Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 83 (20.10.1898)
- Date
- 1898-10-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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HXIX. Jahrgang. Zweite Beilage zu M 83 des „Israelit“. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen Deutschland. Köln. Der jüdische Gesellenverein beging vor einigen Tagen sein I. Stiftungsfest, bestehend aus Concert, Bortrügen und theatralischer Aufführung. Der große Saal des Fränkischen Hofes war dicht gefüllt. Der Borsitzende des Vereins, Herr A. Teichmann legte in der Festrede dar, unter welchen Schwierigkeiten sich das Handwerk unter den Juden wieder entwickelt habe und gedachte der um den Gesellenverein hochverdienten Herren vom Vorstande zur Verbreitung und Förderung der Handwerke. In schöner Weise trug hierauf Frl. Johanna Wolf den von Herrn Jakob Platz verfaßten Prolog vor. Dann wurde ein Lied „Damengruß" von Herrn A. Eckstein verfaßt, gemeinschaftlich gesungen. Hieran schloffen sich Vorträge von Frl. Bertha Cahn und den Herren Falkenberg, Platz, Heinr. Wolf, Leopold Wolf und Seligmann, welche alle Ausgezeichnetes boten. Das zweite gemeinschaftliche Lied feierte den Verein. Nach der Aufführung des Lustspieles „Fünf Tage strengen Arrest" begann das eigentliche Fest. Fröhlich wogte es nun auf und nieder, und es graute bereits ein neuer Tag, als die letzten Paare den heimischen Penaten zueilten. Möge der jüdische Gesellenverein auch weiterhin wachsen, blühen und gedeihen.? Kassel, 18. Oct. Am 9., 10. und 11 Oct. tagte hier der Parteitag der deutsch-sozialen Reformpartei, wie sich die Liebermann-Zimmermann'schen benennen. Die Stimmung war keine fröhliche, die Niederlage von den letzten Wahlen lag ihnen noch zu schwer in den Gliedern und sie suchten vergeblich nach Trostmitteln dazu. Während die Einen die Schlappe eingestanden, bemühten sich Andere sie wegzuleugnen, ja ein besonders hervorragend befähigter Führer erklärte: „Der Erfolg von 1393 war normal, denn wir dankten ihn nicht unserer Partei, sondern der Popularität des Namens Bismark, mit der wir damals krebsen gingen. Darum ist der jetzige Erfolg befriedigend, denn diesmal hatten wir kein solch Zugmittel." Wir nehmen dieses Eingeständniß dankbar entgegen. Amüsant war noch, wie sich die Herren Abgeordneten gegenseitig ihr Schwänzen bei den Reichstagssitzen vorhielten und sich deßhalb zu entschuldigen suchten. Auch mancherlei schmutzige Wäsche wurde gewaschen z. B. dem Abgeordneten Köhler, der nicht anwesend war, wurde übel mitgespielt. Alles in Allem war der Verlauf kläglich. Wohl bekomm's ihnen. A Elderseld, 12. Okt. Der Sohn des verstorbenen Dichters Emil Rittershaus veröffentlicht im „Elberfelder General-Anzeiger" „Blätter der Erinnerung" an seinen Vater, denen folgende inte reffanten Stellen entnommen sind: „Sehr lebhaft wendet sich mein Vater in mehreren seiner Gedichte und Reden gegen den Antisemitismus. Er nannte ihn eine Gemüthsrohheit, in vielen Fällen die Aeußerung des Neides, daß andere durch Fleiß und Begabung es zu etwas gebracht hätten. Wo blieben denn Kunst und Wiffenschaft ohne die materielle Unterstützung der Juden? Wer kaufte Bücher, ermöglichte vielfach das Bestehen von Theatern und sonstigen Kunstanstalten; wer erwerbe Gemälde, versorge Forscher und Erfinder mit Kapital zur Durchführung ihrer Pläne — wenn nicht die Juden? Er sei auf leinen Reisen oft in jüdische Familien gekommen, die ihn mit dem zartesten Verständniß seiner Wünsche aufnahmen. Manche herzliche Freundschaft sei daraus entstanden. „Bewundern mußte ich die Innigkeit des jüdischen Familienlebens, dies unverbrüchliche Zusammenhalten, worauf zum großen Theile die Macht des Judenthums beruht, die pietätvolle Achtung der Kinder den Eltern gegenüber. Und: Interesse für alles! — man kann jedes beliebige Thema anschlagen, immer findet man die artigste Aufmerksamkeit, den lebhaftesten Lerntrieb. Meine Gedichte standen nicht nur in den Bibliothekschränken, sondern was mehr heißen will, sie waren auch gelesen worden!" Auf den Witz der Juden ließ niein Vater nichts kommen. Seien wir doch froh, pflegte er zu sagen, wenn wir möglichst viel witzige Köpfe haben; Uebrigens erkläre sich die Gabe des Witzes und der Satire bei den Juden heraus, daß Witz die Waffe der Unterdrückten sei. — Darüber müsse man sich wundern, daß ein Volk, das durch so harte Leiden Jahrhunderte lang hindurchgegangen, noch den Sinn für das Schöne sich habe erhalten können, daß sein Naturell nicht finster ilnd gewaltthütig geworden sei. Auch die Mäßigkeit der Juden in Bezug auf die geistigen Getränke hob mein Vater gerne hervor. Sehr selten habe er einen Inden im Rausche gesehen. Natürlich gebe es unter ihnen, wie überall, auch abstoßende Elemente. Er spreche nach seinen persönlichen Erfahrungen, von dem gebildeten und wohlerzogenen Juden. T. Schrlmm, 17. Oct. Am 2. d. M. entstand während des Abendgottesdienstes in der hiesigen Synagoge eine Panik, die durch mehrere im Alter