses nicht recht. Es hätte scheinen können, als ob er sich fürchte, an dem Gefechte theilzunehmen, und er bat den Hauptmann, ihn aus diesem Grunde von dem Commando zu entbinden. Lachend verweigerte dieses der Offizier und sagte: „Ihr Dienst ist deßhalb nicht weniger gefährlich. Sie müssen im dichtesten Kugelregen siir ein frisches Pferd sorgen, falls ich oder ein anderer Offizier desten bedarf." An militärischen Gehorsam gewöhnt, fügte sich Gabriel und waltete nun gewistenhaft seines Amtes. Man war in Feindesland. Ueberall lauerte der Tod auf die tapferen Kriegdr. Eine brennende Hitze herrschte und drohte verderbenbringend für die anstrengend marschirenden Truppen zu werden. Gabriel ritt, die Stirne von Falten durchfurcht, auf einem unruhigen Pferde und dachte darüber nach, wie es zu ermöglichen wäre, daß er am Sonntag zumBrith seines Erstgebornen bei den Seinen erscheinen könne. Ein solches Verlangen war wohl erklärlich, aber auch wahnsinnig schien es, nur darüber nachzudenken, wie es zu ermöglichen wäre. Urlaub erhielt er sicherlich nicht. Jede unerlaubte Entfernung von der Truppe würde als Fahnenfluchl betrachtet und mit dem Tode bestraft. Es war Thorheit, sich den Kopf zu zerbrechen, und dennoch — wenn er sich das Glück feiner Frau und seiner Ellern bei seinem unverhofften Erscheinen vergegenwärtigte, so fühlte er sich gezwungen, zu versuchen, das Unmögliche möglich z u machen. Während er so sinnend dasaß, kam sein Hauptmann zu ihm herangeritten und rief ihn an: „Heda! Kalmes, Du bläst Trübsal! Zieht so ein braver Soldat in den Krieg? Was fehlt Dir? Bist Du krank?" „Nein, Herr Hauptmann." „Nun, wo fehlt es denn?" Gabriel faßte ein Herz und sagte seinem Hauptmann alles, was ihn bedrückte. Dieser hörte aufmerksam zu und als Gabriel geendet und ihn erwartungsvoll ansah, sagte er: „Das tbut mir leid. Urlaub kann ich Dir nicht geben, selbst wenn ich cs wollte. Wir erwarten i stündlich unseren Oberbefehlshaber, den Kronprinzen von Preußen und dann heißt es; Vorwärts." „Ich bin bis Montag wieder im Regiment," erlaubte sich Gabriel zu sagen. „Ich bin ein guter Reiter und werde das Pferd meines Vaters nicht schonen. Ich werde den nächsten Weg, obschon er durch Feindesland führt, nehmen und Augen und Ohren offen halten, damit ich sehe, was um mich her vorgeht." „Unmöglich", entgegnete der Hauptmann, „das schlage Dir aus dem Kopfe. Doch, was ist das!" Zwei Soldaten brachten einen Mann daher, der mit Stricken gefesselt war und stellten sich, den Gefangenen in der Mitte, stramm vor den Offizier. „Wir haben einen Spion gefangen'" sagte der eine, „und bringen ihn —" „O, ich sein nir ein Spion," siel ihm der Gefangene in die Rede, „ick sein ein friedlicher Mann." „Wodurch können Sie das beweisen?" fragte der Hauptmann. „Wodurch? Wodurch?" Angstvoll blickte der Mann um sich. Er sah in lauter fremde Gesichter, in denen keine Fiber zuckte. Plötzlich erblickte er Kalmes und mit einem Sprung stand er vor ihm. „Dieser Herr können zeugen. Ich sein auf dem Wege zu seinem Haus, zu beschneiden sein Kind, denn ich sein Circumciseur." Jetzt erst erkannte ihn Kalmes, doch sprach dieser kein Wort, bis der Hauptmann ihn fragte: „Spricht der Mann die Wahrheit?" „Zu Befehl, Herr Hauptmann." „Was machen wir nur?" Der Hauptmanu überlegte eine kurze Zeit, als eiue Ordonanz herbeisprengte und salutircnd vor dem Hauptmann das Pferd parirtc. „Seme Hoheit der Kronprinz bedarf eines der Gegend kundigen Mannes unb tüchtigen Reiters, um Befehle an d ie nachmarschierenden Truppen zu bringen. Steht dem Herrn Hauptmann ein solcher zu Gebote?" Der Hauptmann sann nach und wollte schon kopfschüttelnd verneinen, als sein Blick auf Kalmes fiel. „Gewiß! Kalmes! Kennst Du die Gegend?" „Wie meine Tasche." „Und reiten kannst Du auch?" „Ich nehme es mit Jeoem auf." „Dann hätten wir den Mann schon. Reite mit der Ordonnanz und erfülle den Befehl Sr. Hoheit." „Zu Befehl, Herr Hauptmann." Kalmes richtete sich stramm auf, blieb aber stehen. „Nun, wolltest Du noch etwas?" „Bitte, Herr Hauptmann, entlassen Sie den