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Der Israelit · 1898-10-27 · Heft 85 (27.10.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 85 (27.10.1898)
Date
1898-10-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1671 Feuilleton. —Verkauft. Eine Erzählung aus Ungarn. ir) Von Samuel B. Rosner. Rüben staunte über die eiserne geistige Kraft des jungen Mannes, denn die aufreibende geistige Arbeit, die er verrichtete, und deren Größe nur der ganz zu ermesien vermag, wer sie wie Rüben aus eigener Erfahrung kannte, hatte kaum eine Spur bei ihm zurückgelaffen. Seine Umgangsformen waren gefällig und angenehm, heiter und scherzend floß ihrn die Rede von den Lippen. Wenn Rüben sich mit ihm unterhielt, dann fühlte er sich von einem Hauch aus seiner eigenen Jugendzeit berührt. Schemenhafte Stimmungen umflatterten ihn, schillernden Schmetterlingen gleich. Man verweilt gerne bei Erinnerungen aus der Jugend, gleichviel ob dieselben hell oder dunkel gefärbt seien. Moscheh war bald vollständig in den Schatten gestellt. Während der Abendmahlzeit, wo sich das Gespräch um wiffenschaftliche Dinge drehte, da konnte er noch einigermaßen zur Geltung kommen. Daran aber lag ihm nichts. Mit tiefem Ingrimm jedoch iah er, daß es Glaser gar nicht eilig war, sich aus dem gastlichen Hause zu entfernen. Die Winterabende waren lang, und es war ein Gewinn, sie um ein, zwei verplauderte Stunden abzukürzen, lind er plauderte so anziehend, daß die großen, hellen Augen des Kindes mit ungetheilter Aufmerksamkeit an seinen Lippen hingen. Er machte ihm Schulamit abwendig und das war es, was er ihm nicht verzieh! Er zog sich schmollend bei Seite und vertiefte sich in ein hebräisches Buch, als ob die Zwei gar nicht im Zimmer wären. Er vermochte aber keinen ruhigen Gedanken zu fassen. Schließlich ertrug er es nicht länger; er schlug das Buch zu und verließ das Zimmer. Als er durch den Corridor schritt, glaubte er daß sein Rame gerufen werde. Er blieb stehen und lauschte. Er hatte sich getäuscht, es rief ihn Niemand, nur das Helle Lachen Schulamits schlug an sein Ohr. Er fehlte ihr gar nicht. Ein tiefes Weh' schnitt ihm durch's Herz und ein tödtlicher Haß schäumte auf in ihm, gegen jenen thörichten Schwätzer, der sich anmaßte, ihn aus seinem unbestrittenen Besitz zu verdrängen. Er knirschte mit den Zähnen und erhob im Dunkeln drohend die Faust.... Der Winter dämmerte langsam dahin. Das Ehanukkafest war da und die kleinen Lichtlein lugten auf düstere Schneemaffen hinaus, über welchen ein trüber Winterdunst braute. Der Winter ist kein Freund der Bachurim. Die Quartiere sind so kalt, wenn man nicht heizt und zum Heizen gehört Holz. Noch ein Glück, daß der liebe Gott die Oellampen beschaffen hat, da kann man sich wenigstens in den langen Nächten, wenn einem so gegen Mitternacht die Kälte bis ans Herz dringt, die Hände am Glaszylinder der Lampe erwärmen. Das „Bes Hamidrasch" mit seinem warmen Ofen ist da ein wahres Eldorado, eine erwünschte Zufluchtsstätte für diese dürftigsten aller Geschöpfe. Das Frühgebet ist eine Erquickung für die frierenden und darbenden Bachurim und wenn sie des Morgens hereinkommen, die zähneklappernden Gestalten mit den hohlen Gesichtern und dünnen Röckchen, dann gilt ihr erster Gang stets dem Ofen. Mit rührender Herzlichkeit strecken sie ihm die rothen Hände entgegen und in seiner Nähe tauen sie dann unter mannigfachen Lauten des Behagens allmählich auf. An einem solchen Morgen der Chanukkatagc war es, als die Stunde der Abrechnung zwischen Jcruchem Porges und Chajim Glaser schlug, als der heimlich glimmende Funke in Heller Lohe aufflammte. Glaser besaß eine schöne Stimme und an Festtagen zelebrirte er den Gottesdienst. Auch heute hatte er vorgebetet und in seinem jauchzenden Hellen Gesang glaubte man den Ftiigelschlag einer hoffnunggeschwellten Seele zu vernehmen. Ihm konnte der Winterfrost nichts anhaben. Durch nebliges Dunkel hindurch schaute sein froher Jugcndmuth Helle Zukunftsbilder schimmern. Auch die Gegenwart drückte ihn weniger als die meisten Andern, da er sich durch Unterricht ertheilcn etwas Geld verdiente und auch von zu Hause einen kleinen Nachschub erhielt. Ieruchem Porges mißgönnte ihm Alles, selbst seine schöne Stimme. Ihm tväre es angenehmer gewesen, anstatt des melodischen Gesanges, den Verhaßten quackcn zu hören wie eine Kröte. Obwohl er in seiner Heiligkeit sich während des Gebetes zur unmittelbaren Höhe der Engel emporschwang und die vulgäre Welt für ihn gar nicht eriftirte, kehrte er dennoch für einige Augenblicke zu dieser Welt zurück, um dem sich vom Omed Entfernenden einige unfreundliche Blicke nachznsenden. In diesem Augenblicke bückte sich Glaser zur Erde, und ohne daß er es merkte, glitt ihm ein Buch aus der Tasche zu Boden. Da er nun einmal aus den himmlischen Regionen hinabgeglitten'war, benutzte Ieruchem die Gelegenheit, um sich pfeilschnell zu bücken und das Buch aufzuheben. Plötzlich wurde Glaser, der über einem Talmudfolianten gebeugt am Tische stand, auf eine Bewegung im „Bes Hamidrasch" aufmerksam. Er drehte neugierig den Kopf herum und sah um Ieruchem einen großen Kreis von Bachurim versammelt, denen er mit lebhaften Gesten aus dem Buche, das er in der Hand hielt, etwas vordemonstrirte. Zu seiner maß-

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