Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1898)
- Date
- 1898-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgang. M »5. Der Israelit. E'rn Aentrat-Hrgan für dao orlhodore Iudenthum Begründet von Dr Xelmtamr in -Mstnr Donnerstag, den 1. Dezember S65S (1SSS). Leitender Artikel. Der jüdische Acrufmann. In der vorjüngften Nummer unseres Blattes haben wir uns Vorbehalten, auf den bedeutsamen Vortrag des Herrn I s a a c Hirsch aus Hannover, welcher über das in der Überschrift genannte Thema im Jsr. Stellenvermittlungsverein zu Hamburg sprach, ausführlich zurückzukommen. Wir kommen unserem Versprechen hiermit nach. Der Redner bemerkte einleitend, daß das zu behandelnde Thema „Der jüdische Kaufmann" zu vielseitig sei und in zu mannigfache Gebiete eingreife, um in einem einzigen Vortrage auch nur einigermaßen erschöpfend besprochen zu werden. Er beschränke sich deshalb auf einige Seiten derselben und deren aktuelle Beziehung zu der in die Geschichte der Gegenwart tief einschneidenden betrübenden Erscheinung, die dem Ende des dahin scheidenden Jahrhunderts ein so düsteres Gepräge verleiht. Er besprach sodann den Nationalstolz und Standesftolz. Der Letztere erzeuge wie der Erftere umso leichter Verachtung gegen Andere und arte in Standeshaß aus, jemehr die Verschiedenheit und Widerstreit der Interessen die Leidenschaften entfesselt. Dieser National- und Standeshaß sei eine der mächtigsten Triebfedern des Ningkampfs zwischen Volk und Volk und zwischen den Bürgern in Staat und Gemeinde, welcher den Inhalt der Weltgeschichte ausmache. Der jüdische Stamm stände inmitten des Gewoges der Gegenwart und biete den vom Nationalhasse und Jnteressenstreite entflammten Leidenschaften den willkommensten Angriffspunkt. Er werde auch diesen Ansturm überwinden. Der starke Arm^ welcher ihn im Adlerflug durch die Stürme des Alterthums und die Finsterniß des Mittelalters in die Gegenwart Hienein unversehrt getragen, werde ihn auch hinausretten aus den Wirrnissen des Tages zu jener lichten Zukunft hin, die seine Propheten ihm als das Endziel der Erziehung des Menschengeschlechts längst enthüllt, da der Widerstreit der Interessen schweigt und vollkommene Harmonie und ewiger Friede einziehen, und die Menschheit das wahrhaftige Heil findet, in der Unterordnung Aller unter dem Gebote des Rechts und der Liebe, zu dessen Herold Gott den Juden in daS Völkergewoge hienein entsendet hat. Wenn heute im engeren Vaterlande der Kamps um das Recht der Erstgeburt entbrannt ist, die der erbeingesessene Großgrundbesitz gegen die anderen Nährstände für sich in Anspruch nimmt, so wendet er sich zunächst gegen den Juden, als den Schwächsten unter den Schwachen. Der Schlachtruf„Auf zum Kampfe gegen die drohende Uebermacht des jüdischen Handels und des jüdischen Geldes" ist sammelkrästiger als die Devise: gegen Handel und mobiles Capital," weil mit Ersterem scheinbar die nichtjüdischen Inhaber von Handel und Kapital nicht getroffen werden. Redner wendet sich der Frage zu, ob denn die Handelsthätigkeit überhaupt geringwerthiger Natur sei, daß sie den anderen Berufsarten nachzustehen hätte? Er weist nach, daß der Handel eine höhere Kulturentwickelung zur Voraussetzung habe, als die Landwirthschast. Wie er ein Erzeugniß der Kultur sei, so bilde er auch einen viel mächtigeren Factor der weiteren Entwickelung derselben, als die Landwirthschast. Die Geschichte des Handels sei im gewissen Sinne eine Geschichte der Kulturentwickelung. In dem modernen Staate, der immer mehr die hohe Staatsidee zu verwirklichen strebt, daß er die innige organische Verbindung der Staatsangehörigen durch gerechte und weise Förderung der Gesammt-