Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 90 (14.11.1898)
- Date
- 1898-11-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1682 mich: wann hat man denn je gehört, daß die Stadtverordneten dazu da sind, kirchliche Genossenschaften zu vertreten? Als der Stadtverordnete Heuser starb, der eine hervorragende Rolle in der protestantischen Gemeinde spielte, da hat man nicht gesagt, daß es nöthig sei, für die Protestanten einen neuen Vertreter zu wählen. Wer hat je gehört, daß den Katholiken Vertreter nach ihrer Zahl angeboten worden seien? Was ist das denn überhaupt für ein Geschenk der sogenannten liberalen Stadtverordneten, wenn sie uns, die wir ein Zehntel der Steuern hier in der Stadt aufbringen, einen Stadtverordneten zubilligen? Wir hätten darnach Anspruch auf vier Vertreter, also kann von einer großen Toleranz keine Rede sein. Wir haben nicht nöthig, das hinzunehmen. Wo eine Vertretung für uns nothwendig wäre, da läßt man uns doch nicht hinein: in die Curatorien für Armenpflege und die Volksschulen; da hüten sie sich, uns hineinzuwählen. Wer bürgt dafür, daß der in den Stadtrath gewählte Jude unsere Interessen so vertritt, wie wir es wünschen? vielleicht handelt er so, wie es mir durchaus zuwider ist. Wir stehen als Juden genau so wie die andern. Wir wollen uns nicht selbst außerhalb stellen. Wir sind auch garnicht geneigt, den nominirten Juden ein Vertrauensvotum zu ertheilen. Wenn wir heute hier einen Liberalen wählen, sind wir für alle Zeit gebunden. In den östlichen Städten würde man ein solches Ansinnen, wie es uns hier von der politischen Partei gestellt ist, mit Entrüstung zurückweisen. Einer, dem ein solches Mandat angeboten wurde, hat gesagt: Ich will nicht Ghettocandidat sein, und hier will man uns einen Ghettocandidaten aufdrängen. Wenn specifisch jüdische Interessen zu vertreten sind, so ist die jüdische Gemeinde dazu berufen. Ich bitte Sie, nicht auf den Leim zu gehen. Man wirbt um uns, weil wir das Zünglein an der Wage sind. Fürchten Sie die Danaer, wenn sie Geschenke bringen. Von wirklichem Liberalismus ist im Stadtrath doch nicht die Rede. Erklären Sie rundweg: wir haben keinen Juden als Vertreter nothwendig. Redner beantragte eine dahin gehende Resolution. (Allseitiger langanhaltender, mehrmals sich erneuernder Beifall.) Rechtsanwalt Meyer zieht seinen Antrag zurück. Rechtsanwalt Gottschalk: Ich hatte nicht die Absicht das Wort zu ergreifen, aber ich erachte die Rede des Herrn Dr. Auerbach als ein hochbedeutsames Ereigniß, das meine Zustimmung nach jeder Richtung hin hat. Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Herr Trimborn hat es bei der verflossenen Landtagswahlagitation übel vermerkt, daß ich es für nothwendig erachtet hätte, mich an dem „christlichen Staat" zu reiben, weil ich den Verfassungsstaat betont habe. Allerdings, auch bei der Landtags- und Reichstagswahl wollen wir die confessionelle Frage nicht aufgeworfen haben. Schon die einfache Klugheit gebietet uns das. Wir sind eine so verschwindende Minorität und wir sind so zerstreut, daß wir nach dem Prinzip der confessionellen Candidaturen von aller Vertretung ausgeschlossen wären. Zudem widerspricht das der Verfassung. Redner empfahl hierauf die Auerbachsche Resolution. Herr Sommer: Auch ich stelle mich vollständig auf den Standpunkt des Herrn Dr. Auerbach. Ich möchte aber doch einen Vorwurf auf den politischen Parteien nicht haften lassen. Es ist Tradition seit 40 Jahren, einen jüdischen Vertreter im Stadtrath zu sehen. Vor Herrn Liebmann war es Herr Eltzbacher. Allerdings hatte Köln damals 1— 2000 Juden und heute vielleicht 10 000. Damals war ein jüdischer Stadtverordneter genügend, heute nicht mehr. Ich bin überzeugt, wenn wir bei der nächsten Stadtverordnetenwahl an die Parteien mit dem Verlangen herantreten, uns Parität zu gewähren, entsprechend den von uns gezahlten Steuern, daß sie dar> nicht von der Hand weisen. Der Vorsitzende erklärte sich gleichfalls für den Antrag des Dr. Auerbach, der sich ungemein verdient gemacht habe; es werde nun lange Jahre dauern, bis man den Juden wieder mit einem so entwürdigenden Ansinnen, wie es ihnen von den Parteien gestellt sei, kommen werde. Herr S a l l y Isaak beantragt, die Zahl der Anwesenden festzustellen. Herr David Bier verlangt, daß die Erklärung, die von der Versammlung vor acht Tagen, bezüglich der Candidatur des Rechtsanwalts Bock, abgegeben "worden sei, zurückgezogen werde. Der Vorsitzende bezeichnet dies als nicht thunlich. Hierzu sprachen noch die Herren Karl Bier, SallyLehmann u. JsaakBenjamin. Rechtsanwalt Call mann erklärt, als Mitveranlasser jener Erklärung, daß er ihre Zurücknahme veranlassen werde. Er erkennt an, daß die gegenwärtige Versammlung an Werth und Bedeutung jener vor acht Tagen weit überlegen sei. Nach einigen Bemerkungen zur Geschäftsordnung und zur Redaction der Auerbacbschen Resolution, an denen sich die Herren Dagobert Bier, Wolf, Rechtsanwalt Meyer und der Vorsitzende betheiligten, nahm die Versammlung folgende Resolution an: „Die durch öffentliche Bekanntmachung eingeladenen jüdischen Bürger sämmtlicher Wahlklaffen behufs Stellungnahme zur Stadtverordnetenwahl, lehnen es ab, einen Candidaten zu bezeichnen, da sie dies als eine Aufgabe der politischen Parteien ansehen. Sie können insbesondere nicht anerkennen, daß ein Stadtverordneter israelitischer Confession als Vertreter der israelitischen Wähler oder gar jüdischer Interessen anzusehen sei." Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.