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Der Israelit · 1898-12-05 · Heft 96 (5.12.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 96 (5.12.1898)
Date
1898-12-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1799 unterschoben hätte? Und er schreckte vor der Möglichkeit dieses Verdachtes um so mehr zurück, als er in der geheimsten Falte seines Herzens von dessen Berechtigung nur zu sehr überzeugt war. Und daun lenkten sich seine Gedanken weder aus die tiefe Entfremdung, die zwischen ihm und Schulamit Platz gegriffen. Er konnte sich es selbst nicht erklären und glaubte vor einen: Näthsel zu stehen. Die Anfänge der Feindseligkeit waren in Dunkel gehüllt, er überblickte sie nicht mehr. Das Ganze hatte sich aus geheimen Regungen fast unbewußt entwickelt, die sich dem Blicke entzogen; sichtbar war bloß die üppig wuchernde Feindschaft, die nunmehr auch schon den Charakter der Harmlosigkeit zu verlieren begann. Es war rein unmöglich, daß dieses Verhältuiß nicht auch einen tiefen Schatten werfe aus das lautere langjährige Frcundschaftsverhältniß zu dem hochgeschätzten Alarme, dein Vater Schulamits und wie er das bedachte, da hätte er sich in seinem Grolle wohl ohrseigctl mögen. Er schalt sich einen thörichten, unreifen Knaben, der nicht Kraft genug besaß, über seine Lanner: zu herrschen. Launen! — Waren cs auch wirklich bloß thörichte Launen gewesen? Weßhalb aber gcrieth dann sein Blut jetzt plötzlich in solche wallende Gährnng, weshalb gcrieth sein Herz in eine so stürmische Bewegung? Weshalb mußte er dann, trotzdem sein Stolz stch mächtig dagegen anflchnte, es sich eingeftehen, daß ihm in diesem Augenblicke so elend zu Mnthe, so gepreßt um die Seele war, daß er sich laut schluchzcud an die Brust eines Freundes hätte werfen ntögen? Ein unhörbares, bitteres Lachen ging durch seine Seele. — — Ein Mann und weinen! Die Krone des Wahnwitzes . . Und dennoch war es so. Ein Zuruf schlug an sein Ohr und ließ ihn stille halten. „Heda, ansgepaßt! Du rennst noch zehn Droschken über den Hausen!" Dicht vor ihm stand ein Mann, ans dessen äußerer Erscheinung die wenigsten Menschen einen Schluß aus seine Persönlichkeit hätten ziehen können. Er schien anS lauter Widersprüchen zusammengesetzt. Er war weder jung noch alt. Man wußte nicht, ob die einzelnen Silbersüden, die in einem spitz geschnittenen, kurzen Bart glänztet, gegen die übermüthigc Jovialität des Blickes protestirten, oder umgekehrt. Matlches an ihm, wie die blendend weiße seilte Wäsche und ein prächtig sprühender Brillantriug, den er am kleinen Finger trug, zeugten von Eleganz, während die Kleidung schlapp und abgenützt war. Ebensowenig lvollte die Burschikosität der Bewegungen mit der Behäbigkeit des Corpus harmoniren, die sich vornehmlich durch ein respeetables Bäuchleitt mauisestirtc. lUiu nach einer Richtung legitimirtc er sich aus den ersten Blick in einer jeden Zweifel ausschlicßenden Weise, ttämlich, daß er ein gelrciter Vasall des Vater Gambrinus sei. Die edle Rothglitth, die das Erkennungszeichen dieser braven Gilde bildet, glänzte auch auf seinen vollen Wangen. Die Füße anselnandcrgcspreitzt, beide Hände in den Rocktaschen, den schwarzen, breitkrämp'gcn weichen Peluchehut in den Nacken zurückgeschoben, so stand er vor Rudolph aufgepflanzt und firirtc ihn durch daS Monoele. „Ah, Du bist cS, Robert," machte Rudolph zerstreut. „Was, Ihr seid heute schon so früh mit der Vorlesung fertig?" ..0 siincta simi>]irit;is!" ries Robert mit seiner sonoren, aber trotzdem svmpathischcn Bicrstimme, „und das fragst Dit mich? Wenn's nicht zu umständlich wäre — ich würde auf der Stelle den Geist der heiligen Jnstizia beraufbcschwören, damit er unter Eid aussage, ob er ncich in diesen: Semester noch in seinen hehren Hallen zu Gesicht bekommet: hat! Also — wohin des Pfades?" „Wohii: Du willst," sprach Rudolf herb, „übcrallhii: und nirgends. Meinetwegen a>:ch mit Dir!" „W—a—-a - s?" ries Studiosus Robert, indem er den Oberkörper weit znrückneigte und Rudolph mit einem vcmunbcnunßftancn 'Mid maß. „Träum' ich, ist mein Auge trüber, nebelts mir ums Angesicht?" „Der größte Philister aller europäischen Hochschulen unb mit mir? Au — Dir muß ganz erbärmlich mitgefpiclt worden sein! Doch Muth gefaßt, Bruder'. Selbst abgetackelt noch ein staatlich Schiff und kein Schifflcin, wenn noch so abgetackelt, soll sich rühmen können, au Robert appellirl und nicht einen bewahrten Lootsen an ihm gesunden z:: habe::. Wähle, wohin ich Dick bngsirer: kann. Aus ben „Partiaß" oder in den „Mnsetttempel" „Hast Du nicht eitle bekannte Kneipe iu nn mittelbarer Nähe des Stadtparkes?" „Höre 'mal, einem Anderen würde ich wegen einer solchen Verbalinjurie unfehlbar einen Zcngeil ins Haus schicken. Doch Dir will ich es Nachsehen. Vorwärts also kehrt Euch marsch I" Rudolf ließ sich von den: bemoosten Studenten, der seit einer ungezählten Reihe von Semestern mit der Universität so unzertrennlich verwachse:: schie::, wie die siameffsche:: Zwillinge miteinander, willenlos ins Schlepptau nehme::. Er n:ußte seine wild erregter: hiervon betäuben, gleichviel, mit welchen: Mittel immer. Robert schob feinen Arm unter bei: des Freuu des und bald verschwände:: sie nach einer kr:rzer: Wanderruug in der Thüre einer Kneipe, welche dem Eingänge zum Stadtparke gerade gegenüber lag.

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