Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 79-80 (11.10.1898)
- Date
- 1898-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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SXXIX. Ja»rg«tg. M 79 & 80. Ein Jer Israelit Oentrat-Hrgan für das orthodore Iudentßum. Begründet von l>r. feftmamt in Main} den 11. gftobet 5659 (1898)« Leitender Artikel. Die Bibel über den Grhorjam gegen König, Staat und Obrigkeit. Von Dr. Adolph Kohut. Der Judenhaß aller Zeiten und Sauber war immer erfinderisch in Scheingründen zur Rechtfertigung seines Raffenkampfes. Die Juven wurden für Alles verantwortlich gemacht; bald hatten sie Brunnen vergiftet, bald die Pest, bald die Cholera hervorgerufen, und bald Chriftenkinder geschlachtet. Als solche absurde Beschuldigungen von der großen Menge nicht mehr blindlings geglaubt wurden, beliebten die Stöckers, Rohlings, Schönerers und Genoffen, den Charakter unserer Glaubensgenossen zu verdächtigen. Daß die Juden ihre Nebemnenschen ausbeuten, Millionen einheimsen und — schlechte Patrioten sind, stand für diese Demagogen fest; und selbst die russischen Hamane, welche die Unterthanen des Zaren ihres israelitischen Glaubens wegen verfolgen und verjagen, haben die kühne Stirn, die Verleumdung in die Welt zu setzen: unsere Brüder kennen nur ein Vaterland: Palästina; sie fühlen sich fremd unter ihren Mitmenschen, sie bilden einen Staat im Staate, — kurz, sie seien Staatsbürger zweiter Klaffe! Für jeden Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebenden bedarf es keines Beweises, daß solche Verdächtigungen aus der Luft gegriffen sind. Die Geschichte lehrt, daß nie und niemals — die Flucht aus Egypten ausgenommen — die Juden gegen ihre Obrigkeit sich empört haben. Die unmenschlichste Behandlung, die schändlichste Bedrückung vermochte ihre Loyalität nicht zu tobten; nur auf gesetzlichem Wege, durch Bitten und Flehen, durch vernünftige Vorstellungen waren sie bestrebt, ihre Lage zu verbessern und der Menschlichkeit endlich zum Siege zu verhelfen. Stets vertraten sie das Recht des Bestehenden, die Interessen der von Gott eingesetzten Obrigkeit und wiesen alle Versuche, mit den Umstürzlern zu paktiren, aufs Entschiedenste von sich. Es ist ja freilich nicht zu leugnen, daß unter den Nihilisten und Nihilistinnen sich — aber in verschwindend geringer Anzahl — Juden und Jüdinnen befanden, aber wer wird für das Verbrechen der Einzelnen die Gesammtheit als solche verantwortlich machen wollen? Seitdem die Sonne der Emanzipation un» lächelt, ist Dankbarkeit die Pflicht unserer Brüder, und allerorten sehen wir, wie sie diese Tugend dem Staate gegenüber zu bethätigen bemüht sind. Ans Vaterland, ans theure, schließen wir uns an, das halten wir fest mit ganzem Herzen. Wenn wir auch Jerusalem ehren, und die Wiederaufrichtung Zions als das Endziel der vollkommenen Erlösung mit jeder Faser unseres Herzens ersehnen, so ist dieser religiöse Gedanke keineswegs ein Ersatz für das vaterländische Gefühl, das uns beseelt und beseelen muß. Aber wie hätte dies auch anders sein können! Die Liebe zürn Vaterlande, der Gehorsam gegen König, Staat und Obrigkeit ist eine der wichtigsten, bedeutsamsten und dringendsten Forderungen der Bibel — und wir Alle, denen die Bibel der Urquell der Sittlichkeit ist, folgen dem göttlichen Gebot. Sehen wir uns diese Auffassung der heiligen Schrift etwas genauer an: Die Bibel wird nicht müde, den Unterthanen den Gehorsam gegen den König und dessen von Gott eingesetzte Herrschaft aufs Wärmste zu empfehlen. Die zahlreichen Lehren, welche uns die Thora über die diesbezüglichen Pflichten einschä'rst, sind wahrlich