Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1898)
- Date
- 1898-11-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton i m verkauft. (Sitte Erzählung aus Ungarn. 25) Von Samuel B. Rosner. „Sie sind also Advokat geworden;" sprach Schulamit wieder voll Verwunderung, „das ist ja recht schön." „So? Ich wußte kaum etwas davon. Aber jetzt - in diesem Augenblicke finde ich es selber entzückend schön." „Mama," rief Hermine vom Ausgattge her, „unser Wagen ist vorgefahren!" „Endlich, Gott sei Dank!" murmelte Rudolf mit verbissenem Unmuth. „Sie gestatten mir, Sic wiederzusehen, mein Fräulein," sprach Heinrich Glaser lebhaft. „Recht gerne," erwiedertc Schulamit mit eitler unbefangenen Offenheit, als ob sie noch immer das kleine Mädchen von ehedem wäre. „Woher kennst Du den jungen Mann?" fragte die Professorin auf dem Heimwege. „Er lvar vor einigen Jahren „Bocher" bei uns zu Hause und verrieth schon datnals außergewöhnliche Fähigkeiten. Ich habe gerne mit ihm geplaudert — " „So —" entfuhr es unwillkürlich Rudolf, während er sich auf die Lippen biß. „Er hatte nämlich Freitag einen Kosttag bei uns und da pflegte er im Winter stets nach dem Abendessen noch eine Weile zu bleiben, um mir allerhand kurzweilige Geschichten zu erzählen." „Aber es hatte den Anschein," wattdte sich die Professorin an Rudolf, „als ob Du und der Rechtsanwalt Euch heute nicht zum erften Male gesehen hättet. Ich glaubte zwischen Euch eine stille Feindseligkeit zu bemerken " „Du hast ein scharfes Auge, Mama. Allerdings - aber," fügte er mit beißender, auf Schulamit gemünzter Ironie hinzu — „ich weiß nicht, ob ich nicht besser thue über meine Begegnung mit dem lieben Bekannten unserer Schulamit, Schweigen zu beobachten." „Oho," rief Schulamit lachend, „so dick brauchen Sie sich unsere Freundschaft doch nicht vorzustellen. Rur zu —" „Nun, es war bei der letzten Studentenversammlung. Da sprach Candidat Glaser über Judett und Judenthum in eitler so empörenden, entwürdigenden Weise, daß ich mich zu einer scharfen Zurückweisung hingerissen fühlte. Wir geriethen da ziemlich schroff aneinander. Also ein gewesener^Bocherl^Jch hätte es nicht vermuthet —- oder doch.f ^Die pflegen, einmal auf Abwege gerathen, die vollendetsten Renegaten abzugeben." „Schade für ihn," sagte Schulamit bedauernd. „Nun thut es mir aber leid, mit ihm angeknüpft ztt haben." „Warum denn?" warf Rudolf leicht dahin. „Sonst ein ganz netter Junge," „Ich glaube, er wird so viel Takt besitzen, um auSzubleiben," sprach die Frau Profefforin. Die Pferde hielten an und man stieg aus. Als Rudolf einige Tage später von der Universität nach Hause kam, hörte er im Vorzimmer aus der Gesellschaftsstube ein laut geführtes Gespräch herausdringen. Sein Gesicht nahm den schlecht verhehlten Ausdruck des Unwillens an, als er eintretend, dort neben seiner Mutter und Schulamit den Advokatur-Candidaten antraf. Er grüßte leicht, und wollte durch das Zimmer schreitend, sich durch die entgegengesetzte Thüre wieder entfernen, als ihm Glaser mit entgegengestrcckter Rechten den Weg vertrat. „Sie muffen mir verzeihen, mein Herr. Ich bedauere sehr —" „Ich? Was hätte ich Ihnen zu verzeihen?" sprach Rudolf, den Advokaten fest ins Auge fassend. „Sic beleidigtctt nicht mich, sondern nur das jüdische Bewußtsein in mir." „Es ist so, wie Sie sagen," verhetzte Glaser mit reumüthig gesenktent Blick, „doch wenn Sie wüßtett, welch tiefes unverdientes Weh ich erdulden mußte, wie ich. ohne eigentlich etwas verbrochen zu haben, schmählich von dem Boden des jüdischen Studiums verjagt wurde, und wie schrecklich jene Stürme waren, in welchen schließlich mein jüdisches Bewußtsein unterging. Sie tvürden Ihr Urtheil über mich gewiß mildern. Fräulein Friedberg kann es bezeugen, daß ich die Wahrheit spreche." „Ja ich kann es," versetzte Schulamit. „Sind Sie nicht unversöhnlich, Rudolf." Er blickte mit einem diskret-sarkastischen Blick zu Schulamit. So sehr ihm auch das ganze Wesen des Advokaten inneres Unbehagen verursachte, es widerstrebte dennoch seinem Zartsinn, das Gastrecht schroff zu verletzen. Er berührte daher die Hand Glasers und ließ sich nieder. Die Frau Profeffor erhob sich und verließ, eine Entschuldigung hervorbringend, das Zimmer. „Ach," hob Glaser wieder an, „jene glückseligunschuldvolle Zeit, die ich in Ihrem friedlichen Dorfe verlebte, erscheint mir wie die lichte Edenszeit des Menschengeschlechtes vor dem Sündenfall. Wie ein heller Sonnenstrahl haben Sie mir, Fräulein Schula-