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Der Israelit · 1898-10-24 · Heft 84 (24.10.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 84 (24.10.1898)
Date
1898-10-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1555 tiefliegenden kleinen Augen zeigten einen ständigen Ausdruck großer Besorgtheit, die durch die aufgezogene, immer in zahllosen Falten liegende Stirne noch gesteigert wurde. Die Augen lugten aus ihrem tiefen Sitz fortwährend in die Höhe, als ob sie einen Riß in der Zimmerdecke erspähen wollten, durch welchen sie zum Himmel emporblicken könnten. Die Hände hielt er vor der Brust ineinander geschlungen und sein Oberkörper war vorgeneigt, wie in immerwährender Bereitschaft zu jener pendelartig schwingenden Körperbewegung, mit welcher er die Gebete verrichtete. Zur Vervollständigung des Porträts sei noch hinzugefügt, daß die Winkel seines breiten Mundes mit den schmalen Lippen nach abwärts sich verzogen, und daß der Anflug eines schwachen Cotelettbartes ihm bis in die halben Backen reichten. Chajim Glaser fühlte sich instinktmüßig von dem neuen Ankömmling abgestoßen, er witterte hinter der heiligen Maske ein nicht gewöhnliches Maß von Hochmuth und Anmaßung. Sein Verdacht sollte sich gleich am andern Morgen bestätigen. Der Rabbiner hatte vor einigen Tagen zum Beginne des frischen Semesters ein „Halocho Taußcfos" herausgegeben. Das ist ein tatmudisches Thema, in welchem sich die Bachurim etwa acht Tage selbstständig vorzubereiten hatten, worauf dann der Rabbi in demselben seine Schiurvorträge begann. Es war nun üblich, daß die reiferen Bachurim nach dem Morgengebet noch ein halbes Stündchen blieben, um sich gegenseitig ihre Ideen über das aufliegende Thema mitzutheilen. Am nächsten Morgen nach der Ankunft Jeruchems fand ebenfalls ein solches Symposion statt, in welcher Moscheh, anerkanntermaßen die größte talmndische Autorität der Schule, vor einem Kreise gespannt lauschender Freunde ein kunstvolles Gebäude dialektischer Conelusionen aufführte. Jeruchem, der „Chassid", hatte dem lieben Gott mehr zu sagen, als gewöhnliche Menschenkinder. In einer nahen Ecke des Gemaches stand er, sich regelmäßig vor- und rückwärtsschwingend, mit fest zugedrückten Augen, in sein Gebet vertieft. Plötzlich stand er still und wandte mit halb seitwärts geneigtem Ohr seine Aufmerksamkeit der disputirenden Gruppe zu. Moschehs Zuhörer erwogen stillschweigend bei sich dessen verwickelte Ausführungen, als plötzlich ein halblaut gemurmeltes „Schluß.'"*) ihr Ohr traf. Befremdet wandten sich die Bachurim dem anmaßenden Rufer zu. „Chuzpe!"**) rief einer mit zornigem Blicke dem dreisten Ankömmling zu. *) Unsinn. **) Frechheit. „Schtuß kann jeder „Am horez"* sagen," schleuderte ihm Chajim Glaser verachtungsvoll hin. Doch Jeruchem hatte sich schon wieder von ihnen abgewendet, erhob sich auf die Fußspitzen, reckte den Hals in die Höhe, druckte die Augen fest zu und setzte laut, in unvergleichliche Andacht versinkend, das unterbrochene Gebet fort. Die feige Art, mit welcher er sich einer ferneren Auseinandersetzung und seines wegwerfenden Urtheils entzog, brachte die Bachurim noch mehr gegen ihn auf. Die beleidigte Corpschre mußte gerächt werden. Chajim Glaser machte eitle drohende Bewegung mit dem Zeigefinger und murmelte: „Warte Kerl.'" Ein Blitzen seines lebhaften Auges verrieth, daß der Plan der Züchtigung in seinem Geiste auch schon bestimmte Formen angenommen hatte. Blatt für Blatt wird die Blume der Romantik von dem realistischen Zuge der Zeit entblättert. Weißt Du, lieber Leser, was in der Bachnrimsprache Wort „Pracken" bedeutet? Nichts anderes als ein solches halb und halb schon weggewehtes Blatt der Blume Romantik, wenn auch ein etwas stacheligwiderhaariges. Eine Aeußcrung burschikoser Ungezügeltheit, welche nicht selten in rohe Brutalität ausartet. Das „Pracken" ist, oder besser gesagt war, eine eigcltthümliche Art Aufnahmszeremonie eines frischen Bocher, welche darin bestand, daß der zu Promovircnde sanft oder unsanft, je nach dem Grade seines Widerstandes, von hinten gepackt, auf eine Bank plazirt und von einigen zwanzig Händen auf einen gewissen, nicht näher zu bezeichnenden Thcil seines Körpers etwas unsanft, sagen wir — gestreichelt wurde. Diese empfindliche Zurechtweisung wurde von Chajim Glaser dem unbescheidenen Ankömmling zugedacht. Noch am selben Tage wurde zu diesem Zwecke unter den größeren Bachurim ein Complott gebildet — die kleineren waren wegen ihres Respekts nicht dafür zu gewinnen — und bereits am nächsten Tage nach dem Morgengebet wurde die Absicht ausgeführt. Zitternd vor Wuth und bis zu den Lippen bleich, erhob sich Jeruchem Porges nach der Maßregelung, welche iufolge der Gereiztheit der Bachurim wohl kräftiger ausgefallen war als gewöhnlich. Ihm, dem „großen" Jeruchem so etwas anzuthun.' — Der Schimpf brannte wie ein Hochofen in der Seele und sein Haß wandte sich naturgemäß zunächst gegen Chajim Glaser, als den Urheber des Complotts. So wie er war, in dcrangirtem Zustande lies er zum Rabbi und klagte ihm mit Thränen in den Augen den ihm widerfahrenen Schimpf. Der Greis zog die Stirne in unmuthige Falten. Der Unfug verdroß ihn in diesem Falle doppelt. Jeruchem hatte gute Empfehlungen, die insbesondere *) Jgnoranr.

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