Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-11-10 · Heft 89 (10.11.1898) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 89 (10.11.1898)
Date
1898-11-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448939--47089-2497428
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1651 traditionellen Iudenthums geblieben und hatte auch seine Kinder in diesem Geiste erzogen. Man kannte ihn von dieser Seite in der ganzen Stadt und sein Haus konnte mit allem Rechte ein fromm-jüdisches genannt werden. Schulamits Frömmigkeit war aber von ganz anderer Art. Diese heilige Innerlichkeit war den modern angehauchten Menschen eine neue Erscheinung und sie nannten Schulamit scherzweise nur die kleine Heilige. „Ich glaube," sagte einst Rudolf zu ihr, „wenn es ein jüdisches Kloster gäbe, Sie wären im Stande, Nonne zu werden". „Nein", sagte sie mit übermüthigem Lachen und schüttelte den schönen Kopf. Es war aber auch wirklich nichts Anachoretisches in der blühenden Mädchenfigur mit dem muthwillig sprühenden Augenpaar. Sie war einst du und du gewesen mit Rudolf, gerade so wie mit den Mädchen. Jedoch seitdem er sich an der Universität befand, hatte er die Familie nicht mehr bei den alljährlich wiederkehrenden Besuchen auf dem Dorfe begleitet — er instruirte in den Ferien einen zurückgebliebenen reichen Taugenichts zu den Nachprüfungen, was dieser sehr reichlich honorirte — und als er nun auf dem Perron anstatt des Kindes, welches er einst auf den Knieen geschaukelt, eine voll entwickelte, herrliche Jungfrau erblickte, da entschlüpfte ihm in der Verwirrung des ersten Momentes unwillkürlich das: „Sie" welches nun uolens volens und zwar mehr nolens, als volens, auch in der Zukunft beibehalten werden mußte. Mehr noch aber, als ihre Schönheit und Frömmigkeit, bewunderte Professor Feloer an Schulamit den Hellen Verstand, der, gleichweit entfernt von grauer Altklugheit, als auch von backfischmäßiger Naseweisheit, in Allem eine ungewöhnliche Reise des Nrtheils bekundete. Sie wollte nichts davon hören, daß sie Klavierunterricht nehme, denn zu einer nennenswerthen Fertigkeit würde sie es ja doch nicht bringen und sie fand nichts lächerlicher und eitler, als die Schwäche vieler wohlhabender Leute, den Klavierunterricht, für einen unumgänglichen Programmpunkt in der Erziehung ihrer Töchter anzusehen, welches diese dann befähigt, ihr haarsträubendes Geklinge in einer Gesellschaft beisallslustiger Vettern und Basen für Musik auszugeben. Sie sagte das mit einem so köstlich frischen Humor, daß Professor Felder bei sich die weisen Naturgaben dieses Kindes nicht genug bestaunen konnte. „Bravo!" rief Rudolf mit einem boshaften Blick auf seine ältere Schwester Hermine, die, eine sehr geübte Spielerin, ihm trotzdem, wenn er zum Studieren der Ruhe bedurfte, manche bittere Stunde bereitet hatte. „Ich wünschte, daß du Schulamits „Kunstansichten" theiltest —" „O, Sie Undankbarer," rief Schulamit. „Oder wollen Sie sich über mich luftig machen? Hermine ist eine Künstlerin —" „Na und ob", machte Rudolf, der zwischen Geschwistern so häufigen Unart, einanderzu hänseln, fröhnend. Der Eintritt des Briefboten, welcher die Post brachte, unterbrach das Wortgeplänkel. Es befand sich auch ein Brief von Rüben Friedberg dabei, welchen der Professor aus Rücksicht auf Schulamit und weil er eine wichtige Entscheidung über eine an ihn gerichtete Anfrage enthielt, zuerst öffnete. „Wir sind schön angekommen", sprach er lächelnd zu Schulamit, nachdem er den Inhalt des Briefes überflogen hatte, „aus dem Kränzchen wird nichts. Papa willigt nicht ein." „O, der böse Papa", rief Schulamit, indem sie schmollend die Lippen aufwarf. „Und ich habe noch nie getanzt! Ich möchte nur wissen, was man gegen ein so harmloses Vergnügen Vorbringen kann?" „Nun, Dein Vater hält es nicht für harmlos und man kann ihm nicht einmal Unrecht geben. Nein," lachte er und schüttelte den Kopf, indem er den Brief seiner Frau hinschob, „das können wir uns hinter den Spiegel stecken. Lies den jungen Leuten den Brief vor, sie können sich manches daraus merken. Und die Frau Professor las: „In der Ueberzeugung, mein Freund, daß Du mich in Bezug auf die Herzlichkeit Deiner Intentionen keinen Augenblick lang mißverstehen wirst, will ich Dir sreimüthig, so wie wir's einer von dem andern gewohnt sind, meine Meinung auf Deine Anfrage mittheilen. Du holst meine Einwilligung dazu ein, daß Euch Schulamit zu einer im engen Kreise abzuhaltenden Unterhaltung begleite, bei welcher auch getanzt wird und zu der, wie Du hinzuzufügen fast für überflüssig erachtest, nur feine jüdische Familien erscheinen. Herzlichen Dank Dir für Dein treues Bemühen, meinem Kinde das Leben bei Euch so angenehm wie möglich zu machen, aber in diesem Falle muß ich dankend ablehnen. Ich bin nun einmal hinter der Zeit zurückgeblieben — dem Waldmenschen ist das Verständniß für viele glänzende Seiten des modernen Lebens abhanden gekommen Ich liebe die Geselligkeit zu Zweien, zu Dreien, zu Vieren . . . Bei einer Pfeife Tabak, bei sinniger Rede, gewürzt mit einem Glase guten Weines, wo wir die Gedanken, Bienen gleich, umherflattern lassen im unabsehbaren Reiche des Seins, Vergangenheit und Zukunft, Himmel und Erde durchstreifend und reichen Gewinn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.