Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1898)
- Date
- 1898-11-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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mH. Jahrgang. Erste Beilage M M 91 -es „Asmelit". Leitender Artikel. Jüdische Lochschulen in Nagern. llcbcr dieses Thema hielt Herr Dr. Eh rentreu am!>. Nov. im hiesigen Litteraturverein einen hochinteressanten Vortrag. Einleitend bemerkte der Redner, daß dieses Thema seines Wissens noch nirgends in znsainmenfassender Darstellung behandelt worden sei. Die Geschichte der Juden Deutschlands im Mittelalter stelle sich gleich zwei parallel lausenden Strömen dar; der eine voll Schlamm und Schutt, welcher mittelalterlicher Barbarismns ihm zugeführt, der andere Strom sprudele aus den reinen Quellen der Thora. Derjenige Theil der Geschichte, welcher durch den erstgeuannten Strom versinnbildlicht wird, sei uns freilich nur zu wohlbekannt, als ein Kapitel mit Blut und Thränen geschrieben, als eine heroische Tragödie, deren Held ein ganzes Volk gewesen. Von dem anderen Theile, welcher das Forschen und Denken. das Wirken und Schaffen wahrer Fürsten im Reiche des Geistes betrifft, sei die geschichtliche Uebcrlicferung weit mangelhafter und lange wurde diesem Gebiete überhaupt kaum irgend welche Aufmerksamkeit geschenkt. Mit dem Wiedererwachen des geschichtlichen Sinnes in unserer Mitte hat man auch dieser Seite der Geschichte mehr Beachtung gewidmet. Hier sei zunächst zu nennen: Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens, ein verdienstvolles Werk, welches jedoch von erschöpfender Darstellung noch sehr weit entfernt sei. Auf diesem Gebiete erübrige noch sehr viel zu leisten, lleber das Leben und Wirken der spanischen Juden auf geistigem Gebiete ist man ja leidlich unterrichtet. Auch die in Deutschland bestehenden Litteraturvereine können für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, daß wohl in jedem derselben schon Männer wie: Gabirol, Jbn Esra, Maimonides in anschaulicher Schilderung ihre Würdigung fanden. Von den deutschen Juden und ihren Geistes- Helden hört man nur in so tvcit als von -Martyrien unb Niedermetzelungen erzählt wird, aber cigenthümlicher Weise nichts von ihrer Thätigkeit in der Sphäre des Wissens utxb Ergründens, wie überhaupt von dem geistigen Leben jener Zeiten. Und doch lebten im dunklen Mittelalter in Deutschland Männer, die Leuchten ersten Ranges auf dem Gebiete des Forschens, Sterne erster Größe am Horizonte jüdischer Wiffcnschaft unb jüdischer Lehrthätigkeit gewesen. So viele von den noch heute bestehenden Kultureinrichtungen und Ritualgesetzen wurzeln in der Geistesarbeit jener Männer, einer Thätigkeit, die so gewaltig und grundlegend gewesen, daß in Variirung des bekannten Bibetverses zu jener Zeit gesagt wurde: „Von Frankreich geht aus die Thora und das Gotteswort aus Deutschland." Und in diesem Deutschland sollte man sich nicht die Mühe nehmen der Geschichte jener Zeit und ihrer verdienstvollen Männer mehr Sorgfalt und Aufmerksamkeit als bisher zu widmen? Städte wie Nürnberg, Negensburg, Augsburg, bieten zunächst für Bayern, aber auch für Gesammt-Deutschland doch gewiß kein geringeres Jntereffe als die spanische Städte: Barzelona, Cordova und Toledo. Grätz schreibt im Band VII seiner Geschichte der Juden: „Wir finden wohl eine Fülle von Nachrichten über das geistige Leben der spanischen Juden, während für Nord-Frankreich und Deutschland nur sehr spärliche Schilderungen abfallen. In Deutschland concentrirt sich das geistige Leben jener Zeiten in den Hochschulen und Bayern darf einen beträchtlichen Theil des Ruhmes, der dem Wirken und den Erfolgen jener Anstalten gebührt, für sich in Anspruch nehmen. In den Hochschulen wurde Talmudstudium gepflogen, das Eindringen und Vertrautwerden mit dem in den heiligen Büchern verborgenen Wissensschätzen war da ausschließliche Beschäftigung. Hier war der Brennpunkt des geistigen und kulturellen Lebens, hier waren die Pflanzstätten jüdischer Wissenschaften zu einer Zeit, wo die Juden von jedem Verkehr nach außen, von jeder Theilnahme an weltlicher Kultur und profanen Wissenschaften ausgeschloffen waren. Die Hochschulen blühten da, wo geistig hochragende Kapacitäten sich niederließen, da es ja nicht der Ort ist, der dem Manne Namen und Ansehen verleiht, sondern vielmehr der im Forschen und Wissen bedeutende Mann das Verdienst in Anspruch nehmen kann, daß der Glanz seiner Thorakenntniß, die Stätte seines Wirkens hell aufstrahlen läßt. Und solche Männer, deren Gelehrsamkeit gleich einer lodernden Fackel am Himmel der Diaspora hoch auslammte, gab es in Bayern vom 12. bis (Snbe des 15. Jahrhunderts. Im 12. Jahrhundert lehrte in Bamberg, Samuel von Babenberg, ein Mitglied der Tosaphistenschule. Wir finden von ihm mannigfach in den „Poskim" Entscheidungen. Noch bekannter ist sein Schüler, der berühmte Meier von Rothenburg, der bekanntlich von den weltlichen Machthabern gefangen gesetzt wurde, um von den Juden Lösegeld zu erpressen, der sich jedoch weigerte, auf solche Art seine Freiheit wiederzuerlangen. Seit sechs Jahrhunderten ist sein Name einer der glänzendsten und Ehrfurcht gebietenden auf dem Gebiete der Halacha. Die Stätten seines Wirkens sollen: