Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 79-80 (11.10.1898)
- Date
- 1898-10-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1468 Feuilleton. —verkauft. Eine Erzählung aus U n g a r n. in) Von Samuel B. Rosrrer. Schulamit schien nun in Wirklichkeit Mirjam anzugehörcn und den größten Theil der Zeit hielt sic sich bei ihr auf und Rüben war es recht, daß es so war. Eine angenehme Beruhigung verschaffte ihm das innige Verhältniß, welches sich zwischen Schulamit und dem mürrischen, alten Weibe entwickelte. Dieses wandte dem Kinde den ganzen Schatz von Liebe;u, welchen ihr Herz im Verborgenen faßte. Stunden laug saß sie mit dem Kinde und spielte und ließ sich geduldig alle Streiche des kindlichen Jugendmuthes gefallen. Muße dazu hatte sic ja in Fülle- Mehr als einmal nahm ihr Schulamit die schwarze Hornbrille von der runzeligen Rase, um sie sich selbst auszu'ctzcii, oder sie spielten Blindekuh miteinander. Es war aber auch so traulich in der kleinen Behausung, in welcher alles von Reinlichkeit blinkte, daß es auch das Herz eines Erwachsenen sanft anheimelnd berühren konnte. Am köstlichsten aber waren die dämmrigen Abendstunden, an welchen Mirjam Geschichtchen zu erzählen pflegte. Wundersame Geschichten von süßschauriger Romantik. Da holte das Kind zu den Füßen der Alten einen Schemel herbei und das rosige Gesichtchen auf die Hände gestützt, die herrlichen braunen Augen voll aufgeschtagen, lauschte sie empor zu dem unerschöpflichen Borne der Märchen. Eine andächtige Stille herrschte im Gemache. Bloß die geschwätzige Roeoeouhr in dem gläsernen Gehäuse dort, auf geschnörkelten Säulen aus blassem Milchglas ruhend, ließ ihr langsames Tick-Tack von der blankweiß bedeckten Schublade herab vernehmen. Mirjam war von einem gewissen schrossen Stolze erfüllt und wies eine jede Gabe mit Entschiedenheit zurück. Auch die Wohnung hatte sie blos angenommen, weil ihr Rüben die Ueberzeugung beizubringen gewußt hatte, daß sie es eigentlich ist, die ihm einen großen Dienst damit erweise. Nur das, was Rüben für die Erziehung Moscheh's that, ließ sie sich gerne gefallen. Nebrigens — war er denn nicht ihr Schuldner s Mirjam hielt sich fest davon überzeugt, daß Niemand anderes als sie Schulamit vom sicheren Dod gerettet habe. So genoß denn Moscheh einen sorgfältigen jüdischen Unterricht, welcher ihn für den Berns eines jüdischen Gelehrten hcranbilden sollte. Nachdem eine geraume Zeit verstrichen und man vertraulicher miteinander geworden war, probirte es Rüben wieder einige Schritte vorzudringen. Als sie einmal Freitag Abend nach dem Nachtmahl zu Besuch bei der alten Mirjam waren, erzählte Rüben, Schulamit hätte während des Essens in einem fort zu ihr hineinoerlangt, und er knüpfte hieran die Bitte, ob sie wohl nicht dem Kinde zu lieb, am Sabbat und Festtagen ihre Mahlzeiten lwi ihr drüben einnehmen wollte? Es ginge ja bei ihnen Beiden so still her und es wäre für Beide viel freundlicher zusammen. Mirjam fühlte sich durch ihre Unentbehrlichkeit sehr geschmeichelt und sagte zu, aber unter der Bedingung, daß sie ihr eigenes Essen mitbringen würde, was wieder Rüben bereitwillig concedirte. Er wußte, daß cs Glicht schwer fallen würde, sie mit der Zeit von der Ueberflüssigkeit dessen zu überzeugen, daß sie selbst ihr Essen mitbringe. Niemand fanv sich aber in diese Veränderung leichter zurecht, als Moscheh. Es war ja auch um so Vieles schöner bei Friedberg's, wo die prächtige Schabbesstube durch hohe silberne Kandelaber beleuchtet wurde, als daheim in dem ärmlichen Stübchen, das sein trübes Licht von einigen kleinen Oelt regeln empfing. V. Schntanlit und der nur fünf Jahre ältere Moscheh wuchsen zusammen aus, als ob sie Geschwister gewesen wären. Das prächtige Kind mit dem Hellen Geist gewann allmählig eine unumschränkte Gewalt über den stillen, ernst angelegten Jungen. Ihr zu Liebe blieb er von den Spielen der Kameraden weg, uni ihr seine Zeit zu widmen. Später nahm er sie aus die Knie und lehrte sie beten und lesen. Sie begriff alles spielend leicht, machte ihm aber durch ihr mnthwilligcs Abirren von dem Gegenstand das Leben recht sauer. Im Garten wieder hals er ihr in der Wartung der Blumenbeete und da-flog ihm nicht selten zum Dank ein kleines wohlgezieltes Erdstückchen an die Nasenspitze. Er lachte dazu gutmüthig, was wieder den kleinen Kobold ermuthigte, ihm, der mittlerweile ein ehrbarer „Bocher" geworden war, eine Hahnenfeder in das Hutband zit stecken. Und da lachte er abermals ganz vergnügt dazu. Wenn es ihm seine Studien erlaubten, welchen er mit vietgerühmtem Eifer oblag, streifte er mit ihr über die Wiesen und Felder, um bunte Blumen und schillernde Mücken und Käfer zu suchen. Dabei nannte er ihr die Namen derjenigen, die ihm selber bekannt waren, und sprach von deren eigenthümlichcn Eigenschaften, soweit er sie selber kannte. Denn er beschränkte sich nicht blos auf seine gelehrten Studien, die Welt bestand für ihn nicht blos ans eraeten Begriffen. Er hatte einen offenen Sinn für die unendlich groß sich um ihn aufthuende Welt der Formen und Farben nub suchte sich durch fleißiges Lesen über sie zu unterrichten, wobei ihm die Bibliothek Rüben Friedbergs gut zu statten kam. Wenn sie dann er-