Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 88 (7.11.1898)
- Date
- 1898-11-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448938--47072-2497410- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1635 Rüben nahm ebenfalls aus dem Wagen Platz, um seinem Kinde bis zur nächsten Anhöhe das Geleite zu geben. Dort oben stand er so lange, als er des Wagens ansichtig war und das Flattern eines weißen Tüchleins sein Auge grüßte. Dann senkte er traurig den Kopf und schritt rasch den Hügel hinunter. Es war ihm unnennbar wehe 511 Muthc —- eine innere, seltsame Unruhe beschleunigte seine Schritte, als ob er diesem trostlosen Gefühle, dcsicn er sich fast schämte, hätte entfliehen wollen. Doch es gelang ihm nicht, ja plötzlich gewahrte er, daß er anstatt ihm zu entfliehen, sich ihm vielmehr mit Riesenschritten näherte. Dort unten lauerte es ihm auf, in seiner ganzen unheimlichen Größe, unter dem Dache seines Hauses, welches eben wieder im Thale vor ihm aufgetaucht war. Es war ihm, als ob ihn etwas drängte, einen verzweiflungsvollen Hilferuf auszustoßen, sein Kind zu sich zurückzurufen. Wo war es, sein süßes, holdes Kind? .... Er sah es nicht mehr — eine Welt trennte es von ihm - es war ihm entrissen worden. Besaß er es denn noch? Plötzlich befiel ihn ein Zustand wahnwitziger Aufregung und beraubte ihn der Besinnung. Es raubte ihm Jemand sein Kind — sein Alles — seine Schritte verlangsamten sich, das tiesgeröthete Antlitz halb zurückgewendet. Der krankhafte Wahn beherrschte sein ganzes Bewußtsein, sich umzuwenden, dem Wagen nachzurennen, so lange, bis er vor Erschöpfung zusammenbrechen würde . . . jetzt konnte er sie noch erreichen . . . sein Kind in die Arme zu nehmen, und es wieder zurückzubringen, um sich nie wieder von ihm zu trennen! Da grüßte ihn eine bekannte Stimme, er hatte die ersten Häuser erreicht und der Wahn verschwand. Er lächelte matt über seine Thorheit und nahm sich zusammen, um vor seinem Weibe stark zu erscheinen. Doch als er über die Schwelle seines Hauses trat, da suhlte er unwillkürlich sein Herz von tiefem Weh zusanlmengezogen vor der Leere und Verlasienheit, die ihm gespenstisch entgegenftarrte. Er fand Dinah in Thränen aufgelöst. Um sie zu beruhigen, machte er einige scherzhafte Bemerkungen; doch er mußte jäh abbrechen, um nicht von seinem eigenen Schmerz übermannt zu werden und entfernte sich mit geschäftiger Eile aus dem Zimmer. In seinem Arbeitszimmer angekommen, warf er sich, leise stöhnend, auf's Kanapee und starrte mit einem leeren, in Thränen schimmernden Blick zur Zimmerdecke empor. Woher kommt es, daß uns die Nichtigkeit des irdischen Daseins nie schwärzer umdüstert, als wenn uns die Trennung von einem theueren Wesen die Seele zerreißt? Ach, dieses Düster ist ein vorausgeworsener Schatten jener Trennung, von welcher es kein Wiederkommen giebt! Und ist denn Trennung nicht auch ein gegenseitiges Sterben und das Wiedersehen nicht auch eine Auferstehung? . . . Bei Schulamit konnten die traurigen Empfindungen des Scheidens nicht lange dem Jugendmuthc gegenüber Stand halten, den die köstlich winkende Zukunft voll zum Ausschäumen brachte. Eine warme Septembersonne durchbrach bald die kühlen, herbstlichen Nebel. Ein klarer, blauer Himmel wölbte sich über die Welt und nur mancher vereinzelte Rabe, der einzelne Krächzlaute ausstoßend durch die goldblitzende Luft segelte, gemahnte daran, daß diese Herrlichkeit blos eine erborgte sei. Schulamit nahm im Eisenbahneoupee ihren Platz am Fenster ein und wurde nicht müde, mit kindlich-regem Intrreffe die wechselnden Bilder der Szenerie zu betrachten, die mit schwindeliger Eile an ihr vorüberflogen. Der Zug brauste in die fruchtbare Ebene hinab und die heimathlichen Berge blieben imnler weiter zurück, verflüchtigten sich allmählig zu ätherischen, blauen Silhouetten, um endlich bei einer Biegung der Bahn, ganz dem Blicke zu entschwinden. Es war ein Eden von herzerfreuendem Anblick, welches sich zu beiden Seiten ausdchntc. Fruchtbares Saatland in ebenmäßige, verschiedenartige Würfel aufgetheilt, rollte sich weit vor dem Blicke auf, kreuz und quer von liniengraden Baumreihen durchzogen. Mitunter verschwanden plötzlich die mehr und weniger schmalen Felderstreifen und tüurbeu durch Latifundien unterbrochen, die durch ihre imposante Ausdehnung den Blick fesselten. Hier äußerte sich überall die Ueb.'rlegenheit einer intensiven Kraftentfaltung und einer zielbewußten, höheren Intelligenz. Da plötzlich wurde es schattig im Eoupee, — der Zug brauste durch einen Eichenwald, die lauschige Ruhe der einsamen Gründe mit seinem Getöse aufscheuchend. Wie der graue Qualm der Maschine aufflog und zwischen die Wipfel der hundertjährigen Eichen hineinstatterte, schien es als ob diese, die verwitterten Greise, einen wohlbekannten alltäglichen Freund empfingen um von ihm Kunde von der neuen, wunderbaren Zeit zu erhalten. Der Blick drang weit in die einsamen Waldlichtungen hinein und die träumerische Unveränderlichkeit derselben bildete einen geheimnißoollen Contrast zu dem donnernden feuerspeienden Ungethüm, welches an ihnen vorbeiraste. Dann kamen Bäche und Flüsie, welche von der Wasserscheide des Gebirges herabrauschten. Kleine, eiserne Brücken führten über dieselben und dann kam der große, majestätisch fließende Donaustrom, über den sich eine kühne, aus fünf Pfeilern ruhende Brücke spannte. Endlich, endlich — so gegen vier Uhr Nachmittags — wies Frau Professor Felder durch das