Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-10-31 · Heft 86 (31.10.1898) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 86 (31.10.1898)
Date
1898-10-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448936--47030-2497366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1595 „Du hast den „Mokom hakodesch *)" entweiht, indem Du Dich erdreistet hast, hier unzüchtige Schriften zu lesen." „Rebbe, das ist nicht wahr. Ich habe ein deutsches Buch, aber kein unzüchtiges, von gestern bei mir in der Tasche getragen, welches mir unversehens herausgefallen ist, aber gelesen habe ich nicht hieraus." „Wer es gesehen hat, der trete hervor." Und Jeruchem trat vor, den Kopf demüthig geduckt, die verschlungenen Hände fest vor die Brust haltend. „Ich habe es gesehen," sagte er ruhig. Ein Murmeln der Uebcrraschuug ging durch die Stube. Jeruchem fühlte sein Gewissen vollkommen beruhigt. Um einen solchen gefährlichen „Schegcz" **), einen so fluchwürdigen Frevler, der es mit Schiller Alt thun hat, unschädlich zu machen, schien ihm eine kleine Lüge ein vollkommen erlaubtes, ein gottgefälliges Mittel zu sein. Und bedurfte es denn eines triftigeren Beweises für die religiöse Entartung Ehajims, als daß er es gewagt hatte, seine Hände gegen ihn zu erheben, gegen ihn, den heiligen Mann? War dies nicht Grund genug, um den Böscwicht in den Augen eines jeden wahrhaft Frommen für vogelfrci erscheinen zn lassen? „Ec lügt," rief Glaser mit der Festigkeit des Wahrheitsbewußtseins. „Dieser elende Heuchler weiß, daß ich ihn aus der Seele hasse und er rächt sich nun an mir, indem er mich durch eine Lüge verderben will. Es steht doch aber in der Tauroh geschrieben: „Die Sache soll nicht bestehen auf dem Munde eines Zeugen; auf die Aussage zweier Zeugen hin werde die Sache bekräftigt." Der Greis ließ seinen Blick in der stunde schweifen. „Hat es noch Jemand gesehen?" Tiefe Stille. Da — da — stockend — unsicher — kaum hörbar hatte Jemand gesprochen: ',Ich — auch!" Aller Blicke flogen nach der Richtung hin es war Moscheh! Dort stand er den Nacken gewaltsam steifend, die Lippen halb geöffnet — auf seinen sonst bleichen Wangen flammten feurige Flecken, seine Augen glänzten in einem ftebernden Glanz. Chajim Glaser haschte nach der Lehne eines Sessels um nicht zu taumeln. Er athmete tief auf; dann machte er einige Schritte gegen Moscheh, der sich hinter den Rücken des Rabln flüchtete. Das Geräusch einer wilden Erregung brandete durch das Zimmer. *) Heiligen Crt. **) Ungläubigen. „Hab' keine Furcht," rief Glaser, „ich thu' Dir nichts! Ich will Dir blos in die Augen schauen." Es war ein furchtbarer, durchbohrender Blick, den er auf das Gesicht Moschehs richtete. „Seht, Rabbi," sagte er dann, „wie Eure Zeugen aussehen!" „Wir wollen lernen," sprach der Rabbi, trocken die Gemore aufschlagend. Glaser maß den Rabbi mit einem langen Blick. Die heilige, ehrfurchtvolle Scheu, welche ihm sein Meister eingeflößt hatte, war plötzlich von diesem abgestreift und er erblickte in ihm nur einen alten, irregeleiteten Mann, der bei allem guten Wollen der Aufgabe nicht gewachsen war, an der Spitze seines Volkes zu stehen. Wer nicht die Zeichen der Zeit zu deuten und sie weise dem ewig Unabänderlichen anzupaffen versteht, der gehört in den Troß und nicht an die Spitze! Diese Gedanken fuhren blitzartig Glaser durch den Kopf. „Wohlan," ries er, „ich gehe, denn ich bin nach Recht und Gesetz verurtheilt. Aber erlaubt mir noch ein Wort zu reden, bevor ich von dieser Stätte, wo ich unter schwerer Mühsal und in reinem Streben dem Gottesstudium obgelegen, mit Schimpf und Schande beladen Abschied nehme. Wo steht es geschrieben, daß sich profane Wiffenschaft und Bildung nicht mit dem Gottesgesetz verträgt? Sind wir frömmer geworden seit den Zeiten Schmuls, welcher so daheim war in den Bahnen der Himmelskörper, wie in den Straßen vonNahardea? Der Rambam, der Cusri, der Rif, Jbn Gabriol, waren sie weniger Juden, als Jeruchem Porges, weil sie Naturforscher, Philosophen und Dichter waren? Warum soll der Bocher durchaus eine Spottgestalt sein und etwas Fremdes, Abstoßendes in der ihn umgebenden Welt bilden? Warum soll er sich nicht jene Kenntniffe aneignen dürfen, durch welche er sich sein Brod ehrlich verdienen kann, warum soll die einzige Aussicht, welcher er mit Sicherheit entgegensehen kann, der Bettelstab sein? Wehe dem Gebäude, dessen Pfeiler Blindheit und Heuchelei sind — cs muß Zusammenstürzen!" „Genug!" schrie der Rabbi, sich in seiner ganzen Höhe aufrichtend. Sein ausgestrcckter Arm zitterte vor Erregung. „Genug," murmelte Glaser. — „Gott gedenke es Euch nicht, was Ihr da thut!" Er wankte hinaus. Eisig feuchter Nebel schlug ihm gegen das glühende Gesicht. Sein Auge schaute in ein trauriges Chaos. Ebenso sah es auch in seiner Seele aus . . . Drinnen, im Beth hamidrasch, wollte heute keine rechte Stimmung aufkommen. Das Geschehene lastete drückend auf dem Gewissen eines jeden Einzelnen. Nein, einen solchen Abgang hatte Chajim Glaser nicht verdient. Wenn es auch im „Lernen" Bessere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.