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Der Israelit · 1898-11-24 · Heft 93 (24.11.1898) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 93 (24.11.1898)
Date
1898-11-24
Page
– (sequence 17)
Language
German
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MMMWWWWWWWWWMWWWW XXXIX. Jahrgang. Zweite Beilage M M 93 des Jtemltt“. Leitender Artikel. Jüdische Hochschulen in Aasern. (Schluß). Dem Talmudforscher sind als terminici technici die Ausdrücke: „Nürnberger" und „Regensburger" bekannt. In Nürnberg und Regensburg wurde der Talmud nicht gelesen, sondern im wahren Sinne des Wortes gelernt, namentlich dem Studium und der Erforschung der babylonischen Amoräer wurde peinlichste Sorgfalt und minutiöseste Genauigkeit zugewendet. Es wurden neben so vielen Schüssen ins Schwarze mitunter allerdings auch gewagte Interpretationen gemacht nach der bekannten Regel: („Bist du nicht willig)" rc. Der ganze Geist, die gesammte Intelligenz jener Generationen, denen der Zugang zu allen andern Bildungsanstalten verschlossen blieb, concentrirte sich auf den Talmud. So kam es, daß nach längerem Blühen dieser Hochschulen betreffs Behandlung schwieriger Fragen, sich gewisse Methoden herausbildeten, welche die talmudifche Terminologie „Nürnberger und Regensburger" nennt, wie dies namentlich sich bei Rabbi Meier Schiff findet. Was unter Nürnberger und Regensburger zu verstehen sei, gerieth im Laufe der Zeit in Vergeffenheit. Merkwürdiger Weise ist es eine christliche Seite, welche einen Anhaltspunkt hierfür bietet. Profeffor Nagel in Altdorf führt in einer Schrift 17b7 aus: .Der „Nürnberger" sei für die Nürnberger Talmudgelehrten, eine DiSputirmethode, um den Scharfsinn der Schüler zu üben. Sei eine Sache noch fo klar, so werde sie durch „haarspalterische" Einwürfe verwirrt, um sie dann mit um so größerer Spitzfindigkeit wieder zu entwirren. Er führt als Beispiel an: „Ein Bauer fährt einen hochbeladenen Wagen, ein Vorübergehender frägt: was hast Du auf dem Wagen? Antwort: „Heu." „Aber das ist doch Stroh." Nun, wenn Du es weißt, wozu fragst Du. — Der Vortragende erläutert, daß diese Darstellung weit davon entfernt sei das Wesen des „Nürnberger" richtig zu kennzeichnen, vielmehr nur, entweder in grober Unkennrniß oder in Gehässigkeit gegeben sein könne. Redner erklärt die Sache nun folgendermaßen: „Jeder weiß, daß sich im Talmud alles als Frage und Antwort abspielt. Der Fragende wird stets widerlegt, der Antwort Gebende behält immer Recht. Es war nun eine Spezialität der Nürnberger wie der Regensburger Hochschulen sich auf den Standpunkt des Fragenden zu stellen, seinem Gedankengange zu folgen und nachzuforschen und zu trachten den Standpunkt des überwundenen Fragesteller» zu rechtfertigen. In diesem Prinzip stimmten Nürnberger und Regensburger überein, wenn sie auch hinsichtlich der zu wählenden Formen separate Wege gingen, woraus die gesonderten Bezeichnungen zu erklären seien. — Grätz spricht in seiner „Geschichte der Juden" von „Nürnberger, Regensburger, Ausbrenger", lies Augsburger, als wollte er eine Harmonie der ehemaligen drei freien Reichsstädte Herstellen. Einen „Augsburger" als terminus technicus in dem hier behandelten Sinne gibt e» jedoch nicht. Es muß bei Ausbrenger sein Bewenden haben. Zu verstehen ist hierunter: Um das Verstättdniß dieser oder jener Stelle zu erleichtern, wählt man ein Citat. Oft würde es genügen, dieses Citat nur durch einige hierfür geeignete Worte zu markiren, e» wird aber trotzdem vollständig dem Wortlaute nach gebracht, nicht weil die zu erläuternde Stelle sonst nicht zu verstehen, sondern weil die Beweisführung sonst mangelhaft wäre; die» sei der Ausbrenger. Bezüglich Grätz ist noch zu erwähnen, daß er Jefaia» Horwitz als Gegner de» „Nürnberger" bezeichnet, während Horwitz im Gegentheil den Nürnberger empfiehlt. Ueber die innere Organisation und den Unterrichtsplan der geschilderten Hochschulen ist wenig bi» zu unserer Kenntniß gedrungen. Nur einige» sei zu finden in dem Werke „Chuke Hatorah", welche» Rabbi Petachjah au» Regensburg von einer Orientreise mitgebracht haben soll. Die Schüler der Hochschulen, „Bachurim" waren fast sammt und sonderarm und mußten sich zur „Ordensregel": „Brod mit Salz effen, Waffer nur mäßig trinken rc." bekennen. Man verkannte nicht die Wahrheit des Satzes: „Habt acht auf die Kinder der Armen, denn au» ihnen gehen die Meister hervor." Die Geschichte lehrt, daß die deutschen Juden im Erforschen und Jnterpretiren des Talmuos hervorragende Fähigkeiten zeigten. So wurde im Mittelalter auf den Hochschulen Gymnastik des Geiste» geübt, die Waffen des Denkens wurden geschliffen und blank erhalten, so daß der Geist der Jeschiba auch auf andern Gebieten Triumphe feiern konnte. Ist da der so oft gehörte Vorwurf berechtigt, daß wir prozentual zu viel Studierende haben? Welchen Verhältnissen dies zuzuschreiben sei, sollten wir am wenigsten vergeffen. So mancher hervorragende jüdische Profeffor, mancher berühmte Jurist au» unfern Reihen ahnt nicht, daß seine Logik und seine Geistesbegabung in ihrem Ursprung auf den Talmud zurückzuleiten seien, daß seine

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