Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 81 (13.10.1898)
- Date
- 1898-10-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448931--46905-2497236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWWWWWWGWMWMM 1491 Jahre abstattcten. Der Wald nämlich, das ivar ihr lieber, treuer Freund geworden. Im Anfang hatte Schulamit beim Betreten des Waldes eine scheue Furcht zu bekämpfen vor den: schattigen Dunkel, welches geheimnißvolt zwischen dem Labvrint der Baumftänune webte. 'Nachdem sie aber erst einigemal, von Nuben mitgenommen, in der Fauberwelt des Waldes geweilt, zog sie diese immer mächtiger in ihr Bereich. Die mannigfachen Reize des Waldcharakters zogen daS fiir alles Schöne lebhaft empfängliche Kind unwiderstehlich an und es war für Schulamit ein Festtag, so oft sie in den Wald hinaus durfte. Es war ja so köstlich, wenn draußen die Sonne brannte, in das kühle, von eigenthümlichen Düsten erfüllte Dunkel des Waldes einzutreten. Gleichviel ob es der mehr freundliche, sonnig durchbrochene Eichenwald war, mit den weiten grünen Lichtungen, oder aber der von tiefem Ernst umilossenene, finstere Tannenwald, dessen schlanke Stämme wie die Pfeiler eines gewaltigen Domes zum Himmel strebten, in dessen weihevoll stilles Innere kaum ein zitternder Sonnenstrahl hindurchdrang. Eine Stelle gab es, wo der Wald all seine wilde, einsanre Pracht vereinigt zu haben schien. Es war der Rand einer jäh abfallenden, tiefen und breiten Schlucht. Auf der anderen Seite erhob sich schräg ein gewaltiger, schier bis in den Himmel - hineinwachsender Berg mit dichtem Tannenbestand, j über dessen Abhang ein Witdbach in zahllosen Eas- 1 ceiben mit geheimnisvollem Schäumen zur Schlucht 1 hinabstürzte, um sich im unerforschten Walddickicht! zu verlieren. Bis hierher drang kein Laut des serneu Weltgetriebes; nur Waldstimmen konnte man hier vernehmen. Das Kreischen großer Waldvögel, die mit schwerem Flügelschlag in den Wipfeln auf- | flatterten, das wilde, hallende Girren der Wald- $ taube und das eintönige Hacken des Spechts .... f Oder es erschien zwischen den Stämmen des jensei- 1 tigen Abhanges ein scheues Reh und schaute mit hocherhobnem Kopf, wie staunend, auf die Menschenkinder hinüber, um, wie von plötzlicher Furcht ergriffen, rasch wieder im Dickicht zu verschwinden, f Hierher ledtc die Kinder theils die überwäl- - tigende Großartigkeit der Seenerie, theils, im Frühsommer, die großen Erdbeerenlager, die sich hier vorfandcn. Jedoch seitdem sie einmal den Eltern durch langes Ausbleiben Foltergualen verursacht hatten, durften sie nicht mehr allein und ohne ihr Wissen in den Wald. Sie mußten stets die Erlaubniß hierzu cinholen und es begleitete sie nun immer ein Dienstbote dahin. Doch das Berhältniß der Beiden verlor mit der Zeit seine glückliche Harmlosigkeit, es wurde immer häufiger von Mißtönen gestört, zu welchen Moscheh den Anlaß bot. Es zeigte sich immer deut licher die Verschiedenartigkeit ihrer Anlage, welche einen Ton der Entfremdung zwischen ihnen einniftetc. Sie war ein munteres, von ausgelassener Lebensfreude sprudelndes Kind geworden, er ein blasser, stiller befangener Junge. Er hatte ein krankhaft reizbares Herz, welches ihm gleich bei jeder Gelegenheit bis in den Hals hinauf schlug und ihn oft zu plötzlich hervorbrechender Heftigkeit hinriß. Rur wenn er mit Schulamit allein war, fühlte er sich frei in Rede und Bewegung, sowie aber noch sonst Jeniand dabei war, klebte ihm die Zunge am Gaumen und seine Glieder waren wie von hemmenden Gewichten beschwert. Er kannte diese seine Rachtheile und sic erfüllten ihn mit um so größerer Bitterkeit, als er ihnen die Schuld daran znschrieb, daß Schulamit immer weniger seine Gesellschaft suchte und sich immer williger derselben entzog. Der wirkliche Grund hiervon war jedoch einfach die immer mehr sich ausprägende Verschiedenartigkeit der Neigungen und je heftiger, gereizter er sie an sich zu fesseln suchte, desto weniger erreichte er dieses Ziel, ja um so mehr entfernte er sich von demselben infolge einer bei dem Kinde naturgemäß wach gewordenen Reaetion. Richt als ob sie nicht immer noch manchesmal gerne seinen klugen Reden gelauscht hätte, sich von ihm belehren ließ ~ Aber sie fühlte eben weniger und seltener den Hang zu lernen, als sich im Spiel zu tummeln. — Des leidigen Lernens gab es ohnehin in der Schule genug — und zum Spielen nein, dazu erschien er ihr so ernst, so alt! Schon der Gedanke daran erweckte in ihr ein komisches Gefühl. In seinem Mißmuthe sing Moscheh an, Vergleiche auzustellen zwischen sich und Andern, welche alle zu seinen Ungunsten aussielen. Ohne sich eigentlich über den Grund klar zu sein, nörgelte er an seinen körperlichen und geistigen Eigenschaften und war bestrebt, beide herabzusetzen. Daraus enstand ein hypochondrischer Haß gegen sich selbst, der sein ganzes Leben vergiftete . . . Eines Freitags Nachmittags hörte Moscheh von der Seite der Wirthschastsgebäude her den wüsten Lärm von spielenden Kindern. Im Heuschoppen, wo auf dem Fußboden große Mengen eben eingeheimstcn Heus lagen :c., hatten sich die Schulkinder des ganzen Ortes versammelt und tollten sich da in allerlei Spielen herum. Die Knaben kletterten vermittelst Leitern auf die Querbalken des Schupfens und sprangen von dort in das schwellende Heu hinab. Andere wieder improvisierten ein Tanzkränzchen und drehten sich zu Paaren mit den anwesenden Mädchen im Tanze. Zu diesen Letzteren gehörte auch