Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 87 (3.11.1898)
- Date
- 1898-11-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448937--47047-2497384- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1611 der Dämon irdischer Dunkelheit fremd geblieben war. Nicht der Schatten einer Sorge, eines Leids hatte noch ihren Gesichtskreis getrübt. Umgeben von Wohlhabenheit und von einer unbegrenzten Liebe, die ihr all das, was diese Wohlhabenheit erreichbar machte, willig zu Füßen legte, war ihr bisheriges Leben sanft, wie eine Idylle, voll glückseliger Zufriedenheit dahingeflosten und es erhoben sich ihrem Wollen keine andere Schranken, als diejenigen, die ihr frommes, genügsames Gemüth sich selbst errichtete. Ja, man sah es dieser Menschenblume an, daß es ihr nie an belebendem Thau und warmem Sonnenschein gemangelt. Da kam ein Ereigniß, das wie eine stürmende Fanfare in die ungestörten Harmonien der Idylle hineindrang. . . Seitdem ihr Sinn gereift war, um die ernsten Reden ihres Vaters zu begreifen und ihr dieser von den Wundern der großen, weiten Welt erzählte, welche ihre jugendliche Phantasie ihr in märchenhaft schillernden Farben vor die Seele zauberte, hatte sie mit heimlicher Sehnsucht zu den fernen, blauen Bergen geschaut, die sich am Horizont hinzogen. Die Boten dieser fernen Zauberwelt, Professor Felder mit seiner Familie, welche alljährlich für einige Tage zwischen die Berge kamen, um für kurze Zeit die friedliche Ruhe des Elternhauses mit geräuschvollem Frohsinn zu verscheuchen, trugen viel dazu bei, um die Sehnsucht in ihr mächtig anzufachen. Es hatte auch von Seite des Prosesior nicht an inständigen Bitten gefehlt, den Freund zu bewegen, ihm sein Töchterchen zu ihrer weiteren Ausbildung in die Stadt mitzugeben. „Warte", hatte ihm Rüben lächelnd erwiedert, „bis ich sie erst so weit gebracht habe, daß Ihr an ihr nichts mehr verderben könnt. Dann schicke ich sie Dir." Dieser Zeitpunkt war nun endlich gekommen. Nach den SukkoSfeiertagen sollte sie zu längerem Aufenthalte in die Stadt. Noch nie hatte sie so sehr das Ende der Festtage herbeigesehnt, als diesmal, und als sie endlich vorüber waren, da ging's an ein Packen und Rüsten, als ob es mindestens einer Expedition an den Nordpol gegolten hätte. Die alte Mirjam, die in letzter Zeit bei Friedbergs immer seltener geworden war, kam zufällig herein und machte große Augen über den Aufruhr, der im ganzen Hause herrschte. ..Ach," sagte Dinah, um der Empfindlichkeit der leicht beleidigten Alten vorzubeugen, „Sie kommen jetzt so selten herein, Frau Mirjam, daß ich Ihnen die Neuigkeit noch gar nicht miltheilen konnte. Wir fertigen unsere Schulamit in die Stadt aus.-" Da kam Schulamit in kindlich übersprudelndem Frohsinn herangesprungen und schob ihren Arm unter den der alten Frau. „Ja, ja, Mutter Mirjam, das Alles, was Sie da sehen, dieser ganze Tandelmarkt von Schachteln, geht mit, und drinnen steht noch die Kiste, so groß wie die Arche Noahs. —" Sie wollte die Alte mit sich ziehen, um ihr die Kiste zu zeigen, aber jene machte sich unfreundlich von ihr los und brummte etwas unverständlich unter der Nase. Sie ließ sich theilnahmslos am Fenster nieder und blickte aus die Gaste hinaus. Dinah wollte die griesgrämige Alte beschwichtigen und richrete wieder das Wort an sie: „Ich weiß gar nicht, was ich ohne das Kind anfangen werde. Ich war noch nie von ihr getrennt — und jetzt soll sie gleich auf eine so lange Zeit fort . . . * Mirjam wandte, noch immer wortlos, nach der Sprecherin den Kopf um und schaute sie mit erweiterten Augen an. Sie hatte gedacht, daß es sich um eine Abwesenheit von einigen Tagen handelte und auch so dünkte es ihr ein Kapitalverbrechen, daß man sie nicht verständigt hatte. Und nun hörte sie gar von einer langen Abwesenheit reden. Ihre leicht erregbare Galle schäumte mächtig in ihr auf. „Ihr redet ja, als ob Ihr sie schon ausheirathen wolltet," sprach die Alte mit boshaftem Grimme. Schulamits Gesichtchen tauchte sich in Purpur und sie wandte sich hastig ab; der junge Felder, ein prächtiger Junge und angehender Arzt, war ihr in den Sinn gekommen. Dinah aber erwiederte lachend: „Nein, darum handelt es sich nicht. Aber ein bis zwei Jahre wird sie wohl doch weg bleiben —" Unerhört! Ein bis zwei Jahre! Mirjam hatte blos an Wochen, oder Monate gedacht .... Und Moscheh? . . . Und da fragte man sie gar nicht! — _ Zitternd vor Empörung erhob sie sich, stieß den Sessel mit jener rohen Rücksichtslosigkeit, mit welcher alte Leute sich ihren Affecten zu überlasten pflegen, geräuschvoll zur Seite und schritt mit einem zornsprühenden Blick auf Dinah wortlos aus dem Zimmer. Ihr Stolz bäumte sich dagegen, der schweren Kränkung, die sie empfand, in Worten Ausdruck zu geben. „Aber Frau Mirjam," rief ihr Dinah bestürzt nach, „ich schwöre Ihnen, es war nicht schlecht gemeint -" Vergebens. Die unnachsichtige Alte entfernte sich rasch, ohne sich auch nur mehr umzuschauen. — Frau Professor Felder war selbst gekommen, um sich ihr Schätzlein abzuholen, da es Rüben um diese Zeit unmöglich war, von: Hause abzukommen und sein Kind zu begleiten. Schulamits bemächtigte sich eine