Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 87 (3.11.1898)
- Date
- 1898-11-03
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1626 herausgab, welche den Agitator wie den Minister zu würdigen suchte. Er soll auch der intellektuelle Urheber jener Proklamation der ungarischen Juden vom 30. September 1848 sein, welche also lautete: „Bürger von Budapest! Die schweren Augenblicke der Gefahr und des Elends lasten auf unserem theuren Vaterlande. Taufende und Abertausende sind muthig auf das Schlachtfeld geeilt, um zu leben oder zu sterben fürs Vaterland. Zum Schutze unserer Stadt, zur Verteidigung des Besitzes, zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung darf und soll auch nicht ein Bewohner von Budapest fehlen. Es kann nicht sein, daß auch heute, am Tage der Gefahr das Voruriheil wie ein Gespenst zwischen Bruder und Bruder trete. Wir sind Alle Söhne des Vaterlandes, und Alle bereit, daselbe zu vertheidigen. Männlich treten wir deßhalb vor Euch, Bürger von Budapest : wollet Ihr, daß wir mit Euch gemeinsam vollführen, wie es der Augenblick erheischt? Rufet uns und wir gehen gern. Viele unserer Glanbensgenoffen befinden sich draußen auf dem Schlachtselde, auch hier wollen wir unsere Kräfte in Gemeinschaft sämmtlicher Bürger zur Verteidigung der Stadt aufbieten. Unser Motto ist: mit Euch zu leben, mit Euch zu sterben! Budapest, 30. September 1848. Im Namen der Israeliten von Budapest." Es ist sehr bezeichnend, daß diejenigen Städte in Ungarn, in welchen der überwiegende Theil der Einwohnerschaft aus Deutschen bestand, am meisten gegen die von Koffuth schon von vornherein beabsichtigte Judenemanzipation sich austehnten, ja sogar eine frische, fromme und fröhliche Judenhetze mitten im Kriege inseenirten, so daß die ungarische Regierung alle Hände voll zu thun hatte, um die Verfolgungen zu unterdrücken. Sie sandte z. B. nach Stuhlweißenburg, wo der Stadtrath die Vertreibung der Juden aus dem Weichbild der Stadt angeordnet, Franz von Pulsky als Regierungskommissar mit entschiedenen Vollmachten. Wie dieser in seinen Memoiren („Meine Zeit, mein Leben") erzählt, gelang es ihm bald Ordnung herzustellen, indem er an die Rädelsführer eine donnernde Philippika richtete, dahin lautend: die Freiheit sei kein Privilegium, sie sei wie die brennende Kerze, die von ihrer Leuchtkraft nichts verliere, wenn man andere Kerzen daran anzünde; die Juden seien ebenso gut Söhne des Vaterlandes wie wir; die Regierung werde die Ruhestörer exemplarisch züchtigen und nicht dulden, daß religiöse Unduldsamkeit Platz greife u. s. w. Der Verfasser der „Auszeichnungen eines Honved" erzählt in seiner 1850 erschienenen Schrift eine intereffante Episode aus Kosiuths Leben, welche einen bezeichneten Beitrag zur Aufklärung jener Sympathie giebt, welche die alten und frommen Juden ebenso wie die jüngeren für diesen Staatsmann bis zur letzten Stunde seines Wirkens bethätigten. Sein Vater war Advokat — oder, wie man damals sagte, Fiskal und wohnte in einem nördlichen Theile Ungarns, wo die aus Polen herübergewanderten Juden, die Chaßidim, mit ihren langen Tataren, Pelzkragen und Ringellocken angesiedelt sind. Gegen den weit und breit im Gerüche besonderer Orthodoxie und Heiligkeit stehenden Rabbiner zu Ujhely führte nun Koffuth einen ärgerlichen Prozeß. Der Grund desselben ist mir unbekannt. Er dauerte aber — wie dies damals in Ungarn üblich war — lange, und es starben im Laufe dieser Zeit zwei Söhne des Advokaten und er selbst. Die Chassidim streuten nun aus, das sei der Fluch des Rabbi von Ujhely, und selbst die Katholiken und Calviner bekamen eine Scheu vor der Macht jenes Wunderrabbi, zu dem Kranke und Preßhafte aller Konfessionen strömten, um sich durch seine unglaublichen Kuren heilen zu lassen. Der Rabbi genoß großes Ansehen; er war. ein kluger und erfahrener Mann und benutzte den Glauben seiner Stammgenossen und der ungebildeten Gegend in geschickter Weise für seine Zwecke. Des Advokaten Frau fürchtete, daß auch ihr letzter Knabe, Ludwig Koffuth, dem Fluche des Rabbi verfallen sei, und das Mutterherz trieb sie hin zum bärtigen Mann, um Vergebung zu bitten für die Unbill, welche ihr Gatte ihm einst angethan. Der „Bat Schem", dessen Ansehen und Einfluß durch einen solchen Vorfall nur gewinnen mußte, war leutselig und zuvorkommend, und der greise Priester brachte es durch sein Benehmen dahin, daß die Calvinistin um Segen bat für ihren Sohn. Der kluge Rabbi zögerte, zu willfahren; er betrachtete den Knaben und unterhielt sich mit ihm. Geist und Lebhaftigkeit zeichnete schon damals das Kind aus, und mehr als das mag vielleicht der Umstand auf den Rabbi gewirkt haben, daß Ludwig nicht mit Hohn und Mißachtung auf die fremdartige Umgebung blickte und auch nicht jene Scheu zeigte, die nahe an Abscheu grenzt. Wir wollen das Ausmalen dieser Seelenzustände eines klugen Rabbi, einer beängstigten Mutter und eines geistvollen Knaben einer dichterischen Feder überlassen. Thatsache ist, daß der Rabbiner seine Hände auf den Kopf des Kindes legte und ihn segnete. Für ein so großes Ereigniß wurde dies in jener Gegend betrachtet, daß die Kossuthsche Familie den vom Rabbi citirten Psalmenspruch sich merkte (Ps. 60, V. 6): „Natatha l’ejerecha nes lehisnoses mipne koschet sela“ (Du verleihst deinen Frommen ein Panier, um damit zu glänzen ob der Wahrheit willen".) Der Rabbiner von Ujhely wählte diesen Vers wegen des Wortes „Koschet". Es heißt: „Wahr-