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Der Israelit · 1898-11-14 · Heft 90 (14.11.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 90 (14.11.1898)
Date
1898-11-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1671 Z^euiUetott. Verkauft. U^— Ernc Erzählung aus ll n g a r u. 24) Bon Samuel B. Rosner. „Rüben Friedberg ist ein ganzer Mann," sprach der Professor sinnend. „Eine Gesinnungstüchtigkeit, die heutzutage anfängt, geradezu sagenhaft 51t werden. Nun, Mädels, werdet Ihr noch tanzen wollen?" „0 ja," platzte die junge Trudel, die noch kaum den Backfisch abgestreift halte, heraus. Ein schallendes Gelächter begrüßte diese unbewußt hervorgesprudelten Worte und bis über die Ohren roth werdend, setzte sic stockend hinzu: — „das heißt —" „Ich habe die Sache wahrlich nie von dieser Seite betrachtet," sprach Hermine ernst. „Das heißt —?" wiederholte der Professor und legte mit wohlwollendem Lächeln die Hand auf den Scheitel des Halbkindes. „Weißt Du, Papa," sprach sie mit reizender Verwirrung, sich zu ihm hinneigend „es ist köstlich schön — das Tanzen, aber," und wieder über goß eine Blutwelle ihr Gesicht, „Onkel Friedberg hat doch Recht. Das — Schöne dabei — ist das, was er — das Unmoralische nennt — „Bravo," sprach der Professor liebevoll. „Ja mein Kind, es ist in der That so und dabei bleibt eS. Ich gestehe es osten ein, daß wir geirrt haben und bin meinem Freunde dankbar dafür, daß er mir die Augen geöffnet hat. Ans dem Tanzen wird nichts. Rudolf, was steht heute auf dem Theaterzettel „Hamlet," sprach dieser mit einem Blick aus den Theateranzeiger des Morgenblaltes. „Das trifft sich gut. Ihr werdet also Schulamit in's Theater führen unt> müsset Eure Toiletten nicht wieder unbenützt in den Kasten hängen." Schulamit erfüllte der Tausch mit hellem Jubel, denn ebenso wie das Ballvergnügen, war das Theater für sie noch ein unbekannter Begriff. Mit schwärmerischer Sehnsucht hatte sic stets daran gedacht, die großartigen Schöpfungen der Dichter, tvelche sie zu lesen pflegte, sich lebendig abspielen, eine lebendige Gestalt annehmen zu sehen. Als es zu dämmern begann, begaben sie sich in's Theater. Melancholische Herbstesstimmung herrschte in den Gassen. Ein leichter trüber Nebel qualmte um die Gasflammen und machte das Straßenpflaster schlüpfrig. Doch von der traurigen Folie hob sich nur noch glänzender und strahlender allenthalben das Bild des Wohllebens ab. Prächtige Karossen rollten geräuschvoll über die Straßen, deren Insassen durch kostbare Pelzkostüme gegen die Kühle geschützt waren. Ihnen konnte die rauhe Witterung nichts anhaben, nur ihre Wangen überhauchte sie mit einem frischen, blühenden Roth. Durch die Auslagescheiben der Verkaufsläden strahlte märchenhafter Lichterglanz in das Dunkel der Gasse hinaus. Jedoch zwischen der festlich geputzten, dem Vergnügen entgegeneilenden Menge schlichen sich gedrückt dürftige Gestalten, die den Stempel der Entbehrungen aus den hohlen Ge fichtern trugen. — Das ist die unheimliche Poesie des Winters, die sich aus so übermüthig Hellen und wieder so trostlos düsteren Farben zusammensetzt . . Schimmernde Lichtfülle und eine angenehm warme, von diskretem Duft gesättigte Atmosphäre empfing die Eintretenden im Vestibüle des Theaters. Eine glänzende Menge ftuthete hier durcheinander und staute sich am Cassenschalter. Es ging schwer, die nöthigen Billette zu erlangen, denn es herrschte ein großer Andrang zu dem klassischen Stück, bei welchem eine auswärtige schauspielerische Koriphäe mitwirkte. Doch endlich, mit einiger Mühe und nach ausgiebigeni Gebrauch seiner Ellenbogen, war cs Rudolf gelungen, sich die Billette zu verschaffen, und so hielt die kleine Gesellschaft sieghaft ihren Einzug in das Theater. Ein Ausruf der Ileberraschuug erst fuhr den Lippen Schulamits, als sie in ihrem bequemen Parterrsitz Platz genommen und das Auge an dem noch nicht gesehenen Schauspiel weidete. Die prächtigen mit rothem Sammet ausgcschlageneu Logen, die sich in dreifacher Reihe über einander aufbanien und darüber die zur Schwindelhöhe sich emporthürmenden Gallerien, das Parterre, kurz ein jeder Raum war mit einer geschmückten Menschenmenge angefüllt, über welcher der hundertarmigc Lustrc sein blendendes Licht ausgoß. Die Luft bildete eine Composition der zartesten Parfüme. Es herrschte noch eine geräuschvolle Bewegung im Theater. Man eonversirte halblaut an allen Enden, man kam, man grüßte herüber, hinüber und ließ die Sitze nicderklappeu. Run setzte das Orchester ein. Es war die großartige Musik aus dem zweiten Akte der Jüdin, deren gewaltige Dramatik die Gemilther wirkungsvoll auf die Ereignisse vorbereiteten, die sich auf der Bühne abspielen sollten. Da verstummte die Musik und unter lautloser Stille ging langsam der Vorhang in die Höhe Vor dem wie faseinirt hinstaunenden Blick Schulamits lag der Vorhof des dänischen Königs. Palastes in seiner altersgrauen Düsternhcit mit den. den Geist erwartenden Wachen in ihrer alterthümlichen Tracht. Das war nun für das naive Kind nicht blos ein Schauspiel, sondern es dünkte ihrer unerfahrenen Phantasie greifbare Wirklichkeit, ein lebendig gewordener, farbenreicher Zaubertraum.

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